PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungReligiöse VerfolgungOb Jude, Christ, Moslem – wir wollen keine Feinde sein!Veröffentlicht am 25.12.2025Lesedauer: 5 MinutenDie Asozialen sind unter uns: Schmiererei an einer KirchenwandQuelle: Christopher Beschnitt/KNA/picture alliance/jstIn Debatten um Verfolgung und Diskriminierung von Juden, Christen und Muslimen schleicht sich ein biestiger Ton ein. Opfer soll zunehmend nur die eigene Glaubensgemeinschaft sein. Das kann böse enden – wenn wir nicht bald die Solidarität aller Religionen im Land stärken.Wird in einer Kirche auf den Altar defäkiert, würde so mancher den Täter gerne mit dem Rohrstock erziehen. Wird ein Schweinskopf in einer Moschee platziert, gilt genau dasselbe. Und wird ein jüdischer Friedhof zur Toilette umfunktioniert, dann – genau. Siehe oben. Eigentlich ist es ganz einfach: Werden religiöse Menschen oder ihre spezifischen Lebenswelten verletzt und geschändet, ist das empörend. Und intolerabel. Für Juden, Christen, Muslime und alle anderen. Wer-ist-das-größte-Opfer?-StimmungAktuell jedoch greift eine Wettbewerbsstimmung um sich, die der Empathie zwischen Konfessionen schadet. Wer ist das größere Opfer von Diskriminierung und Verfolgung? Diese Frage treibt viele Nachrichtenseiten, Hilfsorganisationen und sozial-mediale Anhänger der Religionen an. Sie mühen sich allzu oft, jeweils nur ihr Leiden, ihre Diskriminierung, ihren Opferstatus in den Vordergrund zu schieben – auf Kosten der Mitbewerber um Anteilnahme. Denn öffentliche Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Fast scheint es, als gönnten die einen den anderen nicht mehr den Bluterguss unter dem Fingernagel. Maximal augenfällig wird das, wenn sich AfD-Politiker als selbst ernannte Anwälte der Christenheit des Themas annehmen. Religionsverfolgung existiert für sie offenbar nur in Form von Christenverfolgung. Und die geht – ohne jeden Beleg dafür zu liefern – natürlich von muslimischen Einwanderern aus. Da wird das Leid gläubiger Menschen erst selektiert und dann als Wurfgeschoss im politischen Kampf instrumentalisiert.Ein falscher, missgünstiger Ton?Eine Missgunst verstärkende Opfer-Konkurrenz zeigt sich bisweilen auch beim Streit um den Gedenktag für Islamfeindlichkeit in Berlin oder um Meldestellen für antimuslimische Diskriminierung in NRW. Oder in der Art, wie weltweite religiöse Verfolgung hierzulande präsentiert wird. Etwa, wenn über Gräuel der islamistisch-terroristischen Boko Haram in Nigeria berichtet wird. Kirchliche Hilfswerke und ihre digitalen Multiplikatoren beklagen die dortige Christenverfolgung. Zurecht. Schließlich werden christliche Nigerianer (zumindest leicht) überproportional oft Opfer. Andere, oft Muslime, verweisen ebenfalls zurecht darauf, laut vielen Quellen würden aber mehr Muslime Opfer von Boko Haram (siehe hier und hier) – erst recht, wenn man Soldaten und Polizisten mitzähle. Darauf erwidern wieder andere, muslimische Soldaten und Polizisten könne man doch nicht als Terroropfer verstehen. Was die Antwort hervorruft, das könne man sehr wohl, immerhin ließen die ihr Leben im Kampf mit Boko Haram, um auch Christen vor Terror zu schützen. Droht da nicht ein falscher Ton? Lesen Sie auchWerden da nicht Terroropfer mehr oder weniger subtil kleingeredet, weil sie der falschen Religion angehören? Auch in Debatten um die Massenmorde im Sudan wird hin und her gestritten, was entscheidend sei: dass angesichts einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung wohl mehr Muslime Opfer der Terror-Horden wurden oder dass sich überproportional viele Angehörige der christlichen Minderheit unter den Opfern befinden. Natürlich soll man Sachverhalte differenziert beschreiben. Aber mit Verlaub: Wollen wir wirklich diskutieren, ob das Zu-Tode-Vergewaltigen und Massakrieren in absoluten oder in prozentualen Zahlen schlimmer ist? Wo soll das hinführen?Auch Kirchenschändung verdient vollen Einsatz der PolizeiWas lässt sich gegen diesen biestigen Ton unternehmen? Zumindest sollte keine Religionsgemeinschaft hierzulande fürchten müssen, ihre Diskriminierung und Verfolgung werde marginalisiert. Niemand darf sich als Opfer zweiter Klasse fühlen. Wenn etwa die Deutsche Bischofskonferenz die Polizei bittet, Übergriffe auf Kirchen künftig so gewissenhaft zu untersuchen wie solche auf Moscheen, sollten die Polizeiminister der Länder nachbessern. Es kann nicht sein, dass Übergriffe auf Kirchen meist schnell als Sachbeschädigungen abgetan werden, während Attacken auf Synagogen oder Moscheen Ermittlungen des Staatsschutzes auslösen.Marginalisierung droht aber auch in der nicht staatlichen Öffentlichkeit. Dort haben Muslime es oft schwerer, mit Warnungen vor antimuslimischem Hass durchzudringen. Dabei zählte die Polizei hierzulande mehr antimuslimische Straftaten (1848 im Jahr 2024) als Übergriffe gegen Christen (228 in 2024). Doch vom Hass auf Muslime hört man in der Öffentlichkeit eher wenig. Ein entscheidender Grund: Der islamistische Terror prägt und verfinstert die Wahrnehmung. In so manchen Kopf passt einfach nicht hinein, dass Muslime für Terror verantwortlich und gleichzeitig Opfer sein können. Auch eine antimuslimische Blutspur durch EuropaWenn laut BKA jedoch nur 0,01 Prozent der deutschen Muslime Terror in irgendeiner Form unterstützen, tun gute 99 Prozent es eben nicht. Diese gigantische Mehrheit darf man nicht in „Täter“ umtaufen. Sie muss darauf vertrauen können, dass auch antimuslimische Taten öffentlich wahrgenommen werden – zumal Nichtmuslime rasch vergessen, was im Bewusstsein vieler Muslime präsent ist: Durch Europa zieht sich nicht nur eine Blutspur des antiwestlichen Terrors, sondern auch eine des Muslimhasses. Die begann in den 1990ern mit dem serbischen und ausdrücklich antimuslimischen Genozid an den Bosniern, sie setzte sich hierzulande fort im NSU und in den Morden von Hanau. Und mit jedem heruntergerissenen Kopftuch wird dieser Kette der Gewalt ein neues Glied hinzugefügt.Hilfreich wären zudem mehr Orte, an denen die Solidarität der Religionen gepflegt würde – neben all den Stellen, Dokumentationszentren und Pressure Groups, die nur die Nöte jeweils einer Gemeinschaft publik machen. Es braucht Orte, an denen alle Konfessionen den Hass auf alle Konfessionen benennen, beklagen, bekämpfen. Denn es heilt, wenn ein Moslem zum Kampf gegen Übergriffe auf Synagogen bläst und ein Jude zum Kampf gegen Übergriffe auf Moscheen. Oder wenn Juden, Christen und Muslime gemeinsam verdammen, dass wieder einmal christliche Weihnachtsgottesdienste irgendwo auf der Welt von Fanatikern attackiert wurden.Wir wollen keine Feinde seinNRW zum Beispiel könnte da vorangehen: Warum errichtet das Land neben seinen lange Zeit so umstrittenen Meldestellen für unter anderem antisemitische und antimuslimische Diskriminierung nicht eine weitere für antichristliche Attacken? Immerhin steigt die Zahl solcher Übergriffe deutlich. Die Sprecher aller drei Stellen könnten dann gemeinsam vor die Mikrofone treten und Maßnahmen gegen jede Art antireligiöser Attacken vorschlagen. Damit würden sie eine kostbare Botschaft aussenden: Geht es um antireligiösen Hass, stehen die Religionsgemeinschaften zusammen. Wir wollen keine Feinde sein.