Öl ist teuer, Diesel noch viel mehr, und volatile Preise machen Handelsgeschäfte zur Goldgrube. Die grösste Versorgungskrise des Ölmarktes hat eine sehr profitable Seite.30.07.2026, 16.51 Uhr4 LeseminutenWeil Exporte aus der Golfregion fehlen, lässt sich Öl aus dem Rest der Welt teuer verkaufen: Szene in einer Raffinerie in Venezuela.Gaby Oraa / ReutersJe länger die Iran-Krise anhält, desto mehr erweist sie sich als Segen für viele Erdöl- und Erdgaskonzerne. Zwar sind die Exporte aus der wichtigen Golfregion empfindlich gestört; dem Ölmarkt fehlen so grosse Mengen wie noch nie. Doch die weltweiten Preisanstiege für Rohöl, Diesel und Benzin kompensieren diese Ausfälle mehr als deutlich: Viele Unternehmen schreiben hohe Gewinne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das jüngste Beispiel ist Shell, Europas grösster Erdöl- und Erdgasproduzent. Rund ein Fünftel von Shells Förderung stammt aus dem Nahen Osten, darunter zu einem erheblichen Teil aus Katar. Dessen ungeachtet erzielte der britische Riese im zweiten Quartal einen bereinigten Gewinn von 9,8 Milliarden Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie von Anfang April bis Ende Juni des Vorjahres und auch mehr, als Finanzanalysten erwartet hatten.Benzin und Diesel werden ungewöhnlich teuerDer Shell-Chef Wael Sawan sparte am Donnerstag nicht mit Lob für die Belegschaft, die den Kunden dringend benötigte Energieträger geliefert habe. Dafür zahlten die Kunden aber auch gut: Ein Fass Rohöl der Referenzsorte Brent kostete im zweiten Quartal durchschnittlich 104 Dollar. Im ersten Quartal waren es noch 81 Dollar. Shells Raffinerien arbeiteten mit einer rekordhohen Auslastung, um besonders knappe Ölprodukte wie Kerosin zu produzieren.Vor wenigen Tagen glänzte bereits Total Energies: Der französische Konzern meldete für das zweite Quartal einen Sprung des bereinigten Gewinns um zwei Drittel auf 6 Milliarden Dollar – das beste Ergebnis seit fast drei Jahren. Wie bei Shell wurde nicht nur das Rohöl erheblich teurer verkauft, sondern auch die daraus hergestellten Ölprodukte.Das ist nicht so selbstverständlich, wie es scheint. Normalerweise steigen die Preise für die Ölprodukte nicht in dem Masse wie für den Rohstoff. Dies ist unter anderem deshalb der Fall, weil es noch andere Kosten bei der Produktion gibt, die unverändert bleiben. Doch im Iran-Krieg sind die Ölprodukte ungewöhnlich stark teurer geworden, denn nicht nur die Raffinerien am Persischen Golf sind derzeit eingeschränkt, sondern Anlagen weltweit.Wie bei Shell maximierten auch Totals Raffinerien in Europa den Ausstoss von Diesel und Kerosin. Wegen der Exportausfälle aus der Golfregion sind diese Treibstoffe besonders gefragt und damit besonders rentabel. Zudem leistete bei beiden Konzernen der Handel mit Ölprodukten einen wichtigen Gewinnbeitrag.Auch Rohstoffhändler wie Glencore profitierenFrüher haben Ölproduzenten nur ihre selbst geförderten und produzierten Mengen an Rohöl und Brennstoffen verkauft. Doch mittlerweile ist der Handel mit den Erzeugnissen anderer Hersteller für viele europäische Ölriesen ein wichtiges Standbein. Die Margen sind nicht so hoch wie beim Verkauf der selbst geförderten Brennstoffe – aber durch die schieren Mengen, die umgesetzt werden, kann trotzdem ein markanter Gewinn entstehen.Das weiss niemand besser als die spezialisierten Rohstoffhändler. So wie Glencore: Der Schweizer Rohstoffriese mit Sitz in Baar handelt mit Metallen und Kohle, aber auch mit Rohöl und Ölprodukten. Glencore erwartet für das erste Halbjahr einen bereinigten Betriebsgewinn (Ebit) aus seinen Handelsaktivitäten von 3,3 Milliarden Dollar, wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Das ist etwa doppelt so viel, wie Analysten erwartet hatten.Sollte sich die Zahl in der kommenden Woche bewahrheiten, wenn Glencore die Geschäftszahlen präsentiert, ist es der bis dato zweitgrösste Halbjahresgewinn aus dem Handelsgeschäft in der Firmengeschichte. Den Rekord beim Handels-Ebit hatte Glencore mit 3,7 Milliarden Dollar in der ersten Hälfte 2022 aufgestellt – in den Monaten nach dem russischen Grossangriff auf die Ukraine.Die Turbulenzen an den Energiemärkten im Jahr 2022 bescherten Ölproduzenten und Rohstoffhändlern traumhafte Gewinne. Damals blieb der Ölpreis für mehrere Monate auf konstant hohem Niveau. Die Schwankungen im Iran-Krieg sind grösser, aber für die Handelsabteilungen muss das kein Nachteil sein: Volatilität bietet den Händlern potenziell grosse Chancen, weil sie Preisunterschiede zwischen einzelnen Regionen oder Produkten ausnutzen können.Eni verbündet sich mit MercuriaViele klassische Ölproduzenten haben bedeutende Handelsabteilungen aufgebaut. Der italienische Konzern Eni möchte das jetzt auch – mithilfe des grossen Schweizer Rohstoffhändlers Mercuria. Eni und Mercuria formen zu gleichen Teilen ein gemeinsames Unternehmen für den Handel mit Energierohstoffen, wie die Firmen Anfang Juli bekanntgaben.Für die Italiener ist das der schnellere Weg als der eigene Ausbau einer Handelsabteilung. Derweil sichert sich die in Genf ansässige Mercuria, bekannt durch ihren Mitgründer Daniel Jaeggi, mit dem Joint Venture zusätzliche Fördermengen. Gehandelt werden sollen nicht nur Rohöl, sondern unter anderem auch Biokraftstoffe, Erdgas und Flüssiggas.Das Geld zur Expansion ist vorhanden: Eni hat den bereinigten Gewinn im zweiten Quartal auf 2,3 Milliarden Euro mehr als verdoppelt, wie der Konzern am Mittwoch mitteilte. Das war der höchste Wert seit drei Jahren. Und Mercuria erzielte bereits in den sechs Monaten bis Ende März 2026 einen Reingewinn von 1,1 Milliarden Dollar, das zweitbeste Halbjahresergebnis der Firmengeschichte.Passend zum Artikel