Ein Drücken auf Play, ein sattes «Katschunk», dann beginnt sich das Magnetband zu drehen. Getty Images Vom ausrangierten Relikt der Generation X zum stilvollen Sammlerstück: Die Audiokassette erlebt eine sanfte Renaissance als haptischer Gegenpol zum Streaming.Ach, wie haben wir sie doch geliebt, die Kassettensammlung unserer Jugendjahre – wir, die in den 1970er und 1980er Jahren aufwuchsen, besassen fast alle ein sorgfältig kuratiertes Sortiment – mit Lieblingsbands, selbst aufgenommenen Mixtapes, Hörspielen aus der Kindheit und so manchem Fehlkauf. Unser Kassettenarsenal war der Vorgänger späterer Playlists auf Spotify, widerspiegelte es doch den eigenen Musikgeschmack und oft auch die Persönlichkeit.Doch im Gegensatz zum digitalen Streaming waren Kassetten greifbar. Man hielt sie in der Hand, das Plastikgehäuse klackte sanft bei jeder Bewegung, etwa wenn man den Finger oder einen Stift in eines der gezahnten Löcher steckte, um die Spule aufzuwickeln. Man beschriftete sie mit Filzstift und verbrachte Stunden damit, Songs aus dem Radio oder von Schallplatten aufzunehmen. Mit dem Walkman wurde Musik dann mobil. Hinter den weichen Schaumstoffpolstern der Kopfhörer entstand der ganz persönliche Rückzugsort – im Jugendzimmer, im Zug oder auf Rollschuhen. Kassetten und Walkman waren auf ihre Weise das Instagram ihrer Zeit: Bühne, Statussymbol und Soundtrack des eigenen Lebens zugleich. Audiokassetten: Nostalgie pur für die einen, Neuentdeckung für die anderen. Mike Flamenco / Unsplash Doch ab den 2000er Jahren schien die Audiokassette endgültig Geschichte zu sein. Nach dem Höhepunkt in den 1980er Jahren trat sie 1992 ihren Spitzenplatz als weltweit meistverkauftes Musikformat an die CD ab und verlor mit dem Aufkommen von MP3 sowie dem iPod Anfang der 2000er auch ihre mobile Bedeutung. Die Massenproduktion bespielter Kassetten wurde von den Musiklabels bis 2005 schrittweise eingestellt.Seit einigen Jahren taucht die Kassette aber wieder auf: in den Online-Shops grosser Pop-Stars, auf Flohmärkten, in Vintage-Läden – und sogar an einer Veranstaltung des Luxuslabels Prada. Dabei erlebt sie kein technisches Comeback, sondern ein kulturelles. Sie kehrt nicht zurück, weil sie besser klingt oder praktischer wäre als Streaming, sondern weil sie ein anderes Verhältnis zur Musik verspricht: langsamer, greifbarer und aktiver.Von Taylor Swift über Madonna . . .So veröffentlichen immer mehr Musikerinnen und Musiker ihre Alben wieder auf Kassette – allerdings nicht mehr als Billigmedium, sondern als begehrtes Sammlerstück. Den Stein brachte unter anderem Taylor Swift ins Rollen, die ihr Album «Reputation» 2017 als eines der ersten grossen Pop-Alben wieder auf Band herausbrachte und den Trend mit ihren Folgealben auf die Spitze trieb. Branchengrössen wie Billie Eilish, Dua Lipa, Olivia Rodrigo, Charli XCX, Ed Sheeran und Madonna zogen umgehend nach. Die Kassette ist zum nostalgischen Fanartikel und gestalteten Sammlerobjekt geworden. Transparentes oder farbiges Gehäuse, individuell gestaltete Labels und aufwendig gestaltete Inlays machen sie zum kleinen Designstück.Während Musik beim Streaming oft auf ein quadratisches Coverbild schrumpft, wird das Album wieder zu etwas, das man in die Hand nimmt, betrachtet und im Regal ausstellt. Für Künstler und Labels eröffnet das neue Möglichkeiten, eine visuelle Welt rund um ein Album zu schaffen – ähnlich wie bei Vinyl, nur kompakter und erschwinglicher.. . . bis hin zu PradaDas Revival reicht längst über die Musikbranche hinaus. Das sah man jüngst in der Modewelt beim exklusiven Kulturformat «Prada Mode», das Anfang Juni 2026 im historischen New Yorker Hotel Chelsea stattfand und vom Filmregisseur Nicolas Winding Refn sowie vom Videospielentwickler Hideo Kojima mitgestaltet wurde: Die geladenen Gäste erhielten eigens gebrandete tragbare Kassettenspieler samt Audio-Tapes. Bilder der Teilnehmer in sozialen Netzwerken zeigten die Retro-Geräte als zentrales Stilelement der Event-Erfahrung.Das zeigt, wie sich die Bedeutung des Objekts verändert hat. Der Kassettenspieler ist heute weniger Unterhaltungselektronik als kulturelles Accessoire – ein Symbol für Nostalgie, Individualität und einen ästhetischen Lebensstil mit Sinn für Materialität und aktiven Medienkonsum.Industrieller Aufwind: Magnetbänder aus EuropaZahlen belegen, dass es sich um mehr als eine flüchtige Laune handelt: Allein in den USA verzeichneten laut Daten von Luminate, einem Analyseunternehmen für die Unterhaltungsbranche, Kassettenverkäufe in den USA über einen Zeitraum von sieben Jahren einen rasanten Umsatzanstieg von 443 Prozent: von 74 000 Kassetten im Jahr 2015 auf 223 000. Dieser Aufschwung war vor allem darauf zurückzuführen, dass jüngere Fans physische Veröffentlichungen beliebter Künstler wie Billie Eilish und Harry Styles kauften.Und in Europa reaktivierte das französische Unternehmen Mulann (heute Recording The Masters) in der Normandie die alten, legendären Chemie-Rezepturen von Agfa und BASF und die erste Kassettenproduktion in Frankreich seit den 1990er Jahren. Zusammen mit der amerikanischen National Audio Company (NAC) kann Mulann die wiederaufkeimende Nachfrage nach physischen Bändern bedienen. PD Die Kassetten-Releases von Billie Eilish und Charli XCX. Der Walkman wird neu erfundenParallel zu diesem Wiedererwachen der Kassette taucht eine neue Generation von Abspielgeräten auf. Im Gegensatz zu den Original-Präzisionslaufwerken der legendären, längst eingestellten Modelle von Sony oder Panasonic sind diese mit wiederaufladbaren Akkus, Bluetooth und USB-C-Anschlüssen ausgestattet: Als die Kultband Pink Floyd im Juli eine limitierte Sonderedition von «The Dark Side of the Moon» herausbrachte, paarte sie diese mit einem tragbaren Kassettenspieler, dessen Design vom ikonischen Albumcover inspiriert ist.Das Gerät stammt von der französischen Marke We Are Rewind, einem Startup, dessen Produkte sich von Billigfabrikaten mit einfachen, klanglich minderwertigen Standardlaufwerken abheben. Kassettenspieler «Pink Floyd», limitierte Edition, 179 Euro, von We Are Rewind. PD «Als wir 2019 anfingen, war das Kassetten-Revival eine Nischenbewegung», erinnert sich der Mitgründer Guillaume de Kergariou. «In den vergangenen Jahren hat die Nachfrage jedoch drastisch angezogen.» Statt alte Geräte stumpf zu kopieren, entwickelte We Are Rewind einen tragbaren Player mit mattem Aluminiumgehäuse und zeitgemässen Funktionen. Das Ziel: den Walkman so zu denken, wie er aussehen könnte, wenn er heute von Grund auf neu erfunden würde.Nach rund 20 000 produzierten Einheiten im vergangenen Jahr rechnet das Unternehmen für 2026 bereits mit einer Verdoppelung auf etwa 40 000 Geräte. Das Erstaunliche: «Viele unserer Kunden hatten nie einen Walkman», sagt Guillaume de Kergariou. «Sie entdecken die Kassette erstmals.» Das Unternehmen verkauft deshalb nicht einfach Nostalgie, sondern versucht den Walkman für eine Generation neu zu denken, die Streaming gewohnt ist. PD Moderne Romantik: Bluetooth-Kopfhörer und Kassettenspieler im Aluminiumgehäuse mit wiederaufladbarem Akku und Bluetooth-5.1-Verbindung, 189 Euro, von We Are Rewind. Haptik als Gegenpol zum AlgorithmusMit dem Drücken auf den Play-Knopf, einem satten «Katschunk», beginnt sich das Magnetband zu drehen. Für die Generation X genügt dieses Geräusch, um Erinnerungen zu wecken. Doch was bewegt jüngere Semester dazu, Kassetten zu kaufen?In Zeiten flüchtiger Tiktok-Clips und endloser Algorithmen bietet die Kassette ein haptisches Gegenmodell. Das Tape dient als Fan-Kunstwerk für das Regal, der Player als sichtbares Mode-Statement. Laut Recherchen des «Wall Street Journal» tragen Jugendliche die Geräte heute wieder stolz an Gürteln oder Rucksackgurten durch die Stadt. Die im Juli veröffentlichte «Joyful Listening»-Studie im Auftrag der Audiounternehmen Pure und TEAC belegt diesen Wandel: Mehr als ein Drittel der jungen Erwachsenen in Deutschland gaben an, einen modernen Kassettenspieler mit Bluetooth kaufen zu wollen. Im Fanartikel-Shop von Olivia Rodrigo findet sich auch ein mittlerweile ausverkaufter Walkman. PD Und was früher als Nachteil galt, hat heute seinen Reiz: Das blinde Vorspulen auf der Suche nach dem Lieblingssong oder das Aufwickeln von Bandsalat mit einem Kugelschreiber – für ältere Generationen eine lästige Erinnerung – wird von der Generation Z als entschleunigendes Entdeckungsritual gefeiert. Man kann nicht beliebig skippen oder zwischen Hunderten Alben wechseln. Stattdessen hört man ein Album oft so, wie es gedacht war – von der ersten bis zur letzten Minute einer Bandseite. Gerade diese kleine Hürde macht das Musikhören wieder bewusster.Ein Objekt mit neuem SinnTrotz aller Aufmerksamkeit bleibt die Kassette ein Nischenprodukt. Ihr Erfolg misst sich weniger in Millionenverkäufen als in ihrer kulturellen Präsenz – auf Konzerttourneen, in Concept-Stores oder bei Luxusmarken wie Prada. Diese Renaissance spürt der Schweizer Handel etwa nur sanft: «Die Nachfrage nach mobilen Kassettenspielern und Kassetten ist bei uns bescheiden», erklärt der Galaxus-Mediensprecher Alex Hämmerli. «In den letzten Jahren und auch dieses Jahr haben wir bloss dreistellige Stückzahlen von Kassettenspielern verkauft, unbespielte Kassetten sogar noch weniger. Wir sehen zwar ein Verkaufswachstum, dies aber auf tiefem Niveau.»Streaming hat Musik grenzenlos verfügbar gemacht. Die Kassette macht sie wieder begrenzt. Gerade weil sie langsamer, unpraktischer und analog ist, wird die Kassette wieder interessant – nicht als Konkurrenz zum Streaming, sondern als dessen bewusstes Gegenstück. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.