InterviewEr ist Dekan von Deutschlands erster islamisch-theologischer Fakultät. Nach dem Anschlag in Berlin fordert er die Muslime auf, den Koran neu zu lesen. Denn die Gewalt des Islamismus komme auch aus der Tradition der Religion.30.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenFrauen beim Mittagsgebet in der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln. Das Bild stammt aus dem Jahr 2013.Thomas TrutschelIst der muslimische Gott barmherzig, Herr Khorchide?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Definitiv. Fast alle Suren des Korans beginnen mit der Formel «Im Namen Gottes, des Barmherzigen». Der Koran selbst lädt uns dazu ein, ihn als eine Botschaft der Barmherzigkeit zu lesen.Warum gibt es dann laut dem Verfassungsschutz allein in Deutschland über 9000 gewaltbereite Islamisten? Warum hat einer von ihnen auf dem CSD in Berlin eine Frau getötet und 29 Menschen verletzt?Das ist eine berechtigte Frage.Haben Sie eine Antwort?Islamisten kümmern sich weder um die Barmherzigkeit Gottes noch um die spirituellen und ethischen Aspekte des Islams. Sie interessieren sich ausschliesslich für ihre Macht. Die Religion verkommt bei ihnen zu einer Ideologie der Herrschaft.Die Islamisten beziehen sich aber auf den Koran.Heilige Schriften wie der Koran oder die Bibel bieten einen grossen Raum für Interpretationen. Das ist ein Problem. Denn Leser tragen unterschiedliche Ansprüche an einen Text heran, sie haben verschiedene Bildungsgeschichten und andere kulturelle Hintergründe. Am Ende gibt es verschiedene Lesarten. Für uns Theologen heisst das, wir können nicht sagen: Genau so ist der Koran zu verstehen. Wir können bloss eine Auslegung anbieten. Für mich ist der Koran ein Text des Friedens. Doch es gibt auch Menschen, die keinen Frieden möchten. Auch sie finden im Koran Passagen, mit denen sie ihren Hass begründen.Zum Beispiel den Schwertvers in Sure 9: «Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie, und lauert ihnen überall auf!»Als Mohammed diese Sure im siebten Jahrhundert verkündet hat, herrschte Krieg. Er richtete seine Worte gegen einen arabischen Stamm, der ein Waffenstillstandsabkommen mit ihm gebrochen hatte. Direkt danach sagt er, falls sich die Feinde umentscheiden würden, solle man sie ziehen lassen. Wenn wir die Sure in ihrem historischen Kontext lesen, erkenne ich darin keinen Aufruf zum Mord an Nichtmuslimen.Viele andere schon.Bereits zwei Jahrhunderte nach dem Tod Mohammeds benutzten Muslime den Vers, um Religionskriege zu rechtfertigen. Doch sie hatten ein Problem: Mohammed hat sich immer wieder für den Frieden ausgesprochen. Die neunte Sure ist eine der letzten, die er verkündet hat. Gelehrte haben daraufhin die Idee der Abrogation entwickelt: Die späteren Aussagen Mohammeds sollen die früheren auflösen. Diese Vorstellung ist ein Konstrukt, um den Krieg zu legitimieren.Zur PersonImagoMouhanad KhorchideEr hat im Juli an der Universität Münster die erste islamisch-theologische Fakultät Deutschlands mitgegründet und ist nun deren Dekan. Khorchide legt den Koran zeitgemäss aus und setzt sich für einen liberalen Islam ein. Er betont die Barmherzigkeit Gottes, warnt regelmässig vor Radikalismus und plädiert für einen weltoffenen Glauben. Er ist in Libanon geboren, in Saudiarabien aufgewachsen und heute österreichischer Staatsbürger. Khorchide hat islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien studiert. Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädagogik in Münster. Khorchide ist Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, die wichtigste staatliche Auszeichnung des Landes. Im September erscheint von ihm: «21 Visionen für einen Islam der Zukunft», Verlag Herder, 144 Seiten.Die Interpretation des Korans klingt ziemlich beliebig.Wir Koranforscher versuchen Kriterien zu entwickeln, die den Koran vor beliebigen Lesarten schützen. Ich plädiere für die Barmherzigkeit als oberstes koranisches Kriterium. Alles, was der Barmherzigkeit widerspricht, ist gegen den Sinn des Korans. Und alles, was im Sinne der Barmherzigkeit ist, ist auch im Sinne des Korans.Die Barmherzigkeit Gottes steht also über allem. Wieso verstehen dann so viele den Koran falsch?Die Islamisten sagen, dass ich den Islam falsch verstehe. Sie fragen mich, wieso ich nicht von Krieg und Machterhalt spreche. Es gibt diese beiden Lesarten des Islams: Barmherzigkeit oder Krieg.Und jetzt?Es kommt jetzt darauf an, für welche Lesart sich Muslime starkmachen. Es reicht nicht, den Islamismus bloss zu verurteilen. Wir Muslime müssen uns auch für eine weltoffene Erzählung des Islams einsetzen. Gerade jetzt in Europa.Sie meinen damit den Anschlag auf den CSD in Berlin?Wir Muslime machen es uns zu leicht, wenn wir nur auf die Islamisten schauen. Auch in der klassischen Auslegung des Islams werden Homosexuelle abgewertet. Sie werden dargestellt, als entsprächen sie nicht der Norm Gottes. Für welchen Islam wollen wir Muslime uns starkmachen? Das müssen wir uns fragen. Ich hoffe, dass die Menschen in Zukunft an Weltoffenheit, Fortschritt und Ethik denken, wenn sie über den Islam sprechen. Und nicht mehr an Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Menschenverachtung.Auch das Christentum hatte Glaubenskriege. Doch es hat seinen Hang zur Gewalt weitgehend eingeebnet. Warum ist das im Islam nicht geschehen?Wir brauchen eine Relektüre des Islams, in der humane Werte im Mittelpunkt stehen und nicht Macht und Herrschaft. Zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert hatte sich eine weltoffene Lesart des Korans durchgesetzt, und der Islam war eine grosse Bereicherung für Europa.Warum dominiert jetzt die Gewalt?Die islamische Welt ist in die Defensive geraten. Sie hinkt technologisch dem Westen hinterher, ist wirtschaftlich schwächer, auch in den Geisteswissenschaften bietet sie wenig Impulse für die Welt. Nun versucht sie, sich anderweitig zu behaupten. Sie verkündet, sie habe die einzig richtige Wahrheit. Denn wer den Himmel besitzt, dem kann es so schlecht nicht gehen. Es ist eine unterbewusste Strategie, um dem eigenen Niedergang zu entkommen.Daher kommt die Gewalt?Die eigentliche Frage ist: Was bewegt Menschen, den Koran mehr in Richtung Krieg oder mehr in Richtung Barmherzigkeit zu lesen? Die Antwort ist: Je mehr sich Muslime unterlegen fühlen, desto eher suchen sie im Koran nach einer Legitimation für Überlegenheitsansprüche. Als Feindbild dient der Westen. Die extremste Form dieses Mechanismus sehen wir im Islamismus.Wie kann man diesem Mechanismus entkommen?Der Islam kann sich in Europa leichter verändern als in der islamischen Welt. Dort wird er von den Staaten für politische Zwecke instrumentalisiert. Doch in Europa haben Muslime viel mehr Raum für Meinungsfreiheit. Sie können an den Universitäten und den theologischen Zentren sagen, was sie denken. Leider machen noch nicht alle davon Gebrauch, und die Moscheen sind meist vom Ausland abhängig. Das müssen wir ändern. Wir brauchen einen europäischen Islam.Einen europäischen Islam?Der Islam in Europa muss in die Welt hinausstrahlen, auch in die islamische Welt. Wir sollten uns in Europa für einen globalen Islam der Weltoffenheit einsetzen. Und nicht bloss darauf warten, dass dieser von allein kommt.Was braucht es für einen europäischen Islam?Es braucht an erster Stelle Muslime, die sich mit Europa als ihrer Heimat identifizieren. Bisher hat sich Europa gefragt: Gehört der Islam zu Europa? Doch die europäischen Muslime müssen sich ebenso fragen, ob Europa zum Islam gehört. Stehen wir hinter freiheitlich-demokratischen Werten und den Menschenrechten? Wollen wir diese Werte in unserer Lesart des Korans stark machen? Ein europäischer Islam fördert die Werte Europas.Das klingt nach einer grossen Vision.Noch steht die Identitätspolitik im Weg. Solange sich der Islam und Europa als ein Gegenüber wahrnehmen, bietet das den Islamisten einen Raum für ihre Ideologie. Wir brauchen ein Verständnis von einem gemeinsamen Wir.Sie fordern einen liberalen Islam. Wie viel Prozent der Muslime teilen Ihre Ansichten?Die Mehrheit der Muslime in Europa ist säkular. Eine Studie aus meinem Institut zeigt, dass sich bloss 20 Prozent von ihnen einer Gemeinde zugehörig fühlen. In diesen Moscheen wird meist konservativ gepredigt. 80 Prozent verstehen sich als unabhängige Muslime. Sie leben bereits heute die Idee eines europäischen Islams. Sie sind gut integriert, ihre Religion leben sie individuell. Sie sind unsere Arbeitskollegen, Nachbarn, die Jugendtrainer im Fussballverein. Es sind Muslime, die nicht auffallen. Das heisst auch: Wir nehmen vor allem diejenigen wahr, die uns Angst machen. Auch wenn es nur wenige sind.Sie stehen unter Polizeischutz?Ja, seit 2013. Ich erhalte regelmässig Morddrohungen.Vor wenigen Wochen haben Sie die erste islamisch-theologische Fakultät Deutschlands mitgegründet. Können Sie in Münster den Islam verändern?Wir Muslime können das nur gemeinsam. Wir müssen den friedlichen Islam lauter kommunizieren, auch in den sozialen Netzwerken. Bis jetzt haben wir in Westeuropa vor allem türkische, albanische oder marokkanische Moscheen. Aber warum sollten sich Gemeinden nach der Herkunft der ehemaligen Gastarbeiter richten? Wir brauchen deutsche, Schweizer, europäische Moscheegemeinden. Nicht zuletzt brauchen wir eine eigene islamische Theologie. Ich hoffe, dass unsere Fakultät in Münster Impulse setzen kann. Sowohl für die westliche Gesellschaft als auch für die islamische Welt.Wann wird es den europäischen Islam geben?Wir befinden uns bereits mitten in einem Prozess. Ich bereite für meine Studenten gerade eine Exkursion nach Sarajevo vor. Die Menschen dort sind mehrheitlich muslimisch, doch sie leben modern und weltoffen. In Sarajevo braucht die jüdische Gemeinde nicht einmal Polizeischutz für ihre Synagoge. Doch bis Muslime und Nichtmuslime überall in Europa von einem grossen Wir sprechen können, dauert es noch ein bis zwei Generationen.Warum?Heute sind wir europäischen Muslime eine Generation zwischen den Stühlen. Weder wir noch die Mehrheitsgesellschaften Europas wissen wirklich, wo wir hingehören. Doch die jungen Leute wachsen heute mit mehr Vielfalt auf als früher. Ihnen wird es leichterfallen, den Islam und Europa zusammenzudenken.Passend zum Artikel
«Wir brauchen einen europäischen Islam», sagt Professor Mouhanad Khorchide
Er ist Dekan von Deutschlands erster islamisch-theologischer Fakultät. Nach dem Anschlag in Berlin fordert er die Muslime auf, den Koran neu zu lesen. Denn die Gewalt des Islamismus komme auch aus der Tradition der Religion.














