„Bitteres Fest“ ist Ihr fünfundzwanzigster Spielfilm, wenn ich richtig gezählt habe …Der vierundzwanzigste!Pardon! Jedenfalls: Machen Sie noch genauso gern Filme wie vor bald fünfzig Jahren, als Sie damit begonnen haben?Also – für mich war das Kino eigentlich nie ein Beruf, sondern immer schon eine Leidenschaft. Von meinem ersten Film an habe ich leidenschaftlich gern erzählt. Und davon ist seitdem nichts verloren gegangen, im Gegenteil: Ich glaube, meine Leidenschaft ist sogar noch größer geworden. Sie hat sich in etwas verwandelt, von dem ich weiß, dass ich ohne es nicht überleben kann.Ich stelle Ihnen die Frage auch deshalb, weil Ihr neuer Film in vieler Hinsicht eine Art Best-of Ihres bisherigen Filmschaffens ist: Stilistisch vermischt er Humor und Ernsthaftigkeit und vereint viele frühere Motive, von Stripteaseszenen bis hin zur kopfschmerzgeplagten Künstlerfigur. Dabei hat er einerseits etwas sehr Leichtes und Verspieltes und ist andererseits auch melancholisch und ernst, handelt von körperlichem und psychischem Schmerz. Auch für die Figuren in Ihrem neuen Film hat das Kino diese existenzielle Dimension …Das Verhältnis von Realität und Fiktion ist für mich eine so moralische wie existenzielle Frage. Sie hat mich schon immer fasziniert, weil sie so geheimnisvoll ist. Ich habe mich mit ihr schon in vielen meiner Filme beschäftigt, aber hier wird sie zum ersten Mal zum zentralen Thema.War das der Ausgangspunkt für „Bitteres Fest“?Dem Drehbuch liegt eine kurze Erzählung mit dem gleichen Titel zugrunde, die ich vor drei Jahren geschrieben und veröffentlicht habe. Die Hauptfigur ist eine Frau, die an Panikattacken leidet und die dann mit einer Freundin nach Lanzarote fährt, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, der diese Panikattacken ausgelöst hat …Im Film ist das die Geschichte von Elsa.Das war erst mal wirklich nur diese ganz, ganz kurze Erzählung – bei der ich allerdings schon die Idee hatte, dass sie sich einmal in ein Drehbuch verwandeln könnte. Und als ich anfing, es zu schreiben, wurde mir sofort klar, dass Elsas Geschichte von einem Drehbuchautor ausgedacht wurde, der ebenfalls als Figur im Film vorkommen würde. Ab diesem Moment hat sich das Drehbuch dann stark von der Erzählung unterschieden, und mir kam es darauf an, die beiden Erzählebenen miteinander zu verknüpfen. Elsa und ihre Freundinnen und der Drehbuchautor befinden sich alle in einer Lebenskrise: Was, wenn sich in den Geschichten der Frauen die Krisen des Autors selbst widerspiegeln? Damit hat sich die Geschichte komplett verwandelt, in etwas, das ich nicht vorhersehen konnte: Sie fragt jetzt nach den Möglichkeiten und Grenzen und Gefahren des künstlerischen Schaffens und eröffnet damit eine mögliche Debatte. Wie weit darf sich der Künstler in seinem Schaffensprozess am Leben der Menschen um ihn herum bedienen, um es in Fiktion zu verwandeln?„Bitteres Fest“ ist also einerseits Metafiktion, weil er vom Filmemachen selbst handelt – aber auch Autofiktion, denn er enthält viele Verweise auf Ihr eigenes Filmschaffen und Leben. Ein selbstironischer, aber auch ein sehr selbstkritischer Film, oder?Absolut, dessen bin ich mir sehr bewusst: Wenn es in „Bitteres Fest“ einen Bösen gibt, dann ist das der Regisseur und Drehbuchautor. Denn wenn ich schon einen Film über eine Figur mache, die so viel mit mir gemeinsam hat, die den gleichen Beruf hat wie ich und ihn mit der gleichen Leidenschaft ausübt wie ich, dann wollte ich von ihr auf keinen Fall ein freundliches Bild zeichnen, sondern genau das Gegenteil. Auf mich selbst also kritisch blicken – oder auf eine Möglichkeit von mir selbst. Ich glaube nicht, dass ich Raúl bin, aber er ist jemand, der ich sein könnte. Ich gebe viel von mir preis in diesem Film. All die Dinge, die seine Assistentin dem Regisseur in der Szene im Retiropark vorwirft, könnte ich auch zu mir selbst sagen. Es hatte etwas sehr Befreiendes, mich selbst als Bösewicht zu porträtieren.Ist die Autofiktion also befreiender als die Fiktion? Ihr letzter Film, „The Room Next Door“, war ja die englischsprachige Verfilmung einer Erzählung von Sigrid Nunez, sie spielte in den USA, die Geschichte war schon dadurch deutlich weiter entfernt von Ihnen selbst. Jetzt kehren Sie mit Ihrem neuen Film gewissermaßen zurück zu sich selbst.Ach, Fiktion und Autofiktion sind doch, jedenfalls bei mir, nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Die allergrößte Befreiung ist die, wenn am Ende alle Elemente gut funktionieren und ineinandergreifen.In der Szene im Retiropark greifen Humor und Ernsthaftigkeit sehr gut ineinander. Sobald Mónica gegangen ist, beginnt Raúl, an seinem Drehbuch weiterzuschreiben, und weigert sich dann fast, das Café zu verlassen, als es schließen will. Beim Zuschauen stellt man sich schon vor, dass er einfach dortbleiben und die Bitten des Kellners, doch endlich zu gehen, ignorieren wird.Elsa (Bárbara Lennie) und Patricia (Victoria Luengo) in Almodóvars „Bitteres Fest“Iglesias Más/El DeseoDie Szene war erst mal vor allem dafür da, Mónicas Rachlust zu zeigen. Sie kennt Raúl gut und versucht, ihn an seinen schwächsten Stellen zu treffen, sie provoziert ihn: Warum zum Beispiel hat er die Rolle seines Lebenspartners nicht stärker entwickelt? Raúl weiß dabei selbst, dass sie recht hat mit ihrer Kritik. Am Schluss hat sie ihn vollkommen vernichtet. Zugleich verwandelt sich Mónica dabei auf einmal selbst in eine echte Figur, weil sie eine Seite von sich gezeigt hat, die Raúl zuvor nicht kannte. Was macht der vernichtete Künstler also? Er beginnt, seine Assistentin zum ersten Mal richtig zu sehen – und verwandelt sie umgehend in eine Filmfigur. Das ist die Rache des Künstlers: Jede schlechte Erfahrung nutzt er sofort wieder als Inspiration. Er hat es dann deshalb wirklich eilig, das Drehbuch umzuschreiben, sobald Mónica gegangen ist, mit ihr als neuer Hauptfigur. Ob das jetzt Rache an ihr ist oder eine Hommage, ist gar nicht so einfach zu entscheiden. Mónica jedenfalls ist entsetzt, als sie das neue Drehbuch sieht, denn das ist natürlich das vollkommene Gegenteil von dem, was sie zu erreichen erhofft hatte.
Interview mit Pedro Almodóvar: "Bitteres Fest" zeigt ihn als Bösewicht
Pedro Almodóvars Film „Bitteres Fest“ enthält viele Verweise auf sein eigenes Schaffen und Leben. Wie weit darf sich ein Künstler am Leben der Menschen um ihn herum bedienen, um es in Fiktion zu verwandeln?






