Ein Relikt aus der analogen Welt verteidigt seine Nische so tapfer wie weiland das umzingelte Dorf des gallischen Helden Asterix, sogar mit zählbarem Nachweis von stetigem Wachstum: die Schallplatte aus Vinyl. Sie rotiert bis heute unverdrossen. Und passende Hardware tummelt sich am liebsten in der Güteklasse High End, wo sie gar nicht selten mit vier- oder fünfstelligen Zahlen auf dem Preisschildchen antritt. Was befeuert diesen Trend?Frühe Theorien lobten die klanglichen Vorzüge des Analogen im Vergleich zum „kühlen“, oft als seelenlos beschriebenen Digitalsound. Doch das sind Mythen von vorgestern, der Spaß am Vinyl speist sich heute nicht mehr aus den Prinzipien der Signalverarbeitung, zumal das Digitale aus der Produktionskette jedweder Tonkonserve überhaupt nicht wegzudenken ist. Nein, dem Musikstreaming fehlen einfach die Komponenten des Haptischen und des Visuellen, ein Mangel, den schon die frühen Adepten der CD beklagten, als sie die großen Cover-Bilder auf den Papphüllen der geliebten Schallplatten schmerzlich vermissten.77 Millionen Schallplatten jährlich aus einer FabrikDoch sind nicht auch Retrotrends vergänglich? Auf diese Frage antworten die Vinylmacher derzeit mit frischen Ideen. Wir haben sie exemplarisch studiert im tschechischen Loděnice, dem Standort des größten Vinyl-Presswerks der Welt. Zunächst hat uns der industrielle Zuschnitt des Unternehmens mit dem kurzen Namen GZ überrascht: Während die letzten hierzulande noch verbliebenen Presswerke eher als kleine Manufakturen mit begrenzter Fertigungstiefe arbeiten und damit überschaubare Stückzahlen erreichen, lässt GZ seine jeweilige Tagesproduktion mit emsigen Roboterfahrzeugen durch lange Hallen kutschieren und mit hydraulischen Greifern an Teleskoparmen in Hochregalen stapeln.77 Millionen Schallplatten pressen die Tschechen im Jahr. Und sie lieben es bunt. Überall entlang der Produktionsstraßen stehen große Tröge mit farbigem Rohmaterial, leuchtenden Vinylpartikeln in der Größe von Hagelkörnern. Geöffnete Pressen und rotierende Plattenteller in der Abteilung für Qualitätssicherung zeigen, was daraus wird: einfarbige, gern auch durchscheinende Rundlinge in allen Farben des Regenbogens, aber auch Scheiben mit dem Charme von sommerlichen Obsttorten oder mit verwegenen Farbverläufen.Spiel mit Farbe und Formen: Schallplatten aus aktueller ProduktionGZViele Größen der Musikbranche setzen bereits auf den Reiz der Farbe. Die Rolling Stones etwa ließen eine Analog-Edition ihres Albums Hackney Diamonds mit tintenblauen Spritzern auf hellblauem Hintergrund schmücken, Bob Marley verpasste seiner Schallplatte zum fünfzigsten Bühnenjubiläum einen lindgrünen Farbton mit dunkelbraunen Strähnen, Culture Club ließ seine Vinyl-Scheibe Kissing To Be Clever in sonnigem Gelbgrün strahlen.Salamipizza auf dem PlattentellerEin Katalog mit möglichen Formen und Farben zeigt, was die tschechischen Plattenpresser noch so alles können. Ein Konterfei auf der Plattenoberfläche ist für sie kein Hindernis, nicht einmal, wenn die Frisur den Plattentellerrand überragt. Dann drehen sich ein paar Locken eben außerhalb der Standard-Radien mit. Eine Salamipizza auf dem Plattenteller gefällig? GZ kann sie servieren. Und wenn die Musik mit aggressiven Themen zu tun hat, dürfen auch, wenn es sein muss, die groben Zacken eines Kreissägeblatts am Plattentellerrand rotieren. Die tschechischen Pressmaschinen machen alles mit, sie stanzen sogar Schallplatten in Form eines großen dreieckigen Plektrums, wenn ein begnadeter Guitarrero diesen Kundenwunsch hat. Selbst flache Vinyl-Blumen mit runden Blütenblättern, Schallplatten in Herzform oder rotierende Polygone zählen zur Vielfalt im Motivkatalog.Als jüngste Designidee gelten holographische Muster auf der Schallplattenoberfläche. Sie reflektieren das Licht und erzeugen so dreidimensional wirkende Sinnestäuschungen – ein reizvolles Spektakel auf dem Plattenteller. Doch stören die hierzu nötigen, metallisch aussehenden Einlagerungen nicht den Abtastprozess? Nein, sagen die Fachleute. Das hauchzarte reflektierende Material sitzt ganz nah an der Oberfläche, es reicht nicht in die Tiefe der Schallplattenrille.John Lennon lieferte radikales Beispiel für VinylkunstIn der neuen Vinylgeneration erzählt also schon das Outfit der Rundlinge eine eigene Geschichte. Aber es ist oft nur eine von vielen Facetten im Gesamtkunstwerk. Dickleibige Alben mit gedruckten und zu Büchern gebundenen Dreingaben, mit Plakaten, Fotos und digitalen Tonträgeralternativen adeln immer mehr Musikkonserven zu komplexen Sammlerobjekten. Ein besonders radikales Beispiel ist die „Ultimate Collection“ Mind Games von John Lennon, die vor zwei Jahren erschien. Alle tönenden und grafischen Ingredienzen stecken in einem würfelförmigen Kunststoff-Schrein mit der Kantenlänge eines LP-Durchmessers, der Nachbildung eines Kunstobjekts von Yoko Ono aus den späten Sechzigerjahren. Darin stecken neun Schachteln in ganz unterschiedlichen Formaten, ineinander verschränkt als Einladung zum forschenden Auspacken.Das wichtigste Behältnis birgt sieben Langspielplatten, die das Mind-Games-Repertoire in etlichen Varianten der Nachbearbeitung und der Neuabmischung auf den Plattenteller bringen. Die Elements Mixes zum Beispiel reduzieren bewusst die Instrumentierung, heben nur wenige Begleitinstrumente neben der Stimme hervor. Die Ultimate Mixes zielen auf bestmögliche Reproduktion und erneute Abmischung der ursprünglichen Aufnahmen unter Verwendung digitaler Codierungen in extrem hohen Auflösungen. Die Raw Studio Mixes präsentieren Rohmaterial aus dem Studiobetrieb, also auch Aufzeichnungen ganz ohne später hinzugefügte Effekte.John Lennon treibt es auf die Spitze: die Ultimate Collection von Mind GamesHerstellerWas steckt noch so alles in der Box? Sechs CDs mit überwiegend identischem Repertoire, zwei Blu-ray-Discs mit Tonspuren in Studio-Auflösungen und in Dolby Atmos, zwei Analog-Scheiben im EP-Format mit Hologramm-Oberflächen, Kunstwerke von John Lennon und Yoko Ono, Straßenpläne ihrer Heimatstädte, Postkarten, Spiele und vieles mehr. Kaufen kann man diese Kult-Box heute nicht mehr: Sie wurde in limitierter Auflage von 1100 Exemplaren produziert und ging für 1500 Euro je Stück an die Fan-Kundschaft.Interessant ist das Objekt dennoch bis heute, denn es setzte einen Trend: Aus dem bewährten Musikalbum wurde ein multimediales Konvolut für prätentiöse Sammler. Seither gibt es immer wieder Veröffentlichungen nach diesem Vorbild. Das jüngste Beispiel sind drei Editionen des Prager Musikklubs Doupě, Vinyl Vision 3000 genannt. Der Klassik widmet sich eine Vinylbox mit Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 9 Aus der Neuen Welt, eingespielt im Prager Konzerthaus Rudolfinum zum 130-jährigen Jubiläum der Tschechischen Philharmonie. Das zweite Album heißt Isolation in Anspielung an die Corona-Zeit, als Konzertauftritte kaum möglich waren: Jazz- und Rockmusiker wie Ian Paice, Glenn Hughes, Don Preston, Chris Jagger, Robbie McIntosh, Blair Cunningham und Hamish Stuart nutzten die Zeit, um ihre Musik als Solisten im Studio zu verewigen. Incognito, das dritte Album, interpretiert bekanntes Material aller Musikgattungen neu.Die Vinylscheiben aller drei Sets schmücken sich im Stil der neuen technischen Möglichkeiten: Bunt gesprenkelt kommt Incognito aus der Hülle, Isolation und das Dvořák-Album variieren das Thema Holographie. Und zu allen drei Alben stecken passende Accessoires im Karton: CDs mit identischem Musikprogramm, Audiokassetten, Plakate, Trommelstöcke und Plektren. Diese Edition, in einer exklusiven Stückzahl von 300 Exemplaren produziert, kann man noch kaufen, pekunäre Unerschrockenheit vorausgesetzt. Das Klassikprogramm und Incognito kosten je 1500, Isolation gar 2000 Euro. Die Erlanger Plattenspieler-Manufaktur Clearaudio bietet sie auf ihrer Internetseite an.
Wie neue Farben und Formen den Trend zum Vinyl befeuern
Digitales Streamen ist bequem. Doch Schallplatten bieten ein haptisches und optisches Erlebnis, das nicht zu ersetzen ist. Farben, Formen und sogar die Verpackung des Vinyls kennen kaum noch Grenzen.








