Tränengas statt Jobs – Indiens Jugend studiert am Arbeitsmarkt vorbei und protestiertDie Suizide von mehreren Studenten wegen geleakter Prüfungen haben schwere Proteste ausgelöst. Auch der Führer der Opposition soll festgenommen worden sein. Doch das Malaise sitzt tiefer: Die Wirtschaft wächst nicht schnell genug, um die Millionen Abgänger aufzufangen.22.07.2026, 02.00 Uhr5 LeseminutenEin Demonstrant wirft am 20. Juli in Delhi einen Tränengaskanister in Richtung Polizei.Adnan Abidi / ReutersDie Explosionen der Tränengasgranaten waren am Montag im Stadtzentrum von Delhi weitherum zu hören – dort, wo die meisten Regierungsgebäude stehen, aber auch viele Hotels und Touristenattraktionen. Trotz dem Monsunregen hatten sich Tausende auf dem Jantar-Mantar-Platz versammelt, um den Rücktritt des Erziehungsministers Dharmendra Pradhan zu fordern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Polizei versuchte die Proteste mit Tränengas und Schlagstöcken aufzulösen, laut lokalen Medien wurden dabei viele Demonstranten in Gewahrsam genommen und Dutzende von Polizisten verletzt. Auch das Mobilfunknetz wurde weiträumig gesperrt. Die oppositionelle Kongress-Partei verurteilte die «Niederschlagung» der Proteste scharf. Auch am Dienstag kam es noch zu vereinzelten Protesten.Unmittelbarer Auslöser für die Proteste waren die Verlegung eines Aktivisten im Hungerstreik ins Spital sowie die Suizide mehrerer Studenten. Die Demonstranten machen Unregelmässigkeiten bei den Zulassungsprüfungen für die Selbstmorde verantwortlich.Viele Strassen in der Innenstadt von Delhi waren durch die Proteste blockiert.Sabah Gurmat / NZZImmer wieder werden in Indien Zulassungsprüfungen geleakt oder kommerziell vertrieben. Zuletzt war die Prüfung für das Medizinstudium betroffen. Für die Studenten ist das ein grosses Ärgernis. Wenn ein Leak auffliegt, müssen alle die Prüfungen wiederholen – und selbst dann ist nicht sichergestellt, dass es diesmal zu keinen Unregelmässigkeiten kommt. Ein Studium gilt vielen jungen Indern als der einzige Weg zu einer stabilen Karriere.Modi erklärt Prüfung zu einer nationalen AngelegenheitIn einer Rede im Parlament erklärte Premierminister Narendra Modi es am Dienstag zu einer nationalen Verantwortung, zukünftig solche Leaks zu verhindern. Die Regierung habe umgehend gehandelt, und alle Beteiligten seien verhaftet worden. Bereits einen Tag zuvor war eine Delegation der Protestler von Gesundheitsminister J. P. Nadda empfangen worden.Die sogenannte Kakerlaken-Bewegung (CJP) hatte am Montag zum Marsch auf das Parlament aufgerufen, wo gerade die neue Legislaturperiode begann. Die CJP wurde im Mai 2026 vom damals in den USA lebenden Kommunikationsstrategen Abhijeet Dipke gegründet. Dies, nachdem sich der oberste Richter Indiens verächtlich über die Jugend geäussert und arbeitslose junge Menschen als «Kakerlaken» und «Parasiten der Gesellschaft» bezeichnet hatte.Viele nehmen die Proteste mit ihren Handys auf. Das Internet wurde am Montag im Stadtzentrum von Delhi gesperrt.Daniel Rickenbacher / NZZZu viele Abgänger, zu wenige JobsDer CJP-Gründer Dipke hatte die Proteste im Juni nach seiner Rückkehr nach Indien lanciert. Doch inzwischen ziehen sie nicht nur Studenten an, sondern drohen zu einem Sammelbecken für die Opposition gegen Premierminister Modi zu werden. Am Dienstag schloss sich auch deren führende Kraft, die Kongresspartei, der Bewegung an und organisierte einen Protest vor der offiziellen Residenz des Premierministers. Er wurde gegen Abend von der Polizei aufgelöst. Laut Medienberichten soll dabei auch der Führer der Opposition, Rahul Gandhi, von der Polizei festgenommen worden sein.Der Wirtschaftswissenschafter Santosh Mehrotra sieht die Ursache für die gegenwärtigen Proteste in der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Mehrotra ist ein bekannter Kritiker der Wirtschaftspolitik der Regierung Modi und schreibt regelmässig für indische Zeitungen. Jährlich strömten 7 Millionen Inder in den Arbeitsmarkt, doch die indische Wirtschaft wachse mit rund 6 Prozent jährlich zu wenig schnell, um alle aufzufangen. Bereits seien 50 bis 100 Millionen Inder arbeitslos oder hätten die Suche nach Arbeit schon aufgegeben.Die Opposition nutzt die ProtesteBereits am Montag waren viele verschiedene Gruppen an den Protesten anzutreffen, insbesondere aus dem linken Spektrum. Jaspreet, 33 Jahre alt, ist mit einer Gruppe von Anhängern des kommunistischen Studentenverbandes aus dem Gliedstaat Gujarat angereist. Sie habe Pädagogik studiert und sei genauso wie ihre Schwestern arbeitslos, erzählt sie. Auf einem Transparent fordern die Kommunisten aus der Provinz eine Jobgarantie für alle Abgänger. Sie wirken deutlich älter als die meisten anderen Protestler auf den Strassen Delhis.Daniel Rickenbacher / NZZDer Youtuber Viskash Sahu berichtet von den Protesten. Die Protestteilnehmer verlassen sich primär auf die Berichterstattung unabhängiger Influencer und stehen den Mainstream-Medien skeptisch gegenüber.Anuj ist 19 und studiert an der Universität Delhi Englisch. Er ist mit einem Freund und einer Freundin gekommen. Sie alle tragen Gesichtsmasken. Über die Gewalt zeigt er sich schockiert. Von den Verantwortlichen für die geleakten Prüfungen fordert er Rechenschaft. «Diese Prüfungen entscheiden über unsere Zukunft. Das System ist so korrupt. So kaputt. Die Studenten stehen unter so grossem Druck, dass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als Suizid zu begehen.» Anuj sieht in den Vorfällen ein Versagen des gesamten Bildungssystems und der indischen Regierung.Die Bewegung organisiert sich über Social MediaWie viele der Protestteilnehmer beklagt sich Anuj über einen zunehmenden Autoritarismus in Indien. Über die Proteste werde kaum berichtet: «Die Zeitungen und die Mainstream-Medien Indiens sind allesamt voll mit Propaganda.» Er und seine Freunde verfolgen die Ereignisse deshalb über Instagram-Reels.Das ist typisch für die Bewegung. Als Dipke sie im Mai gründete, hatte er innert kurzer Zeit Millionen von Followern auf Instagram. In Indien sind Social Media zu einem wichtigen wirtschaftlichen und politischen Faktor geworden.Ein Demonstrant macht ein Selfie. Auch auf Social Media sind die Proteste in Indien ein Grossereignis.Adnan Abidi / ReutersIm Demonstrationszug bildeten sich am Montag immer wieder Menschentrauben. Dort fand man Influencer, die Aufnahmen machten und Menschen interviewten. Zugleich sind die Influencer selbst Teil der Proteste.Einer dieser Influencer ist Viskash Sahu, der extra aus dem Gliedstaat Jharkhand angereist ist. Er sagt, in Indien gebe es keine Pressefreiheit: Mehrere seiner Kanäle mit Zehntausenden von Followern seien von der Polizei gelöscht worden. Er zeigt Fotos, die tätliche Angriffe bezeugen sollen. Überprüfen lassen sich die Vorwürfe nicht. Das Misstrauen gegenüber den Mainstream-Medien ist hier gross. Der Vorwurf: Sie steckten mit der Regierung unter einer Decke.Die indischen Zeitungen, auch jene, die der Regierungspartei BJP nahestehen sollen, berichten jedoch ausgiebig über die Proteste. Sie tun dies teilweise mit Sympathie. In Indien geniesst das Anliegen der Studenten, die Verbesserung des Bildungssystems, breite Unterstützung. Bildung gilt vielen Indern als das höchste Gut überhaupt, und sie investieren beträchtliche Summen in sie.Indische BildungsblaseDiese Entwicklung sehen nicht alle unkritisch. In den letzten Jahren sei der Bildungssektor in Indien enorm gewachsen, sagt der Wirtschaftswissenschafter Mehrotra. Er spricht von einer Blase und sagt: «Es ist dumm, jungen Menschen zu erlauben, Fächer zu studieren, die ihnen niemals einen Arbeitsplatz verschaffen werden.» Nur wenig mehr als ein Viertel der Studenten sei in Fächern wie Ingenieur- und Naturwissenschaften eingeschrieben, die die beste Aussicht auf einen Job böten.Treiber der Blase sei der private Sektor, der unablässig die Bildungsangebote ausbaue – oft mit Schwarzgeld. Erst 2022 habe man einen nationalen Zulassungstest für die Universitäten geschaffen. Mitteleuropa scheint ihm dagegen als Vorbild: «Die berufliche Ausbildung ist der Weg in die Zukunft. Der Zugang zu den Hochschulen muss deutlich strenger geregelt werden.»Eine Unterstützerin der Kakerlaken-Bewegung konfrontiert einen Polizisten. Bei den Protesten sollen laut örtlichen Medien auch viele Polizisten verletzt worden sein. Die Kakerlaken-Bewegung bestreitet das.Manish Swarup / APPassend zum Artikel