Das Kinoplakat zu Pedro Almodóvars Film „Bitteres Fest“ zitiert ein bekanntes Motiv der Filmgeschichte: Sechs Augenpaare sind auf einen Männerkopf montiert, aus dem ein siebtes Paar den Betrachter anschaut, prüfend, fragend, selbstsicher. Der Designer Juan Gatti, der für die meisten Almodóvar-Filme das Plakatmotiv entworfen hat – zuletzt für „Parallele Mütter“ –, verbeugt sich damit vor Meisterregisseuren wie Fritz Lang, bei dem die Augenmontage für den Terror der Schaulust, und Ingmar Bergman, bei dem es für das stumme Leid der Kreatur stand, aber er gibt dem Thema eine neue Wendung. Eine Wendung ins Persönliche. Denn die Augenpaare sind nicht beliebig zusammengewürfelt, sie gehören zu bestimmten Menschen – fünf Frauen und zwei Männern. Und zwischen ihnen herrscht eine strikte Hierarchie: Sechs von ihnen schweben sozusagen im freien Raum, eines steht fest und hat die Blickhoheit.Darum geht es in „Bitteres Fest“: um jene Augen, die nur sich selbst und ihre nächste Umgebung wahrnehmen, und den einen, der alles sieht – und um die Selbsttäuschung, die daraus entsteht. Um Menschen, ihre Geschichten und ihren Erfinder. Denn natürlich ist der Männerkopf auf dem Plakat zum Film der Kopf seines Regisseurs, auch wenn er von einem Schauspieler stammt. Und nicht zufällig wird der Regisseur im Film von dem Argentinier Leonardo Sbaraglia gespielt, der in Pedro Almodóvars autofiktionalem Vorgängerfilm „Leid und Herrlichkeit“ die Jugendliebe seines von Antonio Banderas dargestellten Alter Egos verkörperte. Eine Geschichte zieht bei Almodóvar die nächste nach sich, ein Gesicht antwortet auf das andere, sodass man, wenn man will, ein Bonmot von Goethe auf alle seine Filme anwenden kann: Sie sind Bruchstücke einer großen Konfession.Diesmal allerdings ist die Konfession eine Beichte: Zuschauer, ich habe gesündigt. Und ich sündige weiter. Davon ahnt man noch nichts, als der Film beginnt und Elsa mit Kopfschmerzen auf dem Sofa liegt, eine Regisseurin, die zwei erfolglose, von Kritikern gepriesene Filme gedreht hat und jetzt von Werbeaufträgen lebt. Es ist das Jahr 2004, und Elsa (Bárbara Lennie) geht, als die Migräne übermächtig wird, ins Krankenhaus. Dort wird ihr Freund Bonifacio, der sie begleitet, von einer neugierigen Ärztin angesprochen: Habe sie ihn nicht irgendwo schon einmal gesehen? Er sei Feuerwehrmann, antwortet Bonifacio; aber dann erfahren wir in einer Rückblende, dass er im Nebenberuf als Stripper arbeitet und Elsa ihn in der Garderobe eines Nachtclubs für einen Unterwäsche-Clip und anschließend als Liebhaber engagiert hat.Bevor die Geschichte aber weitergeht – die Kopfschmerzen lassen nach, dafür macht sich Panik breit, sie könnten wiederkehren –, macht der Film einen Sprung, und wir sind in der Welt ihres Autors. Dort ist es 2025, und Raúl (Leonardo Sbaraglia) geht mit seiner Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) in ein Rotlichtlokal, um für die Szene im Nachtclub (dieselbe, die wir eben gesehen haben) zu recherchieren. Solche Stripshows gebe es heute nicht mehr, sagt die Besitzerin, die Leute kämen nur noch, um Sex zu haben und zu schauen, für den Rest sorge das Smartphone. Diese Desillusionierung ist einer der Clous des Films, denn in der Rückdatierung der Handlung steckt erkennbar die Sehnsucht Raúls (der wie sein Regisseur etwa Mitte siebzig ist) nach einer früheren, übersichtlicheren Welt, in der ein Feuerwehrmann noch ohne Tinder eine Werbefilmerin kennenlernen konnte: die Nostalgie als Booster der Phantasie.Ein Duell, bei dem das Herzblut in Strömen fließtDer zweite Clou besteht darin, dass wir die Figuren der Geschichte, die der Film erzählt, von nun an nicht mehr als selbständig Handelnde betrachten, sondern nur noch als Projektionen ihres Erfinders. Ist der schöne Feuerwehrmann nicht eine jüngere Version seines Lebensgefährten Santi, der für ihn kocht, putzt und im Pool vor dem Haus routiniert seine Bahnen schwimmt? Und wie viel von dem erfolgreichen, mit Einladungen zu Festivals und Ehrungen überschütteten Raúl steckt wirklich in der grüblerischen Elsa? Nur die drogengeschwängerte Party, bei der die schmerzgeplagte Regisseurin von einer reichen Freundin (Rossy de Palma) eine lebenserhaltende Dosis Schmerzmittel und von einer Sängerin ein tieftrauriges Lied über die Vergänglichkeit der Liebe geschenkt bekommt, scheinen über jeden Verdacht erhaben: Sie sind pures Almodóvar-Material, Urgestein aus dem Gebirge seiner Kinematographie.Arbeitsgemeinschaft: Raúl (Leonardo Sbaraglia) mit Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón)Iglesias Más / El DeseoDer Film erreicht seinen Wendepunkt, als Raúl beschließt, dass sein Filmstoff noch nicht fertig ist, obwohl wir das Ende schon gesehen haben: Elsas trauriger Weihnachtsabend mit ihrer Freundin Patricia (Victoria Luengo) und die Flucht der beiden in ein Ferienhaus auf Lanzarote, wo sie sich nach kurzer gemeinsamer Erholung zerstreiten; schließlich, nach Patricias Abreise, die Arbeit der Heldin an dem Drehbuch, das sie aus ihrer Lebenskrise befreien wird. Raúl aber löscht das Wort „Fin“ auf seinem Computer und schreibt ein weiteres Kapitel. Kurz zuvor hat seine Assistentin gekündigt, denn Mónica will sich um eine Freundin kümmern, deren Sohn vor einer lebensgefährlichen Operation steht.Prompt baut der Regisseur die Episode, nur leicht verfremdet, in sein Skript ein: Jetzt bestellt Elsa eine zweite Freundin (Milena Smit), deren Kind bei einem Autounfall starb, zu sich auf die Insel, um sie aufzumuntern. Das geht schief, die Freundin unternimmt einen Suizidversuch, sie wird gerettet, aber ihre Figur ist dennoch verloren. Denn als Raúl Monica das fertige Skript zum Lesen gibt, durchschaut sie seinen Trick sofort, und es beginnt eines jener grausamen Duelle, die bei Pedro Almodóvar nicht von Todfeinden, sondern von Freunden und Liebenden ausgetragen werden und bei denen das Herzblut in Strömen fließt.Almodóvar hat zu „Bitteres Fest“ ein langes, beinahe zu ausführliches Statement verfasst, in dem er erklärt, woran er beim Schreiben und Drehen gedacht und wie er die Gemälde, Songs und Kulissen ausgesucht hat. Darin spricht er über den „Rausch“ des Erzählens, der „die härteste Droge überhaupt“ sei, und das Gefühl, das es bei seinen Opfern erzeugt: „ausgesaugt zu werden wie von einem Vampir“. Nur einen Aspekt erwähnt er nicht. Denn sein Film ist auch – und womöglich mehr als alles andere – eine Abbitte. Sein Alter-Ego-Regisseur und dessen erfundene Regisseurin, die den Tod ihrer Mutter am Set ihres Unterwäsche-Clips verpasst, sind so unverkennbar Figuren des schlechten Gewissens, dass man sie in einen Beichtstuhl für Filmhochschüler hängen könnte. Vielleicht muss man ein homosexueller Regisseur in einem katholisch geprägten Land sein, um derart öffentlich Buße zu tun. Auf jeden Fall muss man Pedro Almodóvar sein, um es auf so kunstvolle Weise tun zu können, in einem Spiegelkabinett voller Verweise, Verdopplungen, Überblendungen und Selbstzitate.Der Preis der Perfektion ist KälteDer Preis für diese Virtuosität ist Kälte. Der Film zeigt immer wieder Menschen, die weinen, aber er rührt nicht. Dafür ist sein Mechanismus zu perfekt konstruiert: Er lässt keinen Raum für ein Gefühl, das dem Kalkül des Erzählers entgeht. Der visuelle Ausdruck dieser Vollkommenheit sind die Vulkanlandschaften auf Lanzarote, deren schwarzer Sand mit dem Rot von Elsas Kleidung einen schreienden Kontrast bildet, der alle Zwischentöne verschluckt. Ähnlich gnadenlos geht der Film mit seinen Nebenfiguren um, dem braven Bonifacio, dem biederen Santi – sie haben ihren Auftritt, dann werden sie von der Bühne gefegt, um nicht bei der Augenbeichte zu stören, die der Regisseur durch den Mund seiner Figuren vor sich selbst ablegt.Denn darum geht es: „Wir Schriftsteller sind gefährliche Personen für die, die uns umgeben.“ Hat Almodóvar wirklich „Schriftsteller“ gesagt? Dann gibt es ja noch Hoffnung für den Regisseur, dessen Kino wir lieben.