PfadnavigationHomeICONISTTrendsLooks, Moden, MarottenWarum wir von den 90ern nicht lassen können – und das vielleicht auch gut so istVeröffentlicht am 26.06.2025Lesedauer: 3 MinutenSeit 30 Jahren unverändert eigenwillig: Pulp-Sänger Jarvis Cocker – auch er steht jetzt wieder auf der BühneQuelle: Roberto Ricciuti/Getty ImagesSchnurrbärte, Haarbroschen, Kopfhörer mit Kabeln – alles kommt zurück. Sogar das DJ-Duo Kruder und Dorfmeister. Warum die Begeisterung für den Look und Sound der 90er aber gar nicht so schlimm ist.Was soll man von einem Dienstagmorgen nach Pfingsten halten, an dem man als Erstes erfährt, dass ein Kollege Karten für das Kruder-&-Dorfmeister-Konzert in Wien hat – und sich auch noch darauf freut? Zur Erinnerung: Peter Kruder und Richard Dorfmeister sind zwei DJs und Produzenten, die in den 90er-Jahren berühmt wurden, weil sie 1. auf ironische Art aussahen wie Simon & Garfunkel und 2. aus geschickten Samples und verlangsamten Beats einen Sound bastelten, der einen kurzen Moment Avantgarde war und dann sehr schnell sehr anschlussfähig wurde. Mitte der 90er fürchtete man, einen Fahrstuhl zu betreten, in dem die Downbeats auf einen lauerten.Was diese Schwelgerei in der Vergangenheit soll? Ich befinde mich damit in guter Gesellschaft. Schon lange und immer wieder wurde konstatiert, dass Gen Z und Gen A eine Schwäche für die Looks, Moden und Marotten der 90er haben. Jetzt kulminiert diese Nostalgie nach Dingen, die sie nie erlebt haben, aber wie Zeugen einer scheinbar unbeschwerteren Zeit in unsere verkantete Gegenwart ragen. In ihrer ausufernden Geschichte „Everything Millennial is Cool Again“ listet die „New York Times“ (eigentlich auch so eine Millennial-Zeitung) diverse Zeitgeistphänomene auf, die jetzt wieder en vogue sind. Der Männerschnurrbart – man denke nur an den Performer und Freddy-Mercury-Verehrer Benson Boone. Lesen Sie auch„Sex in the City“ – erst gecancelt, dann bemüht modernisiert, jetzt wird die neue Staffel von der Fortsetzungsserie „And just like that“ gefeiert. Broschen, Spangen und Ziergummis im Haar und vor allem aufwendige Frisuren – als schlagender Beweis gelten die aktuellen Konzerte von Beyoncé, wo man vor lauter Haaren kaum noch die Bühne sieht.Eines der erstaunlichsten Comebacks allerdings erleben Kopfhörer mit Kabeln. Neun Jahre nach Einführung der AirPods sieht man erstaunlich viele Menschen jeden Alters, aus deren Ohren dünne, weiße Kabel hängen. Die Gegengründe liegen auf der Hand: langwierige Entwirrung, ständige Gefahr des Hängenbleibens. Lesen Sie auchAber vielleicht geht es ja gerade darum: Nach Jahrzehnten des ungebremsten Nach-vorn-Strebens ist ein Anker, und sei er noch so dünn, etwas Tröstliches. Die Botschaft: Es gibt eine Vergangenheit, es gibt einen Weg zurück. Vermutlich will niemand allen Ernstes zurück zu einer Zeit ohne Tinder und ChatGPT. Aber Ausweglosigkeit erzeugt Klaustrophobie. Die Reminiszenzen an die Vergangenheit schaffen die Illusion der Wahlfreiheit. Angeblich ist der Sound mit Kabeln auch besser, aber dieses Argument konnte den Fortschritt noch nie aufhalten.Wer mitschwimmt auf der Welle, ist der Sänger Jarvis Cocker – mit mutmaßlich rötlich getöntem Haar und dem gleichen alterslos-hageren Körper wie vor 30 Jahren. In diesem Sommer geht seine Band Pulp auch wieder auf Tour (die damaligen Konkurrenten von Oasis natürlich auch). Seine zu Tode zitierte Textzeile lautet: „Irony is over, bye bye“ aus dem Song „The Day After the Revolution“. Die Wiedergänger der Popkultur erinnern uns daran, dass die Revolution eventuell noch bevorsteht.