Interview«Die Islamisten kennen unsere Schwachstellen. Sie wissen genau, wie man Schuldgefühle politisiert», sagt der algerisch-französische Schriftsteller Kamel DaoudEuropa müsse die Deutung des Islams selbstbewusst mitprägen, statt sie den Radikalen zu überlassen, sagt Kamel Daoud. Er wirft der Linken vor, aus Angst vor Rassismus über Islamismus zu schweigen.16.07.2026, 11.40 Uhr13 Leseminuten«Solange der Koran nur in einer als heilig geltenden Sprache wirklich gültig ist, behalten jene die Deutungshoheit, die diese Sprache beherrschen»: Der Schriftsteller Kamel Daoud sieht in der KI die Chance zu einer Reform des Islams.Basso Cannarsa / Opale / ImagoKamel Daoud trifft in einem Restaurant im Pariser 5. Arrondissement ein. Der 1970 im westalgerischen Mesra geborene Schriftsteller wurde 2024 für seinen Roman «Houris» mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Das Buch erzählt von den Traumata des algerischen Bürgerkriegs der neunziger Jahre. In Algerien wurde es verboten. Die Justiz verurteilte Daoud in Abwesenheit zu drei Jahren Gefängnis. In Frankreich hingegen, wo er 2020 eingebürgert wurde, werfen ihm linke Kritiker vor, mit seinen Essays über Islam, Migration und Laizität konservative Debatten zu bedienen. Aber das sei ihm egal, sagt Daoud während des Gesprächs: «Ich bin nicht der Araber, der das sagen soll, was man von einem Araber erwartet.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Daoud, Sie haben vor unserem Treffen gesagt, dass Sie nicht über die Tagespolitik sprechen möchten.Nein. Ich fühle mich manchmal wie die osteuropäischen Schriftsteller der sechziger und siebziger Jahre. Wie Kundera, Kadare oder Konrád. Sie wollten Literatur schreiben und wurden doch ständig auf Politik reduziert. Nicht, weil sie das wollten, sondern weil sie in autoritären Staaten lebten. Als Frankoalgerier kenne ich das. Sobald man schreibt, wird alles politisch. Dabei sollte ein Schriftsteller in einem freien Land wie Frankreich nicht ununterbrochen als Kommentator des Tagesgeschehens auftreten müssen. In einer gefestigten Demokratie ist Politik Sache von Politikern und Wählern. Ein Schriftsteller darf sich mit Liebe, Tod, Einsamkeit oder Sprache beschäftigen.Dann sprechen wir über Ihren jüngsten Essay in «Le Point». Sie schreiben darin, die künstliche Intelligenz könne für den Islam das werden, was die Reformatoren Martin Luther und William Tyndale für das Christentum waren. Wie kommen Sie auf diese Idee?Ich glaube, viele Europäer unterschätzen, wie grundlegend diese Frage ist. Nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern weil Europa sie schon vor Jahrhunderten gelöst hat. Für Sie ist selbstverständlich, dass jeder die Bibel in seiner eigenen Sprache lesen kann. In grossen Teilen der islamischen Welt gilt das bis heute nicht. Wenn ich auf Lesereise bin, sage ich oft einen Satz, der die Menschen verblüfft: Niemand spricht Arabisch in der arabischen Welt. Natürlich widersprechen sie sofort. Dann frage ich zurück: Versteht sich ein Algerier ohne weiteres mit einem Saudi? Nein. Jeder spricht seine eigene Sprache. Was wir Arabisch nennen, sind in Wirklichkeit sehr unterschiedliche Sprachen. Die gemeinsame Sprache ist die des Korans – aus dem 7. Jahrhundert! Viele nennen die Alltagssprachen deshalb abfällig «Strassenarabisch». Aber das ist ungefähr so, als würden Sie Französisch oder Italienisch als «Strassenlatein» bezeichnen. Dahinter steckt eine Hierarchie: oben die heilige Sprache, unten die Sprache der gewöhnlichen Menschen, die von den Islamisten als «die Plebs» bezeichnet werden.Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?Weil Sprache Macht bedeutet. Solange der Koran nur in einer als heilig geltenden Sprache wirklich gültig ist, behalten jene die Deutungshoheit, die diese Sprache beherrschen. Sie entscheiden, was der Text bedeutet. Sie werden zu unentbehrlichen Vermittlern zwischen Gott und den Gläubigen. Europa stand vor 500 Jahren vor demselben Problem. Der Engländer Tyndale wollte damals, dass der Junge hinter dem Pflug die Bibel genauso lesen kann wie der Papst. Genau das war revolutionär. Es ging nie nur um eine Übersetzung. Es ging darum, ein Monopol zu brechen. In der islamischen Welt wäre so ein Schritt bis heute lebensgefährlich. In Algerien wurden Rai-Sänger ermordet, weil sie in den lokalen Sprachen sangen und dadurch von sexuellen Tabus, von Liebe oder von der Freiheit des Körpers erzählten. In Afghanistan wurde ein Mullah verurteilt, weil er eine neue Übersetzung des Korans vorlegen wollte. Irgendwann fragte ich mich: Wer könnte diese Arbeit heute übernehmen, ohne sofort ermordet zu werden? Da kam mir die künstliche Intelligenz in den Sinn.Haben Sie die KI selber gefragt, was sie von Ihrer These hält? Ja. Die Antwort lautet sinngemäss: Übersetzungen können den Koran zugänglicher machen, massgeblich aber ist der arabische Originaltext. Das überrascht mich nicht. Die KI ist darauf trainiert, konsensfähige Antworten zu geben. In dieser Frage klingt sie deshalb wie ein konservativer Kleriker. Vor 500 Jahren hätte sie wahrscheinlich auch gesagt, die Bibel dürfe nicht übersetzt werden. Im Kern geht es dabei nicht um Theologie. Es geht um Macht.Luther hatte mächtige Fürsten, die ihn schützten. Wer wären heute die Verbündeten für eine Reform des Islams?Ich glaube nicht, dass eine Reform des Islams in Mekka oder Kairo beginnen wird. So wie die Reformation nicht im Vatikan begann. Sie wird dort entstehen, wo Menschen frei denken können. Europa ist einer dieser Orte. Auch hier können Sie bespuckt und bedroht werden. Aber die Wahrscheinlichkeit, für eine Idee ermordet zu werden, ist theoretisch geringer als im Nahen Osten. Wir sprechen ständig über die wirtschaftlichen Folgen der künstlichen Intelligenz. Mich interessieren ihre geistigen Folgen. Als Gutenberg den Buchdruck erfand, konnte niemand ahnen, dass daraus einmal die Reformation hervorgehen würde. Vielleicht wird man eines Tages auf die KI ähnlich zurückblicken. Übrigens ist dieses Thema auch der Ausgangspunkt meines nächsten Romans. Es wird um einen Tyndale in der islamischen Welt gehen.Auch Ihre Romane kreisen immer wieder um die Themen Macht und Sprache. In «Meursault» geben Sie dem namenlosen Araber aus Albert Camus’ «Der Fremde» eine Stimme. In «Houris» erzählt eine Überlebende des algerischen Bürgerkriegs, der man als Kind die Kehle durchgeschnitten hat, ihre Geschichte.Ja. Aber Romane entstehen nicht aus Ideen allein. Sie entstehen dort, wo eine Idee auf ein menschliches Schicksal trifft. Nehmen Sie die Rache. Als Gedanke ist sie abstrakt. Legen Sie sie in das Leben des Grafen von Monte Cristo, dann wird daraus Literatur – mit Leid, Widersprüchen, Exzessen und Hoffnungen. Sprache, Freiheit oder Macht interessieren mich nicht als abstrakte Begriffe. Sie interessieren mich erst, wenn sie mit dem Leben eines Menschen verflochten sind.Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Wegen Ihrer Kritik an religiösen Dogmen wurde eine Fatwa gegen Sie ausgesprochen. Man hat das Grab Ihres Vaters geschändet. Und nach «Houris» wurden Sie von der algerischen Justiz in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt.Wer in Algerien öffentlich schreibt, muss mit Anfeindungen rechnen. Als ich anfing, Kolumnen zu veröffentlichen, schnitten die Leute meine Artikel aus und klebten sie an ihre Wände. Damals begriff ich zum ersten Mal, welche Kraft freies Denken entfalten kann – und welchen Widerstand es hervorruft. Mit meinen Romanen wurden die Angriffe immer heftiger. Aber «Houris» markierte einen Wendepunkt. Zum ersten Mal richteten sie sich nicht mehr gegen mich, sondern gegen meine Frau. Sie ist eine renommierte Psychiaterin, die nach einer Zeit in der Schweiz nach Algerien zurückgekehrt war, um dort ihren Beruf auszuüben. Plötzlich wurden ihr Ruf und ihre berufliche Integrität öffentlich infrage gestellt. Das hat mich tief getroffen, denn sie ist ein Mensch von absoluter Integrität. Sie hat mit dieser Geschichte nichts zu tun, sie hatte nie irgendeinen Bezug zu meinen politischen Positionen oder meinen Schriften. Wenn die Menschen, die man liebt, Angriffe ertragen müssen, die eigentlich einem selbst galten, beginnt man zu zweifeln. Man fragt sich, ob man weitermachen soll.Sie haben weitergemacht.Ich verstehe nicht, wozu die Freiheit eines Landes wie Algerien gut sein soll, wenn sie nicht auch die Freiheit jedes Einzelnen bedeutet. Sonst hätten wir genauso gut kolonisiert bleiben können. Man muss sich ein freies Leben auch verdienen!Warum tut sich Algerien bis heute so schwer, offen über die Vergangenheit zu sprechen?Wenn man einen grossen Schmerz erlebt hat, kann man zwei Wege einschlagen. Man lernt, ihn zu überwinden und ins Leben zurückzukehren. Oder man richtet sein Leben nach ihm aus. Das gilt für Menschen genauso wie für Nationen. Ich war einmal in Hanoi. Es regnete, und plötzlich musste ich weinen, weil ich spürte, wie sich mein Körper entspannte. Vietnam wurde kolonisiert und vom Krieg verwüstet. Trotzdem blickt das Land nach vorn. Ich fragte dort Journalisten und Lehrer, welchen Platz die Kolonialgeschichte im Unterricht einnimmt. Sie antworteten: Sie gehört dazu. Aber wichtiger ist die Zukunft. Man kann kolonisiert worden sein wie Indien und trotzdem ein Land aufbauen, das nach vorn schaut. Oder man macht es wie Algerien. Wir kreisen unaufhörlich um die Vergangenheit.Aber dahinter steckt nicht nur ein kollektives Trauma.Nein. Dahinter steckt auch Politik. Sprechen Sie mit den Machthabern, und sie werden Ihnen sagen: Wir haben den Befreiungskrieg geführt. Deshalb gehört dieses Land uns. Bis heute ist das die einzige Errungenschaft, auf die das Regime seine Legitimität stützen kann. Worauf sollte es sonst stolz sein? Auf den Zustand der Strassen? Darauf, dass unsere Kinder das Land in kleinen Booten verlassen? Das Regime, die linken Intellektuellen in Algier, die von der Erinnerung an die Kolonialzeit leben, und die Islamisten waren so wütend auf «Houris», weil der Roman nicht vom Befreiungskrieg handelt, sondern vom Bürgerkrieg der neunziger Jahre, einem Krieg, der als beschämend gilt und über den nicht gesprochen werden darf. Man sagte mir: Warum schreiben Sie über den falschen Krieg? Ich antwortete: Von welchem Krieg sprechen Sie? Inwiefern soll das der falsche Krieg sein? Auch das «schwarze Jahrzehnt» gehört zu unserer Geschichte. Solange wir das nicht anerkennen, wird es uns auf ewig weiterverfolgen.Sie haben einmal gesagt, Algerien besitze bis heute keine «emotionale Souveränität» gegenüber seiner ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Was meinen Sie damit?Nach einer zerstörerischen Beziehung muss man irgendwann aufhören, das eigene Leben nach dem anderen auszurichten. Wenn Sie den ganzen Tag darüber nachdenken, was der andere über Sie denkt, dann sind Sie innerlich nicht frei. Genau das sehe ich im Verhältnis Algeriens zu Frankreich. Ich lebe heute hier. Ich liebe Frankreich. Ich liebe seine Literatur, seine Sprache, seine Kultur. Gleichzeitig kritisiere ich vieles. Das ist normal. Ich fühle mich diesem Land weder überlegen noch unterlegen.Mit dieser Haltung ecken Sie paradoxerweise auch in Frankreich an.Ja. In Algerien heisst es: Du willst den Franzosen gefallen. Und ein Teil der französischen Linken erwartet von mir das Gegenteil. Dort heisst es: Als Algerier musst du erklären, dass alles die Folge des Kolonialismus ist. Ich weigere mich, beide Rollen zu spielen. Ich bin kein «ewiger Kolonisierter». Ich gehöre zur Generation nach der Unabhängigkeit. Ich respektiere die Geschichte meiner Eltern. Aber ich möchte nicht mein ganzes Leben in ihr verbringen. Ich möchte als freier Mensch leben.Vor einiger Zeit habe ich junge Algerier in Paris getroffen, die in kleinen Booten nach Europa geflohen sind. Sie wirkten ziemlich zerrissen. Einige von ihnen schlafen in Obdachlosenunterkünften und verkaufen illegal Zigaretten.In dieser Geschichte steckt viel Schmerz. Diese jungen Menschen wachsen mit einer Last auf. In Algerien erzählt man ihnen, sie stünden in der Schuld der «Märtyrer». Sie müssten den Opfern des Befreiungskriegs gerecht werden. Gleichzeitig haben sie dieselben Wünsche wie junge Leute überall: Sie wollen arbeiten, lieben, reisen, ein eigenes Leben führen. Zwischen diesen beiden Erwartungen werden sie aufgerieben. Es gibt ein Bild, das mich immer wieder bewegt. Schauen Sie sich die Videos von den Algeriern auf den Booten an. Sobald sie die algerischen Hoheitsgewässer verlassen, fangen sie an zu singen. Es ist, als könnten sie zum ersten Mal frei atmen.Und dann? Wann scheitert der Traum vom grossen Glück in Europa?Die Linke redet von Rassismus. Aber insgesamt gibt es doch einen beträchtlichen Teil der französischen Gesellschaft, der sich für sie engagiert. Hilfsorganisationen, Vereine, Anwälte. Der Konflikt liegt woanders. Die jungen Männer verlassen Algerien, aber nicht den Loyalitätsdruck, unter dem sie aufgewachsen sind. Sie haben das Gefühl, sich zwischen ihrem persönlichen Glück und einem kollektiven Auftrag entscheiden zu müssen. Manche bauen sich deshalb hier dieselben Zwänge wieder auf, vor denen sie geflohen sind. Ich kenne Algerier, die in Algerien davon träumten, einmal ein Bier zu trinken oder eine Freundin zu haben. Kaum sind sie in Europa, werden sie plötzlich strenger als ihre Eltern. Sie fliehen aus einem Gefängnis – und bauen sich ein neues.Wie befreit man sich davon?Mit Geduld. Freiheit ist kein bequemer Zustand. Dafür braucht es eine oder zwei Generationen. Und es braucht Eltern, die ihren Kindern sagen: Ich habe meine Entscheidungen getroffen. Jetzt triffst du deine. Du musst meine Träume nicht leben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Gesellschaft. Man darf junge Franzosen algerischer Herkunft nicht ständig auf ihre Herkunft zurückwerfen und sich dann wundern, dass sie sich nie ganz als Franzosen fühlen. Gerade in linken Milieus glaubt man oft, ihnen einen Gefallen zu tun, indem man ihre Andersheit betont.Mit postkolonialen Themen wird heute auch in Frankreich Politik gemacht. Es gibt eine Partei, La France insoumise, die damit Wählerstimmen in den Banlieues gewinnt . . .Ich persönlich brauche niemanden, der mein «Algeriertum» pflegt. Ich möchte, dass man mich als Franzosen ernst nimmt, weil ich heute hier lebe. Wenn Sie mich ständig als Araber, Muslim oder Nordafrikaner ansprechen, verschärfen Sie das Problem. Die Dekolonisierung muss auch im Kopf stattfinden. Die Menschen hier (er schaut aus dem Fenster) haben mir nie den Krieg erklärt. Und ich ihnen auch nicht. Warum sollten wir ihn weiterführen? Wir können auch einfach zusammen etwas trinken.Präsident Macron hat den Kolonialismus 2017 als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» bezeichnet. Trotzdem befinden sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien heute auf einem Tiefpunkt. Warum klappt die Versöhnung nicht?Ich sage Ihnen etwas, was paradox erscheinen kann: Versöhnung ist ein einsamer Akt. Frankreich muss seine Vergangenheit für sich selbst aufarbeiten, Algerien für sich selbst. Ich begrüsse, was Emmanuel Macron getan hat. Das war mutig. Aber er ist der Präsident Frankreichs, nicht Algeriens. Das Regime in Algier lebt vom Konflikt mit Frankreich. Je mehr es den alten Krieg neu inszeniert, desto stärker fühlt es sich legitimiert.Fällt Ihnen etwas auf? Nun reden wir doch über Politik.Machen Sie weiter.Teile der französischen Linken werfen Ihnen vor, Sie hätten sich bei den Rechten lieb Kind gemacht. Besonders, wenn es um den Islam oder Migration geht. Die französische Linke hat sich jahrzehntelang geweigert, über Islamismus oder Migration ernsthaft zu sprechen. Sie hielt das für Themen der Rechten – und hat sie ihnen am Ende überlassen. Man hätte viel früher darüber diskutieren müssen, wie ein Islam Frankreichs aussehen kann. Heute findet diese Debatte zwar statt, aber mit grosser Verspätung. Ich kann den Rentner verstehen, der Angst hat, weil sich sein Viertel verändert. Genauso verstehe ich den Mann aus Niger, der mit seinen Kindern vor Hunger oder den Folgen des Klimawandels flieht. Beide haben gute Gründe für ihre Ängste und Hoffnungen. Politik muss zwischen diesen beiden Wirklichkeiten vermitteln. Wer Menschen mit ihren Sorgen sofort zu Rassisten erklärt, hört ihnen nicht mehr zu. Genau das hat die Linke zu lange getan.Sie sprechen von einem «Islam Frankreichs». Den gibt es bereits?Natürlich. Gehen Sie in die Pariser Moschee. Dort sehen Sie Frauen ohne Kopftuch. Menschen essen im Restaurant, Touristen spazieren durch den Garten. Das wäre in vielen muslimischen Ländern völlig undenkbar. Es gibt einen Islam Frankreichs und einen Islam gegen Frankreich. Es gibt auch einen Islam Deutschlands, Algeriens oder Saudiarabiens. Religionen verändern sich mit den Gesellschaften, in denen sie leben. Genau wie das Christentum in England anders aussieht als in Deutschland oder Italien. Das Problem beginnt dort, wo Europa den Islam weiterhin als etwas Fremdes betrachtet, das ausschliesslich den Arabern gehört. Dann überlässt es auch bei sich selbst seine Auslegung den Radikalen. Über Religion wird immer nachgedacht, sie wird immer interpretiert. Die einzige Frage lautet: von wem?Welche Rolle spielt dabei die Laizität?Für mich ist sie keine Bedrohung der Religion, sondern ihr bester Schutz. Sie garantiert, dass Muslime, Christen, Juden oder Atheisten dieselben Rechte haben. Genau deshalb verteidige ich sie. Das Problem ist sprachlicher Natur. In grossen Teilen der arabischsprachigen Welt wird das Wort Laizität absichtlich falsch übersetzt. Es bedeutet dort plötzlich «Feindschaft gegenüber dem Islam» oder «Atheismus». Islamisten verdrehen Begriffe. Sie nehmen Wörter und geben ihnen eine neue Bedeutung. Weil ich zweisprachig bin, sehe ich genau, wie das funktioniert. Die Laizität ist eine der schönsten Erfindungen Europas. Wenn sie verschwindet, verlieren am Ende gerade die Gläubigen ihren Schutz.Sie sagen, Islamisten hätten verstanden, wie westliche Demokratien funktionieren.Ja. Sie haben unsere Schwachstellen erkannt. Sie sind Ingenieure der Schuld. Sie wissen genau, wie man Schuldgefühle politisch nutzt. Ich war vor kurzem in Berlin. Wegen der Drohungen gegen mich war ich mit Personenschutz unterwegs. Auf einmal hörte ich Lautsprecher. Menschen rezitierten Koranverse und besetzten den öffentlichen Raum. Ich fragte meine deutschen Freunde: Warum lasst ihr das zu? Sie zuckten mit den Schultern. Ich sagte: Seid ihr verrückt? Mich erinnert das an den Beginn des algerischen Bürgerkriegs. Die Besetzung des öffentlichen Raums ist kein religiöser Akt. Sie ist ein politischer Akt.In Deutschland hat man die Sorge, sich des Rassismus verdächtig zu machen.Die Deutschen sind durch ihre Geschichte gehemmt. Das ehrt sie. Aber Islamisten verstehen sehr genau, wie man dieses Schuldgefühl instrumentalisiert. Ich habe einmal darüber geschrieben, wie leicht es für einen Westler ist, sich schuldig zu fühlen – und andere Westler mit Schuld zu beladen. Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, heisst es sofort: Das ist die Schuld Europas. Dagegen spricht man nie über die Verantwortung Tunesiens, Algeriens oder anderer Herkunftsländer. Auch nicht über den dortigen Rassismus. Als ich das schrieb, riefen mich viele Menschen in Algerien wütend an und sagten: «So etwas darfst du niemals schreiben.» Und doch ist es wahr.Sie kritisieren auch den westlichen Umgang mit dem Kopftuch.Im Westen macht man die muslimische Frau erneut zum Objekt. Früher geschah das mit Zwang, heute oft aus Angst, bevormundend oder rassistisch zu wirken. Plötzlich gelten für sie andere Massstäbe als für alle anderen. Ich denke: Freiheit gilt für jede Frau. Deshalb gibt es für mich keinen westlichen, islamischen oder arabischen Feminismus, sondern nur einen: das Recht jeder Frau, frei über ihr Leben und ihren Körper zu entscheiden. Alles andere ist eine Beleidigung für die Iranerinnen, Ägypterinnen oder Algerierinnen, die ihr Leben riskieren, wenn sie den Schleier ablegen. Wer das Kopftuch zur kulturellen Identität verklärt, macht für mich denselben Fehler, als würde er die Ketten eines Sklaven zum Kulturerbe erklären. Einmal sagte mir eine Frau: «Der Schleier ist meine Freiheit.» Ich antwortete: «Gut. Aber um das sagen zu können, brauchen Sie zuerst ein freies Land.» Diesen Luxus haben viele Frauen in der islamischen Welt nicht. Ich fragte einmal eine verschleierte Frau in Algerien: Würden Sie mit uns demonstrieren, wenn wir morgen für das Recht auf einen Bikini auf die Strasse gingen? Sie schwieg. Da wusste ich: Nicht die Freiheit steht an erster Stelle, sondern die Vorschrift.Herr Daoud, Sie verteidigen die Freiheit des Einzelnen gegen religiöse und politische Bevormundung. Was sagt Ihr eigener Fall, Ihre Verurteilung zu drei Jahren Haft, darüber aus, wie Algerien mit diesem Anspruch umgeht?Dieses Verfahren ist schon allein deshalb rechtswidrig, weil mein Roman in Algerien weder veröffentlicht noch vertrieben wurde. Nach welchem Recht verurteilt man mich also? Nach zehn Jahren Bürgerkrieg hat man die Terroristen freigelassen und ihnen Geld gegeben. Und heute soll ich der Schuldige sein, weil ich einen Roman geschrieben habe? Stellen Sie sich vor, Deutschland würde eines Tages alle Nationalsozialisten amnestieren, ein Gesetz erlassen, das verbietet, über diese Zeit zu schreiben, und dann den ersten Schriftsteller verfolgen, der genau das tut. Man kann niemandem das Vergessen befehlen. Was mich überrascht hat: Als ich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, haben sich nur sehr wenige internationale NGO für mich eingesetzt. Dabei ging es um einen der offensichtlichsten Verstösse gegen die Meinungsfreiheit überhaupt. Ich habe niemanden getötet. Ich habe ein Buch geschrieben.11 KommentareAndrea Alexandra Dörner vor 3 Stunden2 EmpfehlungenEs ist erstaunlich, dass der algerische Bürgerkrieg in dt. Medien nicht mehr thematisiert wird und Kanzler Kohl aus christlicher Nächstenliebe den führenden Salafisten einen Ruheraum ermöglicht hat. Der Rest sollte noch gegenwärtig sein. Insofern ist dieses Interview essentiell.Hendrik C.R. Lock vor 3 Stunden5 EmpfehlungenEin bemerkenswertes Interview auf hohem Niveau. Es tut gut, dies in der NZZ zu lesen.Passend zum Artikel