Unicredit ist bei der Commerzbank fast am Ziel und könnte sogar deren Führung austauschen. Nur: Erfolg garantiert das nichtNach fast zwei Jahren Übernahmekampf ist klar, dass die Italiener bei dem Frankfurter Institut das Sagen haben werden. Was passiert jetzt? Vor allem in einem Geschäftszweig sind die Aussichten unsicher.Cornelius Welp, Frankfurt31.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDie Commerzbank-Zentrale in Frankfurt.Michael Probst / APMarkus Söder meint zu wissen, wovon er spricht. In Bayern, so vertraute es der Ministerpräsident des südlichen Bundeslandes vor wenigen Tagen dem «Handelsblatt» an, habe man mit der italienischen Grossbank Unicredit «gute Erfahrungen» gemacht. Wenn diese die Frankfurter Commerzbank übernehmen wolle, gehe das für ihn deshalb in Ordnung. «Es wäre wünschenswert, dass die Bundesregierung ihre Blockadehaltung aufgibt und Gespräche aufnimmt», empfahl der CSU-Chef den Kollegen in Berlin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die hatten sich bisher mit vereinten Kräften gegen das Vorhaben der Italiener gestemmt. Bis vor wenigen Tagen betonten Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) stets aufs Neue, dass sie sich auch künftig eine eigenständige Commerzbank wünschten. Auch Söder dürfte mit seiner Empfehlung kaum der Einsicht gefolgt sein, dass sich der Staat aus Fusionsvorhaben europäischer Unternehmen besser heraushält.Stattdessen dürfte es ihm vorrangig um regionale Standortpolitik gehen. Mit der 2005 übernommenen HypoVereinsbank ist Unicredit bereits in Deutschland präsent, bei der Übernahme könnten womöglich zahlreiche Jobs in der Münchner Zentrale zur Disposition stehen. Wer sich bei den neuen Herren beliebt macht, kann diese womöglich retten.Die Tage einer selbständigen Commerzbank sind gezähltMit derartigen Überlegungen ist der Kampf um die Übernahme der zweitgrössten deutschen Geschäftsbank knapp zwei Jahre nach dem Einstieg der Unicredit bei der Commerzbank in seine finale Phase eingetreten. Dass die Tage einer selbständigen Commerzbank 156 Jahre nach ihrer Gründung gezählt sind, ist so gut wie sicher. Nun geht es um die Details. Auch wenn der Bär noch nicht erlegt ist, beginnt das Feilschen darum, wie sein Fell verteilt wird.Entscheiden wird das letztlich Andrea Orcel. Bei der Präsentation der Halbjahreszahlen liess der Vorstandsvorsitzende der Unicredit in der vergangenen Woche keinen Zweifel daran, wer in Frankfurt künftig das Sagen haben wird. Womöglich könnte er gegenüber deutschen Politikern zu Zugeständnissen bereit sein, sagte der frühere Leiter der UBS-Investmentbank. Gezwungen, so die Botschaft, sei er dazu nicht.Trotz enormen Widerständen sieht sich Orcel bereits am Ziel angekommen. Auf dem Weg dorthin hat er auch mit etlichen scheinbar ehernen Gesetzen der Branche gebrochen: Feindliche Übernahmen von Banken funktionieren nicht, oder gegen den Widerstand des Staates geht gar nichts. Das soll nur so lange gelten, bis einer das Gegenteil beweist. Nämlich er selbst.Die Rechnung hat viele UnbekannteWegen des ungewöhnlich brachialen Vorgehens hält sich in Teilen der deutschen Finanzwelt seit Monaten die Meinung, dass Orcel den Deal machen will, um einen Deal zu machen. Auch wenn die Transaktion kein reiner Selbstzweck ist, ist ihr Erfolg ungewiss. Die Integration der Commerzbank wird für Unicredit allein schon wegen der turbulenten Vorgeschichte eine ungewöhnlich grosse Herausforderung mit vielen Unsicherheiten und Unbekannten.Orcel wird sich diesen stellen. In einem Interview mit der «Welt am Sonntag» erklärte er jüngst zwar, dass er keinen Zeitdruck verspüre. Sich zurücklehnen wird er deshalb aber kaum. Dabei können die Mailänder Banker in Frankfurt nicht einfach durchregieren. Nach dem Ende eines Anfang Mai lancierten Übernahmeangebots besitzen sie knapp 48 Prozent der Commerzbank-Aktien.Was sie mit diesen anfangen können, zeigt sich auf Seite 18 einer jüngst veröffentlichten Präsentation. Auf der vermeldete Unicredit nicht nur, die Commerzbank künftig nicht mehr als Finanzbeteiligung, sondern als strategische Transaktion behandeln zu wollen. Die Mailänder Bank kündigte auch an, schnellstmöglich die Kontrolle übernehmen zu wollen. Sollten die erforderlichen Genehmigungen der Behörden bis Ende des Jahres vorliegen, könne es schon Anfang 2027 so weit sein.Unicredit könnte den Aufsichtsrat neu besetzenFalls nötig, so heisst es weiter, werde Unicredit dafür auch eine ausserordentliche Hauptversammlung der Commerzbank einberufen. Da bei diesen meist nur ein überschaubarer Teil der Aktionäre anwesend ist, hätten die Italiener bei Abstimmungen dort schon mit ihrem jetzigen Anteil die Mehrheit.Mit dieser könnten sie zunächst den Aufsichtsrat der Bank mit eigenen Kandidaten besetzen. Das könnte auch den Bund treffen, der derzeit noch mit zwölf Prozent an der in der Finanzkrise 2008 teilverstaatlichten Bank beteiligt ist. Deshalb sitzen bisher zwei von der Bundesregierung bestimmte Vertreter im Kontrollgremium der Bank. In einem weiteren Schritt könnten sich die neuen Herren dann vom bisher amtierenden Vorstand trennen.Die neue Realität hat Jens Weidmann in der vergangenen Woche anerkannt. «Auch wenn wir es uns anders gewünscht hätten, die Mehrheitsverhältnisse auf der nächsten Hauptversammlung sind klar», sagte der Aufsichtsratschef der Commerzbank da. Jetzt gehe es darum, in konstruktiven Gesprächen wichtige Eckpunkte für die Mitarbeiter, die Aktionäre und die Kunden der Bank festzulegen.Orcel schickt einen Giftpfeil nach FrankfurtDas sollte selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. Denn Orcel hatte zuletzt erklärt, dass er das konstruktive Gespräch mit Politik, den Arbeitnehmervertretern und der Führung der polnischen Commerzbank-Tochter M-Bank suchen wolle. Dass er den Vorstand des Mutterkonzerns nicht erwähnte, war kein Versehen, sondern ein gezielter Giftpfeil in Richtung der 48. Etage der Konzernzentrale.Auf der befinden sich die Büros von Vorstandschefin Bettina Orlopp und ihren Kollegen. Diese hatten sich allen Avancen aus Mailand beharrlich widersetzt und stets erklärt, dass eine eigenständige Commerzbank auch für Aktionäre mehr Wert schaffen könne. Seit Beginn des Übernahmepokers im September 2024 ist der Kurs der Aktie von unter 15 Euro auf knapp 37 Euro gestiegen. Ob das an den guten Ergebnissen der Bank oder an der Aussicht auf eine Fusion gelegen hat, ist offen.Grundlage möglicher Gespräche soll aus Frankfurter Sicht die von Orlopps Team ersonnene Strategie namens «Momentum» sein. Deren Ziele hat die Bankführung in immer höhere Höhen geschraubt und dabei auch mit etlichen Hoffnungswerten kalkuliert. Zuletzt begründete der Vorstand die gesteigerten Ambitionen unter anderem mit der Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz die Effizienz noch deutlicher verbessern werde als einige Monate zuvor angenommen.Orcel hat schon im April erklärt, dass er «Momentum» in grossen Teilen für eine Luftnummer hält. Dem setzt er sein eigenes Konzept namens «Commerzbank unlocked» entgegen. Der Name suggeriert einen detaillierten Plan, durch dessen Abarbeitung das Frankfurter Bankhaus sein bisher verschlossenes Potenzial voll entfalten kann. Den Nutzen der Befreiungsaktion für das Ergebnis bezifferte er schon vor einem formalen Zusammenschluss auf 1,2 Milliarden Euro.Unicredit fehlt der Blick von innenTatsächlich dürfte es sich jedoch auch bei «Unlocked» um ein reichlich vages Gedankengebilde mit vielen Unbekannten handeln. Das liegt daran, dass Orcel und seine Gefolgsleute das Objekt ihrer Begierde bisher nur von aussen kennen. Ähnlich wie Börsenanalysten können sie sich fast nur auf das öffentlich verfügbare Zahlenmaterial stützen. Wie sich das Kreditbuch detailliert zusammensetzt, welche Privatkunden wie profitabel sind, können die Italiener von aussen nicht erkennen.Die von Orcel präsentierten Folien nennen viele Zahlen, aber mindestens ebenso viele Floskeln. Kunden sollen von einem verbesserten Angebot profitieren, der Mittelstand wieder stärker ins Zentrum der Aktivitäten rücken. Die erprobten Unicredit-Rezepte sollen die Zahlen deutlich verbessern, Schaubilder verdeutlichen, wie gut sich die beiden Institute ergänzen.Ob das so stimmt, ist fraglich. Da die Commerzbank schon lange als Übernahmekandidat gilt, hat sich ihr Vorstand intern immer wieder mit entsprechenden Szenarien beschäftigt. Vor einigen Jahren identifizierten die damals aktiven Führungskräfte die niederländische ING als den passendsten Partner. Von Unicredit hielten sie auch wegen der erheblichen Überschneidungen im Geschäft wenig.Die Konkurrenz hofft auf flüchtige KundenDie könnten vor allem das deutsche Firmenkundengeschäft betreffen, in dem Unicredit über die 2005 übernommene HypoVereinsbank bereits zu den führenden Adressen zählt. Gerade grosse Mittelständler setzen bei ihren Finanzgeschäften auf mehrere Adressen. Auch wenn Orcel beide Institute frühestens in vier Jahren fusionieren will, könnten sich Kunden schon jetzt nach neuen Anbietern umsehen. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat bereits erklärt, dass eine Übernahme seinem Institut neue Geschäftschancen eröffne. Auch Landesbanken und Institute aus dem Ausland wollen von der möglichen Kundenflucht profitieren.Offen ist auch, was mit den internationalen Aktivitäten der Commerzbank passieren wird. Orcel hält diese für überdimensioniert und riskant, weshalb er sie erheblich reduzieren will. In der Commerzbank gelten vielen jedoch gerade die Standorte im Ausland als Kern eines Geschäftsmodells, das darin bestehen soll, deutsche Unternehmen weltweit zu begleiten.Für das Privatkundengeschäft hat Orcel angekündigt, das Netz von derzeit 400 Filialen zumindest vorerst nicht weiter reduzieren zu wollen. Die Commerzbank ist hier bisher unter eigenem Namen und mit einem rein digitalen Auftritt als Comdirect unterwegs. Ob es dabei bleibt und wie sich das Angebot mittelfristig mit demjenigen der HypoVereinsbank ergänzt, ist völlig offen.Schon im Mai hatte Orcel angekündigt, dass infolge der Übernahme 7000 Arbeitsplätze wegfallen könnten. Orlopp hatte fast zeitgleich den Abbau von 3000 Stellen zusätzlich zu einer bereits im vergangenen Jahr beschlossenen Reduktion um knapp 4000 Beschäftigte verkündet. Der Betriebsrat der Commerzbank hat für den Fall einer Fusion sogar den Verlust von 15 000 Stellen als Horrorszenario an die Wand gemalt. Auch wenn es dafür keine Anzeichen gibt, ist das Misstrauen in der Bank gross. Wie Orcel das ändern will, ist unklar. Bisher erklärt er es vor allem mit Unwissen. Wenn die Beschäftigten erst einmal merkten, wie es wirklich liefe, würde es schon werden.Darauf setzt er auch im Verhältnis zur Berliner Politik. In Anbetracht der Tatsachen hat die Bundesregierung zumindest ein gewisses Entgegenkommen signalisiert. «Wir verhindern diese Fusion nicht», sagte Kanzler Friedrich Merz. Berlin dürfte nun vor allem an Zusagen zur Kreditversorgung des Mittelstands und der Zukunft der deutschen Standorte interessiert sein.Die eigenen Aktien an der Bank an Unicredit zu verkaufen, haben Regierungsvertreter bisher ausgeschlossen. Das könnte vorerst durchaus in Orcels Sinne sein: Ein staatlicher Miteigentümer signalisiere Stabilität, sagte er jüngst. Die Rating-Agentur Moody’s sieht das ähnlich: Sie kündigte an, dass sie ihr Urteil über die Kreditwürdigkeit der Unicredit nach einer Übernahme wegen der verringerten Abhängigkeit von Italien anpassen könnte. Nach oben.Passend zum Artikel