«Wir haben den Iranern nie etwas gezahlt»: Wie einem Genfer Acht-Mann-Betrieb in der Strasse von Hormuz ein Millionencoup gelangErst zwei Jahre am Markt, sorgt der Rohstoffhändler Lytton mit einem spektakulären Öltransport vom Irak nach Vietnam für Aufsehen. Die Krise in Nahost beschert der Branche Rekordgewinne.27.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenLuftaufnahmen des Öltankers «Agios Fanourios I»: Das Schiff hatte die anspruchsvolle Aufgabe, Öl im Wert von rund 200 Millionen Dollar vom Irak nach Vietnam zu transportieren.Mohammed Aty / ReutersEine solche Reise ist nichts für schwache Nerven. Anfang Mai setzte sich der Öltanker «Agios Fanourios I» im Persischen Golf in Bewegung. Die Mission: 2 Millionen Barrel Rohöl von der irakischen Hafenstadt Basra nach Vietnam zu transportieren – ein Warenwert von rund 200 Millionen Dollar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eingefädelt wurde der Deal nicht von einem Rohstoffgiganten wie Vitol, Trafigura oder Mercuria, sondern vom kleinen Genfer Handelsunternehmen Lytton SA, das nach eigenen Angaben gerade einmal acht Angestellte zählt. Die Verantwortlichen von Lytton SA bestätigen den Deal gegenüber der NZZ, wollen ihn aber nicht weiter kommentieren. «Das Unternehmen ist bis jetzt nicht in Erscheinung getreten», sagt Oliver Classen, Sprecher der Nichtregierungsorganisation Public Eye, die den Rohstoffmarkt seit Jahren beobachtet.Die grösste Herausforderung beim Öltransport vom Irak nach Vietnam ist die Durchquerung der Strasse von Hormuz. Diese ist blockiert, seit Israel und die Vereinigten Staaten Ende Februar Iran angegriffen haben. Für das iranische Regime, das die Meerenge kontrolliert, ist sie das wichtigste Druckmittel in den Verhandlungen mit US-Präsident Donald Trump.Falsche SicherheitDie «Agios Fanourios I» wollte die Passage dennoch wagen. Die Verantwortlichen gingen offenbar davon aus, dass ihnen die Durchfahrt gewährt würde. «In dieser Branche findet sich für fast jede Operation jemand, sofern die Bezahlung stimmt», sagt Giacomo Luciani, Experte für Energiegeopolitik und Professor an der Universität Genf.Eine Passage durch die Strasse von Hormuz sei riskant, aber machbar. Bisher habe es nur vereinzelte Attacken gegeben, bei denen kein Schiff gesunken sei. «Einige Akteure halten das Risiko daher für vertretbar», sagt Luciani. Entsprechend fänden sich Schiffsmanager, Reeder und Crews, die gegen hohe Risikoprämien zur Überfahrt bereit seien.Der Tanker mit Bestimmungsort Vietnam wurde jedoch zweimal zur Umkehr aufgefordert, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete. Beim dritten Versuch seien die Verantwortlichen angewiesen worden, in Richtung Bandar Abbas in Iran abzubiegen. Erst nach «intensivem diplomatischem Engagement des Irak» durfte das Schiff seine Reise fortsetzen.In der Nacht des 10. Mai konnte der Tanker die Strasse von Hormuz schliesslich verlassen – nur um von amerikanischen Sicherheitskräften gestoppt zu werden. Diese vermuteten offenbar, der Tanker habe iranisches Rohöl geladen. Fünf Tage lang wurde das Schiff festgehalten, bevor die Weiterfahrt erlaubt wurde. Laut Bloomberg gab diesmal eine Intervention von Petrovietnam Oil den Ausschlag. Der staatliche Ölkonzern bezeichnete die Freigabe als «von äusserster Wichtigkeit» für die Bevölkerung Vietnams.Ein MillionencoupNach Einschätzung von Luciani ist eine solche Intervention naheliegend, da die Länder Südostasiens aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von nahöstlichen Lieferungen derzeit dringend auf Importe angewiesen sind. «Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, dass Vietnam die USA bat, den Öltanker passieren zu lassen – insbesondere, da Vietnam jüngst intensiv um die Gunst von Donald Trump warb und daher ein relativ gutes Verhältnis zum US-Präsidenten pflegt.»Der erfolgreiche Spiessrutenlauf der «Agios Fanourios I» hat Lytton SA in der Rohstoffbranche über Nacht bekannt gemacht. Das Unternehmen, das erst seit 2024 aktiv ist, soll von der Iraq National Oil Company (Inoc) aufgrund der derzeitigen Krise einen erheblichen Rabatt erhalten und einen Bruttogewinn von rund 60 Millionen Dollar erzielt haben.Zwar fallen derzeit auch ausserordentlich hohe Kosten an, etwa für längere Liegezeiten sowie höhere Fracht-, Personal- und Versicherungskosten, was den Gewinn für Lytton SA deutlich schmälert. Dennoch dürfte sich das Geschäft mehr als gelohnt haben. «Rohstoffhändler erzielen in solchen Krisenzeiten Rekordgewinne», sagt Luciani. Je länger der Konflikt andauere, desto höhere Risiken gingen alle Beteiligten ein: Verkäufer akzeptierten grössere Rabatte, Käufer zahlten höhere Preise.Die Stunde der KleinenNormalerweise bevorzugen Staatsbetriebe wie Inoc die Zusammenarbeit mit etablierten Grosshändlern. Derzeit seien die Ölförderer im Nahen Osten jedoch unter Druck. Luciani sagt: «Da sie ihr Öl kaum absetzen können und die Lagerkapazitäten erschöpft sind, gewähren sie enorme Rabatte und akzeptieren fast jeden Käufer.»Im Handelsregister sind Hakim Darbouche, der in Grossbritannien studiert hat, sowie der Franzose Jean-Julian Cantaloube als einzige Zeichnungsberechtigte von Lytton SA aufgeführt. Darbouche arbeitete bis 2024 beim Rohstoffkonzern Trafigura. Cantaloube war zuletzt für einen kleineren amerikanischen Öl- und Gashändler tätig, zuvor für BNP Paribas sowie die Genfer Kantonalbank.Die Verantwortlichen wollten den aufsehenerregenden Deal gegenüber der NZZ nicht kommentieren. Auch zur Eigentümerschaft von Lytton SA äusserten sie sich nicht. Eine Aussage macht das Unternehmen jedoch unmissverständlich: «Wir haben den Iranern nie etwas gezahlt und werden es auch nie tun. Es ist unsere Politik, unsere Verpflichtung und unsere Überzeugung, so etwas nicht zu tun.»Der Hintergrund dieses Statements ist klar: Die USA werten die Zahlung einer Mautgebühr als Verstoss gegen ihre Sanktionen. Unternehmen, die dagegen verstossen, riskieren selbst, ins Visier der amerikanischen Behörden zu geraten.Keine ErfolgsgarantieLaut dem Public-Eye-Sprecher Oliver Classen tauchen in der Rohstoffbranche immer wieder kleine sogenannte «Pop-up-Unternehmen» auf. «Oft werden sie gezielt gegründet, um von geopolitischen Verwerfungen zu profitieren.»Dabei bauen die Gründer ihre Netzwerke meist als Angestellte grosser Rohstoffhändler oder Investmentbanken auf. «Da sie für den Wettbewerb mit Branchenriesen finanzstarke Bürgen benötigen, sind gute Verbindungen zu Banken für diese Akteure zentral», sagt Classen. Die Identität der Geldgeber im Hintergrund lasse sich jedoch kaum klären.Nach Einschätzung von Luciani verfügen diese kleineren Händler über die nötigen Kontakte und das Vertrauen vor Ort, um solche Geschäfte abzuschliessen. Eine Erfolgsgarantie gibt es jedoch nicht: Während einige mit riskanten Deals hohe Gewinne erzielen, verschwinden andere rasch wieder vom Markt, weil sie auf das falsche Geschäft gesetzt haben.Lytton SA ist das bis jetzt nicht passiert. Auch die «Agios Fanourios I» ist mittlerweile in ruhigeren Gewässern unterwegs. Der Öltanker befindet sich in der Nähe von Singapur und soll Ende Woche die Stadt Nghi Son in Vietnam erreichen.Passend zum Artikel
Strasse von Hormuz: Der spektakuläre Öl-Deal des Genfer Acht-Mann-Betriebs Lytton SA
Erst zwei Jahre am Markt, sorgt der Rohstoffhändler Lytton mit einem spektakulären Öltransport vom Irak nach Vietnam für Aufsehen. Die Krise in Nahost beschert der Branche Rekordgewinne.














