PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungDie Kirchen und der IslamChristen und Muslime – gemeinsam gegen den Säkularismus?Stand: 10:31 UhrLesedauer: 6 MinutenDie Beziehung der Kirchen zu muslimischen Religionsgemeinschaften könnte sich zu einem stabilen Bündnis entwickeln – angesichts eines gemeinsamen Gegners.Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa/picture allianceOb um Muezzin-Ruf oder Moscheebau gestritten wird – stets stellen sich Christen die Frage: Und wie steht Ihr dazu? Allmählich finden die großen Kirchen zu einer Antwort jenseits von Islamophobie und Islamophilie.Ein muslimischer Busfahrer der Stadtwerke Landshut unterbrach jüngst seine Linienfahrt. Und verrichtete im Bus, vor den Fahrgästen, sein Nachmittagsgebet. Während dieser Minuten wurde der Fahrbetrieb außerplanmäßig unterbrochen. Oder, wie Kritiker klagten: Religiöse Vorgaben (des Islam) triumphierten über säkulare Vorgaben (des Fahrplans). Die Begebenheit löste Empörung, zumindest aber ein allseitiges „So geht es nicht“ aus. Nur von den Kirchen, von denen war nichts zu hören. Was zu Unterstellungen führte: Die Kirchen, so raunte es durch soziale Netzwerke, könnten Muslime nicht mehr kritisieren, weil sie dann an dem Ast sägen würden, auf dem sie selber sitzen: an der Religionsfreiheit. Denn die gebe es eben nur für alle oder für keinen.Solidarität & SelbsterhaltungstriebWelch Irrtum. Die Kirchen sind nicht kritikunfähig gegenüber Muslimen. Das bewies etwa Thorsten Latzel, Präses der rheinischen Protestanten, also der zweitgrößten evangelischen Landeskirche Deutschlands. Er betonte in diesem Fall die Grenze der Religionsfreiheit für Muslime. Denn das Funktionieren des weltlichen Gemeinwesens dürfe nicht gestört werden. Gegenüber WELT sagte er, „das muslimische Ritualgebet“ sei „nicht zwingend an einen konkreten Moment gebunden und kann nach muslimischem Verständnis nachgeholt werden“. Deshalb hätten „während der Arbeit Dienstpflichten Vorrang“. Das passt zu dem differenzierten Vierklang, der den Umgang der Kirchen mit Deutschlands Muslimen zunehmend prägt: gemeinwohlorientiert und interessenbewusst, solidarisch, aber auch kritisch.Zunächst zur Solidarität: Geht es um Moscheebau, öffentlichen Muezzin-Ruf, fastende Schüler im Ramadan, islamischen Religionsunterricht und manches mehr, dann wissen Muslime die Kirchen an ihrer Seite. Jedenfalls im Grundsatz. Mit dieser Unterstützung für ihre muslimischen Glaubensgeschwister schützen die Kirchen deren Religionsfreiheit – und beweisen zugleich Selbsterhaltungstrieb. Denn würde man all diese Rechte Muslimen prinzipiell vorenthalten, wären sie bald auch für die Kirchen gefährdet. Das Grundgesetz verpflichtet schließlich zur Gleichbehandlung der Religionsgemeinschaften. Ergo: Wenn kein Muezzin-Ruf, dann auch kein Glockengeläut. Und weil Christen hierzulande so einige Privilegien genießen (und zu verlieren haben), harmonieren interreligiöse Solidarität und kirchliches Eigeninteresse hier aufs Beste.Verfassung und Gemeinwohl zuerst!Doch diese Solidarität ist nicht harmonietrunken. Die Kirchen binden sie an Bedingungen. Vor allem zwei: Verfassungstreue und Gemeinwohlorientierung. Das veranschaulicht wiederum Präses Latzel am Beispiel des Muezzin-Rufs: „Der Bau von Moscheen und der öffentliche Muezzin-Ruf sind grundsätzlich durch die Religionsfreiheit gedeckt“, betont er. „Dieses Recht steht muslimischen Organisationen zu.“ Allerdings: „Wessen Verfassungstreue Zweifeln unterliegt, darf nicht mit Solidarität der Kirchen rechnen.“ Da sticht Verfassungsloyalität die interreligiöse Verbundenheit. Aber auch wenn es Muslimen an Gemeinwohlorientierung, also an Rücksicht auf die nichtmuslimische Mehrheit, fehlt, stellen sich die Kirchen quer: „Solidarität und Unterstützung durch die Kirche setzen voraus, dass bei allen Bauvorhaben und besonders bei Einführung eines lautsprecherverstärkten Muezzin-Rufs eine transparente Kommunikation der Moscheevereine in die Stadtgesellschaft erfolgt“, mahnt Latzel (diese Rücksicht aufs Gemeinwohl fällt Extremisten schwer, moderaten Muslimen aber leicht, weil es in ihrer Rechtslehre eine zunehmend gefragte Strömung gibt, die die Gemeinwohlorientierung, „Maslaha“ genannt, stark betont). Gleichberechtigung andersherum: Schutz für KirchenZudem entdecken die Kirchen allmählich, dass der Ruf nach Gleichbehandlung keine Einbahnstraße ist. An mancher Stelle fordern sie inzwischen nicht mehr nur die Gleichberechtigung der Muslime mit den Christen, sondern umgekehrt die der Christen mit den Muslimen. Etwa beim Umgang mit Attacken auf Gotteshäuser. So regt Matthias Kopp, der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, an, die Sicherheitsbehörden sollten Attacken gegen Kirchen endlich genauso gründlich untersuchen wie vergleichbare Angriffe zum Beispiel auf Moscheen. Bislang werden Übergriffe auf Moscheen (und Synagogen) in der Regel vom Staatsschutz bearbeitet, weil sofort ein politisches oder antireligiöses Motiv unterstellt wird. Die Kirchen begrüßen dies, weil sie Gewalt gegen Muslime (und Juden) von ganzem Herzen verabscheuen. Übergriffe auf Kirchen dagegen werden oft als gewöhnliche Sachbeschädigung behandelt, der Staatsschutz wird nicht aktiv – und die Fahndungsintensität bleibt niedrig. DBK-Sprecher Kopp postuliert nun, auch bei antichristlicher Gewalt sollten staatliche Profiler „vergleichbar engmaschige Analysekriterien und Ermittlungsraster anlegen wie bei Vandalismus an Kultstätten und Kultgegenständen anderer Religionsgemeinschaften“. Dem stimmt der Protestanten-Präses ausdrücklich zu. Der gratismutige Spott über ChristenLatzel weitet das Thema der Gleichberechtigung von Christen aber noch aus: „Wir brauchen eine wertschätzende Sensibilität nicht nur gegenüber anderen Religionen, sondern auch gegenüber christlichem Glauben: auf dem Schulhof, am Arbeitsplatz, in den Medien“, so fordert er. Denn auch den Kirchen entgeht nicht, wie lustvoll manche Medien den christlichen Glauben und dessen Repräsentanten verspotten (wenn etwa die „taz“ christlichen Fußballnationalspielern einen „Christus-Fimmel“ attestiert), während die gleichen Medien gegenüber Muslimen niemals Vergleichbares wagen würden. Wohlgemerkt: Geht es nach den Kirchen, sollen Medien nicht damit beginnen, respektlos über Muslime herzuziehen, sondern damit aufhören, sich respektlos (und gratismutig) an Christen abzuarbeiten. Der mediale Umgang mit Muslimen wird von den Kirchen de facto also zum Vorbild erklärt.Lesen Sie auchEtwas Vorbildliches können die Kirchenoberen dem Islam auch an anderer Stelle abgewinnen. So betont Latzel, Christen könnten von Muslimen einiges lernen (und umgekehrt): Zum Beispiel „im Ramadan die Fastenpraxis, die Gastfreundlichkeit und das soziale Miteinander von Muslimen“. In der Tat: Nur 13 Prozent aller Deutschen fasten vor Ostern. Während des Ramadans dagegen fasten 75 Prozent aller deutschen Muslime. Von solchem Glaubensernst könnten sich hiesige Gegenwarts-Christen inspirieren lassen. „In dieser Begegnung mit dem Fremden“ so Latzel, könnten Christen „das Eigene neu kennen und schätzen lernen.“ Theoretisch wäre da einiges zu holen. Schließlich sind nur maximal sieben Millionen Bewohner Deutschlands muslimisch geprägt, die anderen 76 Millionen sind in ihrer großen Mehrheit mehr oder weniger christlich beeinflusst.Der gemeinsame Gegner: rigorose SäkularistenIn all dem erscheint eine wachsende Bereitschaft der Kirchen, sich den öffentlichen Raum mit den Muslimen zu teilen und sie als religiösen Akteur zu akzeptieren. Lieber eine geteilte Öffentlichkeit als gar keine – auch diese Einsicht schafft Nähe zwischen den Religionen. Verstärkt wird diese durch einen gemeinsamen Gegner: In den Medien wie in den Parteien, abgesehen von CDU und CSU, formiert sich zunehmend ein beherzter Säkularismus, der von Religionsfressertum manchmal kaum mehr zu unterscheiden ist. Diese rigorosen Säkularisten kennen keine Unterschiede zwischen Kirche und Moschee und verfolgen nur ein Ziel: Religion insgesamt soll raus aus dem öffentlichen Raum und rein ins stille Kämmerlein. Christen aber wissen ebenso wie Muslime, dass ein Glaube, der öffentlich nicht ausgedrückt und gezeigt werden darf, zu verkümmern droht. Aus diesem Grunde werden religiöse Minderheiten in radikalislamistischen Diktaturen ja auch in ihrer Sicht- und Hörbarkeit so eingeschränkt – weil sie eingehen sollen. Umgekehrt kämpfen hiesige Muslime auch deshalb um jedes Dezibel Muezzin-Ruf und jeden Zentimeter Minarett – weil öffentlich akzeptierte Präsenz sie stärkt. Auch Latzel beteuert: „Seinen Glauben erkennbar nach außen zu zeigen, gehört aus christlicher Sicht zum Wesen des Glaubens. Glaube ist persönlich, aber nicht privat und hat eine soziale Dimension.“ Er lebe „aus der einen Liebe Gottes, die allen gilt, und das kann man nicht für sich behalten.“ Die Lagerbildung der ZukunftNur folgerichtig wirkte da, dass Latzel während der Fußball-WM das öffentliche Gebet der christlichen Fußballnationalspieler Felix Nmecha und Jonathan Tah gegen alle Mäkelei lobte und gegenüber WELT nachsetzte, „selbstverständlich“ respektiere er „das auch bei muslimischen Glaubensäußerungen“. Dass die Fußballstadien der Welt zur religionsneutralen Zone mutieren könnten – diese Aussicht missfällt Christen ebenso sehr wie Muslimen. Dass ein Gläubiger im Moment des Triumphs, nach 90 bis 120 Minuten kraftzehrenden Kampfes, seinem Gott dankt, scheint ihnen eine nur zu natürliche Reaktion.Im Abwehrkampf gegen radikale Säkularisten verbindet Christen und Muslime also nicht nur so etwas Fragiles wie interreligiöse Solidarität, sondern auch etwas so Stabiles wie geteilte Interessen. Religionsgemeinschaften hier – Säkularisten dort: Diese Lagerbildung könnte Zukunft besitzen.