Für die queere Gemeinschaft von Hamburg war es keine Option, den Christopher Street Day in ihrer Stadt von sich aus abzusagen. So schildert es CSD-Sprecher Manuel Opitz im Gespräch mit der F.A.Z. Auch die Polizei habe schnell klargestellt, dass sie alles dafür tun werde, dass der CSD stattfinden könne.An diesem Samstag soll darum der Demonstrationszug durch Hamburg ziehen – eine Woche nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD. „Nur mit Lebensfreude und dem Bewusstsein, wofür wir einstehen, lässt sich Angst begegnen“, sagt Opitz. Das passt zu dem Motto, das schon vor einem Jahr festgelegt wurde: „Solidarisch queer – Haltung zeigen für eine Zukunft ohne Angst“.Opitz selbst erreichte die Nachricht vom Anschlag, als er am vergangenen Samstag auf der Hamburger Pride Night feierte. „Wir waren absolut fassungslos und konnten nicht glauben, was dort steht“, erinnert sich Opitz. Er beschreibt, wie sich die Stimmung der queeren Gemeinschaft in den Tagen nach dem Anschlag verändert hat. Die Bestürzung, die bei einem spontanen gemeinsamen Gedenken am Sonntag zu spüren gewesen sei, habe sich in den vergangenen Tagen zu Entschlossenheit gewandelt.Im „Pride House“, dem zentralen Veranstaltungsgebäude der laufenden „Pride Week“, legte der Verein „Hamburg Pride“ ein Kondolenzbuch aus. Der Ort wurde schnell zum informellen Treffpunkt, an dem Menschen zusammenkamen und ihre Gefühle teilten, wie Opitz sagt. Sich gegenseitig zu stärken, gehöre zum Grundcharakter queerer Netzwerke. Opitz macht deutlich, wie wichtig der CSD für viele in der Community ist. Diesen wolle man sich „nicht nehmen lassen“, gerade trotz des Anschlags in Berlin.Angriff auf CSD war „eine Frage der Zeit“Dass es eines Tages so weit kommen würde, war für Andre Lehmann vom LSVD+-Bundesverband „eine Frage der Zeit“. Sein Verband ist nach eigenen Angaben eine der größten Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisationen der queeren Gemeinschaft in Deutschland. „Der Anschlag ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Entwicklung“, sagt Lehmann. Dass die Bedrohungen für queere Personen zunehmen, zeigen Untersuchungen und Zahlen.Seit 2010 hat sich die Zahl der Straftaten in den Kategorien „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“, womöglich auch durch die steigende Präsenz queerer Menschen im Alltag, nahezu verzehnfacht, heißt es im Lagebericht des Bundeskriminalamts. 2025 registrierte die Polizei bundesweit durchschnittlich sechs sogenannte queerfeindliche Gewalttaten je Tag. Fachstellen gehen wegen eines großen Dunkelfelds von deutlich höheren Zahlen aus.In Hamburg haben die erfassten Straftaten gegen „geschlechtsbezogene Diversität“ und sexuelle Orientierung zugenommen. Im Jahr 2023 waren es nach Angaben der Polizei noch 98, im folgenden Jahr 149 und im vergangenen Jahr 166. Betroffene können sich in Hamburg an das Magnus-Hirschfeld-Centrum wenden, ein Beratungs- und Jugendzentrum der queeren Community in Hamburg-Winterhude.Dort berichten Betroffene nach Angaben des Zentrums von Beleidigungen im öffentlichen Raum, Bedrohungen, körperlichen Übergriffen. Viele Ratsuchende änderten ihr Verhalten, teilt das Zentrum mit. Sie hielten weniger Händchen, überlegten zweimal, wo sie hingingen. „Wenn Menschen ihre Sichtbarkeit aus Angst einschränken, zeigt das, wie sehr Queerfeindlichkeit in den Alltag hineinwirkt“, teilen die Fachleute mit.Ein queeres Outfit kann in der Regionalbahn riskant seinCSD-Sprecher Opitz berichtet von ähnlichen Fällen in Hamburg. Besonders ein Angriff auf St. Pauli in der Nacht zum 17. Mai habe viele getroffen, sagt Opitz: Zwei junge Männer, die sich küssten, wurden gefilmt und anschließend angegriffen. Zudem habe sich ein „beängstigendes“ Muster verfestigt: Man verabredet sich über eine Dating-App – und wird am Treffpunkt angegriffen. Die Lage in Hamburg sei allerdings nicht zu vergleichen mit denen in ländlicheren Regionen, sagt Opitz.Er berichtet von einem CSD in Stendal, wo es Umkleidekabinen gibt: Wer mit einem Regenbogen-Outfit in der Regionalbahn zur Parade fahre, riskiere zu viel. „Die Polarisierung der Gesellschaft zeigt sich auch im Umgang mit queeren Menschen“, sagt Opitz. Trotz solcher Entwicklungen gab es noch nie so viele CSD-Veranstaltungen in Deutschland wie im vergangenen Jahr, 245 waren es insgesamt. Und auch in diesem Jahr stehen bis zum Herbst noch etliche an.Einsatzkräfte der Polizei in Hamburg am Tag vor dem CSDReutersDie queere Gemeinschaft ist angesichts der Sicherheitslage mehr noch als früher auf die Polizei angewiesen. Der Hamburger Polizeipräsident Falk Schnabel kündigte in dieser Woche an, rund doppelt so viele Einsatzkräfte wie im Vorjahr einzusetzen – uniformierte und zivile, dazu eine Luftkomponente. Eine „absolute Sicherheit, gerade im Innenstadtbereich“, werde „auch von uns nicht leistbar sein“, sagte er am Mittwoch im Deutschlandfunk.In Berlin hatte der Anschlag nicht die Parade selbst getroffen, sondern deren Umfeld im Tiergarten. Wie sollen solche Randbereiche in Hamburg geschützt werden? Ein Polizeisprecher teilte der F.A.Z. mit, man könne keine detaillierten Angaben zu den Schutzmaßnahmen und möglichen Anpassungen machen. Schon heute könne gesagt werden, dass die Zahl der Einsatzkräfte gerade für die große Demonstration am Samstag noch einmal erhöht werde. Die Polizei werde für die Teilnehmer „sehr präsent und ansprechbar“ sein.Der Hamburger CSD-Sprecher ist dankbar für die Arbeit der Polizei. Der Anschlag in Berlin habe gezeigt, wie notwendig es ist, die „volle Unterstützung der Polizei zu haben“, sagt Opitz. Als Veranstalter befinde man sich in enger Absprache mit der Polizei und der Stadt. „Die Polizei an unserer Seite zu wissen, ist für uns ungemein wertvoll“, sagt er.Doch es gibt in der Szene auch Stimmen, denen ein Lob der Polizei schwerer über die Lippen kommt. So nennt das Hirschfeld-Centrum die Beziehung zwischen Polizei und queerer Szene ein „reales Spannungsverhältnis“. Vertrauen sei trotz aller Dankbarkeit für den Schutz nicht selbstverständlich: Queere Menschen hätten „über Jahrzehnte staatliche Verfolgung und Diskriminierung erlebt“. Auch heute berichteten „trans*, inter* oder queere Menschen teilweise weiterhin von Vorbehalten oder negativen Erlebnissen“. Man erlebe gleichzeitig den „Wunsch nach Schutz und den Wunsch nach einer Polizei, die diskriminierungssensibel handelt und Vertrauen langfristig durch Dialog und Zusammenarbeit aufbaut“.Skepsis in Teilen der queeren CommunityIn Teilen der queeren Community wird auch die Aufrichtigkeit der Anteilnahme mancher Politiker nach dem Anschlag in Zweifel gezogen. Andre Lehmann vom LSVD+-Verband sagt zwar, gespielt sei sie nicht, aber sie wirke „aufgrund der fehlenden Konsequenz unehrlich“. Er verweist auf Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der beim Gedenkgottesdienst vor Hass gewarnt habe. „Das ist eine spannende Erkenntnis für einen Kanzler, der im letzten Jahr die Regenbogenfahne noch als Zirkusplane bezeichnet hat“, sagt Lehmann.Er spielt damit auf eine Debatte aus dem vorigen Sommer an. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hatte entschieden, die Regenbogenfahne nicht zum Berliner CSD auf dem Reichstag zu hissen, sondern nur am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen queerfeindliche Hasskriminalität. Merz unterstützte Klöckner damals und sagte, der Bundestag sei „ja nun kein Zirkuszelt“, auf dem man beliebig Fahnen hisse.Auch mit Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) geht Lehmann hart ins Gericht. Auch sie bekunde Anteilnahme, obwohl sie „die Förderung wichtiger Aufklärungsprojekte“ in der Vergangenheit infrage gestellt habe. Die öffentliche Debatte insgesamt geht Lehmann gegen den Strich. „Es wird nur über die Täter geredet, anstatt über die Opfer. Die queere Community war das explizite Ziel des Anschlags“, sagt er.An Kontroversen mangelt es also nicht. Der CSD werde politischer, sagt CSD-Sprecher Opitz, er dürfe aber nicht seinen „Grundcharakter“ als freudiger Demonstrationszug verlieren. Wie viele Menschen an diesem Samstag kommen werden, vermag er nicht zu schätzen. Im vergangenen Jahr strömten zum CSD 250.000 Menschen auf Hamburgs Straßen. Mehr als die Teilnehmerzahl beschäftigt Opitz die Frage, wie viele Menschen aus der nicht queeren Community mitlaufen. „Haufenweise“ Nachrichten erreichten die Veranstalter von Leuten, die ihr Kommen angekündigt hätten. Der Tenor: ein „Jetzt-erst-recht-Gefühl“.