Der «King of Oil» und ein Geheimprojekt: Wie Öl aus Nahost trotz blockierten Meerengen exportiert wird Es ist ein Glücksfall für die Weltwirtschaft. Zwei Pipelines, die ans Mittelmeer führen, können zum Export von saudischem Erdöl eingesetzt werden. Eine davon geht auf den Zuger Rohstoffhändler Marc Rich zurück.31.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Durchfahrt ist gefährlich: ein Schiff vor der jemenitischen Hafenstadt Aden, unweit der Einfahrt ins Rote Meer.ReutersDer Krieg am Persischen Golf breitet sich wie ein Krebsgeschwür über die Weltwirtschaft aus. Der grosse Erdölproduzent Saudiarabien befindet sich in einer misslichen Lage. Nachdem Riad den Ausfall seiner Rohstoffexporte durch die Strasse von Hormuz mit der Nutzung einer bestehenden Pipeline ans Rote Meer teilweise zu kompensieren versuchte, ist nun auch diese Umleitung eingeschränkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von Jemen aus greift die von Iran unterstützte Huthi-Miliz Tanker an. Sie zielt auf Schiffe, welche das Erdöl von dieser Pipeline durch das Rote Meer nach Süden ausführen.Eine Lösung für Saudiarabien wäre eine direkte Pipeline ans Mittelmeer. Diese gibt es zwar nicht, aber es gibt zwei Alternativen, eine in Israel und eine in Ägypten, die für den Öltransport genutzt werden können. Dafür müssen Tanker vom saudischen Hafen Yanbu im Roten Meer nach Norden fahren, um die Pipelines in Eilat und dem ägyptischen Ain al-Sukhna zu nutzen. Dieser nördliche Abschnitt des Roten Meeres wird von den Huthi nicht unmittelbar bedroht.Die israelische Pipeline mit einer Länge von 254 Kilometern entstand in den 1960er Jahren als geheimes Projekt zwischen dem jüdischen Staat und dem persischen Schah in Teheran. Dieser wollte eine Alternativroute für iranisches Erdöl, ohne arabische Länder zu durchqueren. Israel ging es in erster Linie um die eigene Energieversorgung. Federführend beim Bau der Pipeline, die 1969 den Betrieb aufnahm, war der Zuger Rohstoffhändler und Glencore-Gründer Marc Rich.Ein geheimes Unternehmen in der SchweizOffiziell machte Iran damals keine Geschäfte mit Israel. Auch diplomatisch verweigerte Iran die Anerkennung. Um die Zusammenarbeit zu kaschieren, wurde die Firma Trans-Asiatic Oil Ltd. als Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in der Schweiz gegründet. Beide Länder waren zu je 50 Prozent am Unternehmen beteiligt, wie aus der Biografie «The King of Oil» (Der Erdölkönig) von Marc Rich hervorgeht. Trans-Asiatic betrieb sogar eine eigene Tankerflotte. Nach der Beladung in Iran begleitete die iranische Marine die Schiffe bis zur Meerenge Bab al-Mandab am Südende des Roten Meers, wo israelische Einheiten die Eskorte übernahmen.Prägende Figur: der Rohstoffhändler Marc Rich im Jahr 1990.KeystoneDie Geschichte scheint sich zu wiederholen.Die schiitische Huthi-Miliz in Jemen hat vergangene Woche eine zweite Front im Iran-Krieg eröffnet. Sie greift Tanker mit Saudiarabien-Bezug im Roten Meer an. Vom saudischen Hafen Yanbu aus ist deshalb der Transit in Richtung Süden durch die Meerenge zwischen Jemen und Djibouti für viele Reeder zu gefährlich geworden.Der Schiffsverkehr in der Wasserstrasse ist in den vergangenen Tagen deutlich eingebrochen, wenn auch ein paar chinesische Tanker die Fahrt gewagt haben sollen. Am 26. Juli erreichten die Durchfahrten am Bab al-Mandab gar den tiefsten Stand seit Beginn des Iran-Kriegs im Februar. Das zeigen die neusten Zahlen von IMF Portwatch, einem Projekt des Internationalen Währungsfonds und der Universität Oxford.Asiatische Grosskunden sind in hohem Masse von saudischen Erdölexporten abhängig. Als einzige Alternative bleibt ihnen ein Transportweg nach Norden zum Mittelmeer. Von dort aus können die Tanker über Südafrika Asien ansteuern.Der Suezkanal als Exportweg hat einen HakenFür Ausfuhren über das Rote Meer nach Norden gibt es drei Möglichkeiten: Zum einen können Schiffe durch den Suezkanal fahren. Voll beladene Supertanker passen jedoch oft nicht durch das Nadelöhr. Dieser Schiffstyp mit einer Länge von mehr als 300 Metern und einem Fassungsvermögen von über 2 Millionen Fass Erdöl unternimmt den Löwenanteil der Transporte zwischen der Golfregion und Asien. Saudi Aramco transportiert zum Beispiel sein Fördergut mithilfe einer Flotte von fünfzig dieser riesigen Schiffe. Um den Suez zu befahren, müssten Supertanker weniger Fracht aufnehmen. Das verringert allerdings die Rentabilität jeder Fahrt.Zweitens kann das Erdöl vor dem Suezkanal auf kleinere Schiffe umgeladen werden, die wie ein Taxi durch die Wasserstrasse hin- und herpendeln. Die dritte Option: Die Tanker legen vom Hafen in Yanbu ab und speisen das Rohöl nachher in die ägyptische oder die israelische Pipeline ein. Ein Tanker im Mittelmeer würde das Erdöl dann aufnehmen.Die Nutzung dieser Verbindungen ist aufwendig und teuer. Dennoch verzeichnet die ägyptische Leitung, unter dem Namen Sumed bekannt, wachsenden Andrang. Mindestens acht Supertanker steuerten am Mittwoch den Hafen von Sidi Kerir am Nordende der Sumed-Pipeline an, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Einige von ihnen gehören der südkoreanischen Sinokor-Gruppe, an der wiederum die Genfer Reederei MSC beteiligt ist.Der Umweg über die Südspitze Afrikas verlängert die Reisezeit um rund zwölf Tage, womit die Transportkosten und die Verbraucherpreise steigen. Aufgrund des Iran-Kriegs sind die Kosten für die Miete eines Supertankers auf der Route Nahost–China stark gestiegen. Gemäss der Schifffahrtsbörse Baltic Exchange belaufen sie sich derzeit auf über 300 000 Dollar pro Tag. Das ist etwa doppelt so viel wie vor Kriegsbeginn im Februar.Angriffe der Huthi-Miliz im Roten Meer sind nicht neu. Seit einigen Jahren schon beschiesst diese immer wieder Tanker vor der jemenitischen Küste, um geopolitischen Einfluss zu gewinnen. Wegen dieser Attacken sind die Transite durch das Rote Meer und den Suezkanal seit Ende 2023 um die Hälfte zurückgegangen und haben sich nie wirklich erholt, wie die Daten von IMF Portwatch zeigen. Reedereien umfahren stattdessen den afrikanischen Kontinent – und generieren damit höhere Einnahmen.Dank dem Suezkanal und den zwei Pipelines lässt sich der komplette Wegfall saudischer Ölexporte wahrscheinlich verhindern, womit ein weiterer Schock für die Weltwirtschaft abgewendet werden kann. Dies ist jedoch ein logistisch aufwendiges und kostspieliges Unterfangen.Passend zum Artikel