Vor fünfzehn Jahren wurden in Deutschland Zentren für Islamische Theologie gegründet, um die Entstehung eines aufgeklärten Islams zu fördern. Heute eröffnet die Universität Münster die erste Fakultät für Islamische Theologie in Deutschland, deren Gründungsdekan Sie sind. Hat man damit das Ziel erreicht?Die Politik wollte damals zwei Ziele erreichen: die Ausbildung von Imamen in Deutschland und einen gut integrierten Islam. Das erste Ziel wurde nicht erreicht, weil die muslimischen Verbände weiter große Vorbehalte gegenüber unseren Absolventen haben. Erfolgreich sind wir dagegen bei der Ausbildung von Lehrern für den islamischen Religionsunterricht. Sie haben gute Berufsperspektiven. Darüber hinaus hat sich die Islamische Theologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin etabliert. Mit der Gründung der ersten Islamisch-Theologischen Fakultät wird diese Entwicklung nun institutionell sichtbar.Die deutsche Islamtheologie steht im Spannungsfeld zwischen politischen Integrationserwartungen und der Furcht vor einem staatlich diktierten Islam. Welcher Islam wird heute an deutschen Universitäten gelehrt?In der deutschen Islamtheologie gibt es eine große Bandbreite an Positionen. Es gibt Konsens in bestimmten Punkten. Nicht jeder ist aber immer einverstanden mit dem, was der andere macht.Welchen Disput gibt es über Glaubensfragen?Die zentrale Frage ist, wie wir Offenbarung verstehen und wie wir in der Konsequenz mit den religiösen Texten umgehen. Ich vertrete ein historisches und allegorisches Verständnis vom Koran. Zum Beispiel sind die Bilder von Paradies und Hölle im Koran nicht buchstäblich zu verstehen. Es gibt aber auch in der deutschen Islamtheologie Vertreter einer wortwörtlichen Deutung. Manche sprechen sich zum Beispiel für ein Verbot von Homosexualität aus, halten sich aber mit öffentlichen Äußerungen zurück. Daneben gibt es eine Gruppe von Theologen, die offen für alternative Deutungen sind, dies aber aus Angst vor dem Entzug der Lehrerlaubnis oder Ärger mit den muslimischen Communitys für sich behalten.Sind Sie ein Exot mit Ihrer liberalen Position?Das bin ich nicht. Die liberalen Stimmen sind zwar in der Minderheit, an Universitäten gewinnt die historisch-kritische Methode aber langsam an Bedeutung. Es ist allerdings ein akademischer Binnendiskurs, der wenig nach außen dringt. In den Moscheegemeinden hat die historisch-kritische Lesart kaum Fürsprecher. In den sozialen Medien haben wir es sowieso mit einem anderen Diskurs zu tun, der Theologie simplifiziert.Auf der Website des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster wird das Ziel ausgegeben, den Islam in unserer postmetaphysischen und postmodernen Gegenwart neu zu begründen. Hebt das den Wahrheitsanspruch und Offenbarungscharakter des Koran nicht auf?Man muss zwischen Wahrheitsanspruch und Absolutheitsanspruch unterscheiden. Absolutheitsanspruch heißt, keine andere Wahrheit als den Islam anzuerkennen. Das ist die dominierende Sichtweise in konservativen Kreisen sowie in vielen Moscheegemeinden. Ich gehe von der koranischen Überzeugung in Sure 5:48 aus, dass es unterschiedliche Wege zu Gott gibt und dass Gott dies auch so gewollt hat.Ist der Koran dann noch eine privilegierte Erkenntnisquelle?Es kommt darauf an, ob man ihn als ahistorische göttliche Verbalinspiration versteht oder als historisch gewordenen Text zur Zeit des Propheten Mohammeds. Im ersten Fall hat man tatsächlich ein Problem. Da haben beispielsweise Körperstrafen, patriarchalische Aussagen oder kriegerische Äußerungen im Umgang mit Andersgläubigen Ewigkeitscharakter. Ich glaube dagegen, dass sich Gott im Menschenwort offenbart. Ich stelle mir die Offenbarung als offene, nicht abgeschlossene Kommunikation zwischen Gott und den Menschen vor. In dieser Kommunikation gibt es heute andere Antworten und Fragen als damals.Das ist ein sehr menschliches Gottesbild. Gibt es für Sie auch einen zeitlosen, unverhandelbaren Teil des Koran?Ich nehme eine hierarchische Unterscheidung zwischen historisch bedingten und grundsätzlichen Aussagen des Korans vor. Mein hermeneutischer Schlüssel ist die Kategorie der Barmherzigkeit. Sie lässt sich aus dem Koran an mehr als fünfhundert Stellen herauslesen. Sicher gibt es auch Schilderungen kriegerischer Auseinandersetzungen und Gewaltaufrufe. Diese sind situationsbedingt, die Grundbotschaft bleibt die Barmherzigkeit.Beim Antritt Ihrer Professur sprachen Sie von bleibenden Spannungen zwischen Koran und Demokratie. Lassen sie sich hermeneutisch auflösen?Es ist wichtig, den Islam fortzudenken und fortzuschreiben. Ich verstehe nicht, warum wir in diesem Punkt an das gebunden bleiben sollten, was die damaligen Schulen vor mehr als tausend Jahren verstanden und ausgelegt haben. Sie waren Kinder ihrer Zeit und sich selbst uneinig. Oft hat der heutige Widerstand gegen neue Deutungen, vor allem die im Sinne der Freiheit und Selbstbestimmung, nicht religiöse, sondern identitätspolitische Gründe. Man wolle sich vom Westen nicht die Deutung vorgeben lassen, heißt es oft. Daher müssen wir demokratische Werte aus dem Islam heraus begründen.Wie wollen Sie das tun?Die Quellen des Islams, vor allem der Koran und die Sunna, die prophetische Tradition, bieten hilfreiche Grundlagen dafür, vorausgesetzt wir sind bereit, diese Quellen fortzudenken. Gerade bei der Sunna und den Hadithen, den Sprüchen Mohammeds, müssen wir kritischer untersuchen, was Mohammed wirklich gesagt und getan haben könnte. Die Hauptquelle für Hadithe im sunnitischen Islam ist die Sammlung des 870 nach Christus verstorbenen Imam Bukhari. Wir dürfen uns jedoch nicht auf die Auswahl eines einzelnen Menschen aus dem neunten Jahrhundert verlassen, der fünfhunderttausend Sprüche des Propheten gesammelt und davon fünftausend für authentisch erklärt hat, der Rest wurde verworfen. Wir müssen auch die Biographie Mohammeds, die viel später nach seinem Tod erfasst wurde, auf den Prüfstand stellen und uns fragen, was der Prophet wirklich gesagt hat.Ihr Lehrstuhlvorgänger ist zurückgetreten, weil ihn Zweifel an der historischen Existenz Mohammeds beschlichen. Welche Gewissheiten bleiben nach der historischen Korankritik noch?Die ethische und spirituelle Botschaft Mohammeds bilden den Kern des Islams. Vielleicht ist es genau das, was wir heute brauchen. Wir brauchen nicht Darstellungen der damaligen Kriege, die mehr über die Zeit ihrer Berichterstatter verraten als über die Zeit, in der Mohammed gelebt hat. Viele als Selbstverständnis hingenommene Positionen müssen hinterfragt werden. Wo steht zum Beispiel im Koran oder in der Sunna, dass Frauen keine Imaminnen sein dürfen oder keine nicht muslimischen Männer heiraten dürfen? Verurteilt der Koran wirklich Homosexualität und Apostasie? Wir müssen die spirituelle und ethische Kernbotschaft stärker ins Zentrum des Glaubens und der Praxis rücken. Es darf nicht lediglich darum gehen, was halal und was haram ist, als wäre der Islam ein Regelwerk, der Männern vorschreiben soll, wie lang der Bart sein soll oder mit welcher Hand wir essen sollten und vieles mehr.Für Ihr Bild eines barmherzigen Gottes wurden Sie scharf angegriffen bis hin zu Morddrohungen. Man hat Ihnen Eklektizismus vorgeworfen. Die Islamverbände haben versucht, Ihnen die Lehrerlaubnis zu entziehen. Gibt es im internationalen Kontext Positionen, an die Sie anschließen können?In islamischen Ländern wie Indonesien oder Marokko gibt es progressive Stimmen. In anderen ist die Grundtendenz sehr konservativ. Es gab in den vergangenen Jahren einige progressive Stimmen wie Nasr Hamid Abu Zayd, Mohammed Arkoun, Fazlur Rahman, Amina Wadud. Sie wurden in den großen theologischen Fakultäten aber nicht oder ausschließlich negativ rezipiert. In westlichen Gesellschaften sind die fortschrittlichen Stimmen stärker, aber auch hier prägen sie nicht den Diskurs.Kooperieren Sie mit Theologen aus islamischen Staaten?Wir kooperieren mit einzelnen Personen. Es ist oft ein Selbstgespräch einer progressiven Elite, die sich untereinander einig ist. Wenn wir Einfluss haben wollen, müssen wir das Gespräch mit den konservativen Stimmen in der islamischen Welt suchen. Außerdem müssen sich die progressiven Theologen international stärker vernetzen und eine gemeinsame Institution ins Leben rufen, die Stellungnahmen zu wichtigen islamischen Themen herausgibt. Das plane ich gerade im Zuge der Fakultätsgründung.Die Islamtheologie in Deutschland muss mit den Import-Imamen um Deutungsmacht konkurrieren. Die an den Universitäten ausgebildeten Imame werden in den Moscheegemeinden nicht akzeptiert, weshalb der akademische Diskurs nicht nach außen dringt. Wie lässt sich die Blockade lösen?Der Staat muss über seinen Schatten springen und eine Finanzierung für Imame finden, zum Beispiel eine Moscheesteuer erheben, die nach festen Kriterien an Moscheen verteilt wird, die diese Kriterien erfüllen. Ein Stiftungsmodell käme auch infrage. Auf dieser Basis können die Moscheen den Imamen lukrative Gehälter bezahlen.Die Moscheegemeinden werden über den Eingriff des Staates nicht begeistert sein.Die Frage ist nicht, ob die Moscheegemeinden davon begeistert sind, sondern ob es im Sinne unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist. Man könnte eine Kommission aus muslimischen Experten zusammenstellen, die die Organisation der Moscheesteuer übernimmt. Wir sollten das nicht als Restriktion verstehen, sondern als lukratives Angebot an die Imame und die Gemeinden. Damit wahrt der Staat seine Neutralität und schafft gleichzeitig die Voraussetzungen für einen von ausländischen Einflüssen unabhängigen Islam.Der größte Moscheeverband, die Ditib, bildet seit einigen Jahren Imame in Deutschland aus. Die Absolventen sind jedoch überwiegend Theologiestudenten aus der Türkei. Wird in den Ditib-Moscheen weiter ein türkischer Staatsislam gepredigt?Wir müssen Imame ausbilden, die mit den Lebensrealitäten in Deutschland vertraut sind. Alles andere bringt uns nicht weiter.Vor zwei Jahren erregte eine Studie von Sarah Demmrich und Abdulkerim Şenel Aufsehen, nach der fundamentalistische Einstellungen unter Studenten der Islamtheologie in Deutschland weit verbreitet sind. 47 Prozent der Befragten sprachen dem Staat Israel das Existenzrecht ab, 37 Prozent betrachteten Juden als ihre Feinde, und 25 Prozent befürworteten die Islamisierung des deutschen Rechtssystems. Ist das die Speerspitze eines aufgeklärten Islams?Es kommt auf den Studienzeitpunkt an. Viele Studierende der Islamtheologie beginnen das Studium mit klaren Vorstellungen, was der richtige Islam sei. Oft sind es nicht unproblematische Positionen, die sie mitbringen. Im Studium beginnen sie allerdings, diese Positionen zu überdenken. Oft führt das zur Auflösung fundamentalistischer Einstellungen. In einigen Moscheegemeinden und den sozialen Netzwerken sind sie oft mit dem alten Islambild konfrontiert. Das ist nicht einfach für sie. Im Ganzen machen wir aber wichtige Fortschritte.Der Hauptgegner ist Social Media?Ja. Es sind nicht mehr die Moscheegemeinden, weil immer weniger junge Menschen in die Moscheen gehen.Nach der Motra-Studie, an der mehrere deutsche Universitäten beteiligt waren, sind die fundamentalistischen Neigungen gerade in der jüngeren Generation sehr groß. 33 Prozent der unter Vierzigjährigen haben demnach ein latent islamistisches und elf Prozent ein geschlossen islamistisches Weltbild. Spricht das nicht gegen den Rückgang der Religiosität in der jüngeren Generation?Es spiegelt den religiösen Wandel. Die jüngere Generation hält sich für viel religiöser als die Vorgeneration, verbindet das aber nicht mehr so häufig mit religiösen Praktiken wie dem Moscheebesuch. Religiosität hat für sie vor allem identitätsstiftende Bedeutung. Der Islam konstruiert eine neue Wir-Identität. Der Wandel zeigt sich auch in der Sprache der Islamisten. Früher wurde dort gelehrt, den religiösen Vorschriften streng zu folgen, heute geht um den Schulterschluss gegen das Feindbild Westen. Die Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen Religionen, sondern entlang der Frage: Gehörst du zum Westen, oder bist du einer von uns? Identität braucht Klarheit und Eindeutigkeit. Ich versuche, ein anderes Verständnis zu etablieren. Religiös sein bedeutet für mich, dass Gott seine Hände abmontiert hat und uns überlassen hat, damit wir sie für das Gute einsetzen. Am Tag meines Todes gebe ich ihm diese Hände zurück und hoffe, dass er sich mit dem identifizieren kann, was ich mit seinen Händen gemacht habe.