Wasserknappheit in München? Als Richard Betz im fernen Südafrika neulich die Süddeutsche Zeitung las, rieb er sich verwundert die Augen. Noch mehr, als er Kommentare auf Facebook zur Verordnung der Stadt München sah: Einige Leser äußerten dort ihr Unverständnis über das Verbot, den privaten Rasen zu sprengen und den Pool im eigenen Garten nachzufüllen. Blumenbeete dürfen bis auf Weiteres nur nach 19 Uhr, wenn die sengende Sonne das Wasser nicht mehr sofort verdunsten lässt, gegossen werden. Richard Betz, 48, hat in München studiert und promoviert, er lehrt Chemie an der Nelson-Mandela-Universität in Port Elizabeth. Seit 13 Jahren lebt er in Südafrika. Wassernot kennen die Menschen dort seit vielen Jahren. Sie trifft die Armen viel härter als die Reichen, sagt er.SZ: Herr Betz, Sie verfolgen aufmerksam Nachrichten aus München. Was dachten Sie, als Sie von der Diskussion über das Wassersparen hörten?Richard Betz: Wenn sich Leute schon aufregen, dass sie ihre Swimmingpools nicht mehr neu befüllen und ihre Blumenbeete erst nach 19 Uhr gießen dürfen, dann kann ich nur sagen: Liebe Münchner, lasst doch die Kirche im Dorf und schaut mal auf andere Regionen der Welt.Sie waren in Port Elizabeth schon ein paar Mal nahe am Day Zero, dem Tag, an dem überhaupt kein Wasser mehr aus der Leitung kommt. Wie werden Sie darauf vorbereitet?Mein Haus liegt ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt. Wenn ich dort spazieren gehe, treffe ich auf digitale Anzeigen mit dem Stand der Wasserpegel. „Noch 45 Tage bis zum Day Zero“ heißt es dann zum Beispiel, es wird heruntergezählt. In der Hochphase der Covid-Pandemie bestand kurzzeitig die Gefahr, dass die ganze Stadt innerhalb von 48 bis 96 Stunden komplett vom Wassernetz getrennt werden muss, weil die Speicher leer sind. Es hat zum Glück vorher geregnet. Aber die Gefahr ist immer da.Gibt es Verordnungen der Regierung, um den Wasserverbrauch zu drosseln?Es hängen überall in der Stadt Poster, man solle bitte Wasser sparen: möglichst nur 50 Liter pro Kopf und Tag verbrauchen. Mit Vorschlägen, wie viel davon für Körperpflege, Wäsche waschen, Kochen und so weiter zu verwenden wären. Kein Auto waschen, private Wege fegen statt abspritzen. Auch gibt es Appelle, beim Duschen die ersten paar Liter, die noch kalt sind, in einem Eimer aufzufangen und fürs Blumengießen oder Geschirrspülen zu verwenden. Oder das Wasser, das aus der Waschmaschine kommt, für die Toilettenspülung nutzen. Und noch einiges mehr.Mit solchen Plakaten ruft die Verwaltung in Port Elizabeth die Bevölkerung zum Wassersparen auf: Mit 50 Litern pro Tag könnte man demnach auskommen – wenn man nur 90 Sekunden duscht. privatDas sind freiwillige Maßnahmen.Ja. Wir haben aber auch gestaffelte Wassertarife: Wer viel verbraucht, zahlt einen höheren Liter-Preis. Und wer über einen längeren Zeitraum zu viel Wasser verschwendet, dem wird ein sogenannter Restrictor eingebaut. Der schaltet dann einfach das Wasser bis zum nächsten Morgen ab, sobald ein bestimmter Wert überschritten ist.Was ist mit den Swimming Pools, die wohlhabende Südafrikaner so lieben?Die sind natürlich auch hier ein Reizthema. Sie dürfen aber überhaupt nicht mehr mit Leitungswasser befüllt werden. Die meisten Poolbesitzer haben deshalb eigene Brunnen bohren lassen, das ist bisher für Privatpersonen nicht reguliert. Oder sie kaufen das Wasser, das dann mit Lastern gebracht wird. Fragen Sie mich nicht, was das kostet, ich weiß es nicht.Sie haben keinen Pool?Mein Vermieter hat einen, den darf ich benutzen.Swimmingpools sind auch in Südafrika ein Reizthema. via www.imago-images.deWenn sich jeder, der die Möglichkeit hat, einen Brunnen bohrt, sinkt auf Dauer der Grundwasserspiegel, das ist ja auch keine Lösung, oder?Richtig. Aber angesichts der Gefahr, dass bald überhaupt kein Wasser mehr aus der Leitung kommt, ist sich halt jeder selbst der Nächste.Halten sich die Menschen denn an die Vorgaben zum Wassersparen?Das ist sehr unterschiedlich. Obwohl Südafrika so wenig Regen abbekommt und das Problem schon sehr lange bekannt ist, ist der Wasserverbrauch mit aktuell etwa 220 Litern pro Tag pro Person ganz schön hoch.Den Wert haben die Münchner zuletzt an den heißen Tagen auch fast erreicht. In Südafrika muss man allerdings wissen: Aufgrund der früheren Apartheid und der immer noch extremen sozialen Unterschiede sind die Ressourcen und der Landbesitz sehr ungleich verteilt. In manchen Townships, in denen die arme Bevölkerung lebt, liegt der Verbrauch nur bei zehn bis 40 Litern pro Tag. In dem Mittelklasse-Viertel, in dem ich lebe, liegt er bei 400 Litern und in den Villenvierteln der Superreichen mit Pools und Parks bei mehreren Tausend Litern.Wissen Sie, was Sie selbst verbrauchen?Ich hab es gemessen, es sind ungefähr 70 bis 100 Liter pro Tag. Damit liege ich noch deutlich unter dem normalen Münchner Durchschnitt. Und unter dem, was mein Grundschullehrer in Bayern uns damals vorrechnete. Er zeigte uns Bilder und Grafiken, wie viel Wasser eine Familie verbraucht. Und ich war schon als Kind sehr beeindruckt zu sehen, wie viel bei einmal baden durch den Abfluss fließt. Und von den Möglichkeiten, wo wir überall sparen können, um die Umwelt zu schonen. Das ist jetzt 40 Jahre her.Dann sind Sie ja der perfekte Botschafter für das Thema. In Südafrika ist jetzt Winter, also Regenzeit. Sind die Speicher voll?Ja. Aber es regnet hier auch im Winter selten. Und wenn es regnet, kann es schnell zu Überschwemmungen kommen. Port Elizabeth wird von mehreren großen Stauseen versorgt. Es wird täglich in den Medien gemeldet, wie voll sie sind. Wenn sie unter 70 Prozent sinken, wird man nervös, weil man ja weiß: Es wird so schnell nicht wieder regnen. Im Moment haben wir die Situation, dass einige Pumpstationen ausgefallen sind. Deshalb werden bestimmte Stadtviertel schon seit Wochen nur mit Tanklastern versorgt. Dort müssen sich die Leute mit ihren Kanistern in die Schlange stellen. Das blieb mir bisher zum Glück erspart.Wie gehen die Leute mit so einer Situation um? In Kapstadt wurden im vergangenen Jahr bei dem Wassernotstand Polizei und Militär in Alarmbereitschaft versetzt.Ich denke nicht, dass man große Ausschreitungen befürchtete, es diente wohl eher dazu, für Ordnung zu sorgen. Bei Wahlen gibt es schon mal Proteste gegen Politiker, nach dem Motto: Seit 20 Jahren versprecht ihr uns das Gleiche, und es hat sich immer noch nichts verbessert. Aber im Alltag sind die Südafrikaner unglaublich leidensfähig und geduldig. Da kommen dann höchstens in den sozialen Medien mal so Kommentare wie: Jetzt haben wir schon seit drei Wochen kein Wasser mehr, wann repariert ihr endlich das Pumpwerk? Aber das meiste nimmt man mit einem Schulterzucken hin: Das Leben geht schon irgendwie weiter.
Wassernot in München? "Schaut mal nach Südafrika"
Richard Betz zog von München nach Südafrika. Wie die Leute dort reagieren, wenn die Leitungen trocken bleiben und wodurch er selbst Wasser spart.










