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Indien: Wie Modi Indiens Jugend auf seine Seite ziehen will Indiens Jugend ist wütend über schlechte Aufstiegschancen und setzt die Regierung unter Druck. Regierungschef Modi liefert nun eine Antwort – und will nebenbei zum Influencer werden.
Proteste in Indien: Die Unzufriedenheit von Indiens Jugend geht jedoch weit über Skandale im Bildungssystem hinaus. Foto: AP Photo/Rafiq MaqboolBangkok. Narendra Modi ist gekommen, um sich mit Indiens Jugend zu versöhnen. Nicht einmal vier Wochen ist es her, dass die Polizei in der Hauptstadt Neu-Delhi mit Schlagstöcken und Tränengas gegen frustrierte Jugendliche und junge Erwachsene vorging, die von der Regierung bessere Aufstiegschancen forderten.Nun scheint Indiens Premierminister verstanden zu haben, dass er es sich kaum leisten kann, die Jugend weiter zu erzürnen. Immerhin ist in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt jeder zweite Einwohner jünger als 30.Mit einem roten Turban trat der 75-Jährige am Samstagmorgen vor dem Roten Fort in Delhi ans Rednerpult, um der wachsenden Unzufriedenheit mit seiner Regierung etwas entgegenzusetzen. Der revoltierenden Gen Z, die für seine Regierung die größte innenpolitische Herausforderung seit Jahren ist, machte er in der 75 Minuten langen Ansprache zum indischen Unabhängigkeitstag konkrete Versprechen.So gab er bekannt, dass die Regierung im kommenden Jahr zehn Millionen junge Menschen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz trainieren werde. Zudem kündigte er kostenlosen Nachhilfeunterricht an, der Schulabgänger auf Indiens extrem selektive Auswahltests vorbereiten soll.Proteste bewegen Modi zu KursänderungDer Versuch, einen der begehrten Plätze für ein Medizin- oder Ingenieurstudium oder einen Posten im Staatsdienst zu ergattern, treibt derzeit jedes Jahr Hunderttausende in teure Coaching-Schulen, die auf die Prüfungen vorbereiten. „Jede Familie hat das Gefühl, dass es dem Ansehen schadet, wenn sie ihr Kind nicht in einen Coaching-Kurs schickt“, sagte Modi dazu in seiner Rede. Seine Entscheidung, künftig kostenfreies Online-Coaching anzubieten, solle dabei helfen, dass „Familien nicht in den finanziellen Ruin getrieben werden“.Narendra Modi: Indiens Premierminister kündigte kostenlosen Nachhilfeunterricht an. Foto: Uncredited/AP/dpaAuch wenn Modi die Jugenddemonstrationen der vergangenen Wochen nicht direkt ansprach, kann die Ankündigung als direkte Reaktion gewertet werden. Eine Protestbewegung, die unter dem Namen „Kakerlakenpartei“ auftritt und auf sozialen Medien mehr als 20 Millionen Anhänger versammelte, hatte Skandale bei Indiens Auswahltests zu ihrem zentralen Thema gemacht.Hintergrund war unter anderem eine gescheiterte Zulassungsprüfung zu Medizinstudiengängen, an der mehr als zwei Millionen junge Menschen teilgenommen hatten. Die Ergebnisse wurden für ungültig erklärt, nachdem herauskam, dass Prüfungsfragen zuvor geleakt worden waren. Angesichts des hohen Vorbereitungsdrucks löste das Empörung bei den Teilnehmern aus. Sie mussten Wochen später ihr Wissen in einer Wiederholungsprüfung erneut beweisen.Die Kakerlakenbewegung machte Bildungsminister Dharmendra Pradhan für den Vorfall verantwortlich. Den Rücktrittsforderungen der Aktivisten gab er erst Ende Juli nach wochenlangen Protesten nach. Modi sah die Kabinettsumbildung zu dem Zeitpunkt offenbar als unvermeidlich an, um den wachsenden Unmut zu besänftigen. Es war einer der wenigen Fälle in seiner Amtszeit, bei denen öffentlicher Druck eine Kursänderung bewirkte.Viele Uni-Absolventen sind arbeitslosDie Unzufriedenheit von Indiens Jugend geht jedoch weit über Skandale im Bildungssystem hinaus. Viele junge Menschen haben das Gefühl, dass der wirtschaftliche Aufstieg des Schwellenlandes an ihnen vorbeizieht. Die Arbeitslosenrate der 15- bis 29-Jährigen kletterte im Juni nach offiziellen Daten auf über 16 Prozent – und liegt damit deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Unter den Hochschulabsolventen zwischen 20 und 29 Jahren ist nach einer Untersuchung der Azim-Premji-Universität in Bangalore fast jeder Fünfte arbeitslos.Modis Ankündigung, KI-Trainings für zehn Millionen Jugendliche anzubieten, ist auch vor diesem Hintergrund zu verstehen. An Indiens Hochschulen wächst die Sorge, dass KI-Systeme die Jobchancen von Berufsanfängern weiter untergraben – besonders in der für Indien wichtigen IT-Outsourcing-Industrie. Marktführer wie Tata Consultancy Services und Infosys sehen sich mit der Frage konfrontiert, ob sie für die Umsetzung von IT-Projekten nach wie vor Teams mit Hunderttausenden Mitarbeitern benötigen.In seiner Rede zum 80. Unabhängigkeitstag versuchte Modi, Ängste zu lindern. Er sprach direkt die „geliebte Jugend“ an und führte aus, weshalb sie ihm aus seiner Sicht dankbar sein sollte: Und zwar für die Vision, Indien bis zum 100. Jubiläum der Unabhängigkeit im Jahr 2047 zur entwickelten Volkswirtschaft zu machen. „Der größte Nutznießer eines entwickelten Indiens ist die Jugend meines Landes", sagte Modi – und kündigte den Bau von bis zu acht neuen Chipfabriken und fünf neuen Atomreaktoren in den kommenden Jahren an. Die jungen Inderinnen und Inder erklärte er dabei zum Zentrum seiner Politik: „Mit unserer Jugend als absoluter, oberster Priorität müssen wir voranschreiten.“Modi will mit Instagram-Videos durchstartenDie Rhetorik unterscheidet sich deutlich von Aussagen aus Indiens Elite, die den Anstoß zur Gründung der Kakerlakenbewegung gaben. Der oberste Richter des Landes hatte bestimmte arbeitslose Jugendliche als „Kakerlaken“ bezeichnet – eine Formulierung, die der Aktivist Abhijeet Dipke ironisch aufgriff: Er rief satirisch die Kakerlakenvolkspartei ins Leben, die zunächst vor allem online aktiv war und zuletzt mit ihrem Großprotest in Neu-Delhi aufmarschierte.Anhänger der Kakerlakenpartei in Indien: Der oberste Richter des Landes hatte bestimmte arbeitslose Jugendliche als „Kakerlaken“ bezeichnet. Foto: IMAGO/Hindustan TimesNeben dem Rücktritt des Bildungsministers bewirkte sie auch einen Wandel in der politischen Kommunikation – offenbar in Vorbereitung auf wichtige Regionalwahlen im kommenden Jahr. Während Modi bisher vor allem über die Plattform X und eine monatliche Radiosendung mit der Bevölkerung kommunizierte, startete er nach dem Erfolg der Kakerlakenpartei eine Videooffensive auf Instagram. Verwandte Themen IndienInstagramEr spricht dabei meist direkt und ungeschnitten in die Kamera und gibt sich als nahbarer Politik-Influencer. Die Zuschauer begrüßt er betont locker mit „Hi friends“. Seine Partei BJP veröffentlichte ein Hochkantvideo mit dem Premierminister, unterlegt mit der Titelmelodie der US-Sitcom „Friends“ und dem Refrain „I'll be there for you“.Auch Modis Minister wurden angehalten, auf sozialen Medien stärker eine jüngere Zielgruppe anzusprechen. Das indische Außenministerium startete vor einer Woche einen offiziellen Auftritt auf Snapchat. Die Botschaft, die Modi senden möchte, ist klar: Er will, dass Indiens Jugend ihn nicht als Gegner, sondern als Verbündeten begreift. Er wolle den jungen Menschen zurufen, mit ihren Träumen nach vorne zu treten, sagte Modi vor dem Roten Fort. „Wir werden dafür sorgen, dass es an Mitteln nicht mangelt.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. 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