Interview«Ein ungeschützter Luftraum bereitet den Österreichern eher schlaflose Nächte als ein höheres Budgetdefizit» Österreichs Verteidigungsministerin Klaudia Tanner will das neutrale Land bis in sechs Jahren verteidigungsfähig machen. Dafür setzt sie auch auf Drohnenabwehrsysteme aus der Schweiz.30.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenKlaudia Tanner ist Österreichs erste Bundesministerin für Landesverteidigung.Helena Lea Manhartsberger / LaifIm Gang vor dem Büro von Klaudia Tanner hängen die Porträts ihrer Vorgänger. Lauter Männer, viele amtierten nur kurz. Tanner hingegen führt das österreichische Verteidigungsministerium seit 2020 – in der EU gehört sie damit zu den Dienstältesten. Tanner will Vorreiterin sein. Sie wählte in ihrer Karriere stets Posten, auf denen zuvor nie eine Frau gesessen hatte: Tanner war Rechtsreferentin und Direktorin beim Niederösterreichischen Bauernbund, danach stand sie an der Spitze eines Telekommunikationsunternehmens. Die Sicherheitspolitik habe sie schon immer fasziniert. Nun ist sie nicht nur Österreichs erste Verteidigungsministerin, sondern auch die erste mit einem massiv aufgestockten Budget. «Aber nicht aus Jux», betont sie, «sondern weil es leider notwendig ist.» Die Schweiz sieht sie als wichtige verteidigungspolitische Partnerin. Die beiden neutralen Länder seien derzeit mit ähnlichen Fragen konfrontiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frau Bundesministerin, Sie waren kürzlich in der Schweiz. Welche Eindrücke hat Ihr neutraler Nachbar hinterlassen?Der Besuch hat gezeigt, wie eng unsere Partnerschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten ist. Das ist keine Floskel, wir leben diese Nähe und bauen sie weiter aus. Mit Bundesrat Martin Pfister haben wir dreizehn bilaterale Abkommen abgeschlossen, vor allem im Bereich der gemeinsamen Ausbildung unserer Armeen.Österreich schloss als erstes Land einen Serienvertrag mit der Rheinmetall-Tochter in Zürich Oerlikon für ein Drohnenabwehrsystem. Freut es Sie, der Schweiz voraus zu sein?Das war mir vor der Unterschrift gar nicht bewusst. Bei der Drohnenabwehr müssen ohnehin alle Staaten aufrüsten – das darf kein Wettlauf gegeneinander sein, sondern einer miteinander. Zudem entscheidet jedes Land für sich. Die Schweiz ist in anderen Bereichen weiter als wir: Sie erhält bald neue Kampfflugzeuge des Typs F-35 aus den USA. Wir hingegen besitzen 15 Eurofighter, die bis spätestens 2035 ausgemustert werden. Eine Nachfolgelösung haben wir noch nicht.Bis 2032 wollen Sie das Bundesheer voll verteidigungsfähig machen. Wo steht Ihre Armee heute auf einer Skala von 1 bis 10?Bei einer 10 – denn das Heer erfüllt seine derzeitigen Aufgaben lückenlos. Allerdings handelt es sich dabei vor allem um Katastrophenhilfe. In den vergangenen Wochen etwa unterstützten wir die zivilen Behörden bei den Waldbränden in der Steiermark.Unsere Frage zielt auf die militärische Verteidigungsfähigkeit ab.Da sieht die Lage anders aus. Hier haben wir gewaltigen Nachholbedarf. Bis 2032 wollen wir deshalb 2 Prozent der Wirtschaftsleistung ins Bundesheer stecken. Das ist nötig, weil drei Jahrzehnte lang kaum etwas investiert wurde. Das lässt sich nicht von heute auf morgen aufholen.Ist das realistisch? Die Schweiz spricht davon, dass sie sich gegen Ende der 2030er Jahre gegen die wahrscheinlichsten Gefahren – Cyberangriffe, Sabotage, Distanzwaffen – wappnen kann. Sie hingegen wollen das schon in sechs Jahren erreichen.Das ist unser Ziel, und der Generalstab hält es für machbar. Ich sehe keinen Grund, daran zu zweifeln oder davon abzurücken.Die Lage auf dem Rüstungsmarkt ist jedoch angespannt. Viele Systeme, gerade in der Luftverteidigung, sind extrem gefragt. Die Preise sind deutlich höher und die Lieferfristen länger.Unvorhergesehenes kann immer passieren. Doch Projekte wie den Kauf neuer bzw. die Modernisierung unserer Kampf- und Schützenpanzer haben wir vor dem russischen Angriffskrieg 2022 eingeleitet – hier rechnen wir bereits im August mit den ersten Lieferungen unserer modernisierten Geräte. Unter den Engpässen bei den Waffensystemen leiden derzeit alle europäischen Armeen. Umso wichtiger ist es, unsere Rüstungsindustrie zu stärken. Das gelingt nur in einer gemeinsamen Anstrengung aller Länder.Schweizer Experten schätzen, dass eine vollständige Wiederaufrüstung zehn bis fünfzehn Jahre dauert. Warum soll Österreich das also schon bis 2032 schaffen?Ich vertraue dem Generalstab und seinem «Aufbauplan 2032+». Dieser wurde bewusst mit einem Plus versehen, weil auch nachher unsere Arbeit weitergehen wird. Wir müssen je nach Bedrohungslage priorisieren: Bei der Luftverteidigung etwa kaufen wir lediglich zwölf Leonardo-Ausbildungsjets aus Italien, um mehr Mittel für Drohnen frei zu machen. Der Ukraine-Krieg zeigt, wie entscheidend Drohnen sind – und wohl bleiben werden.Die ukrainische Armee kann derzeit einige Erfolge vorweisen aufgrund technologischer Innovationen. Lernt das Bundesheer daraus – oder droht der Kauf veralteter Systeme?Unsere Experten analysieren den Krieg genau. Der moderne Drohnenkrieg löst klassische Mittel wie Panzer keineswegs ab. Es braucht beides, und die Schwerpunkte müssen fortlaufend angepasst werden. Das macht die Aufrüstung so anspruchsvoll. Hinzu kommen neue Handlungsfelder wie der Weltraum, den wir lange nicht im Blick hatten: Nächstes Jahr schicken wir die ersten Satelliten ins All, um eigene Lagebilder zu gewinnen.Woran fehlt es dem Heer am meisten?An sehr vielem. Bei den Landstreitkräften geht es um geschützte Mobilität – also neue Schützen-, Kampf- und Radpanzer. Wir führen momentan neue Tarnanzüge und Sturmgewehre ein. Bis alle Soldaten damit ausgerüstet sind, vergehen Jahre. Hinzu kommen moderne Kommunikationsgeräte, eine Cyberabwehreinheit und Radarbataillone. Zudem beschaffen wir derzeit eine bodengestützte Luftverteidigung mittlerer Reichweite – der Typenentscheid und der Vertrag sollen bis Ende des Jahres stehen. Systeme für grosse Reichweiten sind im Aufbauplan noch gar nicht enthalten. Dafür braucht es eine Sonderfinanzierung, ebenso für die Eurofighter-Nachfolge.Heisst das, es wird wie in Deutschland ein Sondervermögen für die Luftverteidigung geben?Darum kommen wir nicht herum. Aus dem regulären Budget lässt sich das nicht finanzieren.Sind Sie da optimistisch? Österreich ist in einem EU-Defizitverfahren und muss massiv sparen. Von dem Ziel, bis 2032 2 Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung auszugeben, sind Sie laut dem parlamentarischen Budgetdienst noch weit entfernt.Ich habe keinen Grund zu zweifeln. Sowohl das 2-Prozent-Ziel als auch die Eurofighter-Nachfolge sind im Regierungsprogramm verankert. Und ich bin überzeugt: Ein ungeschützter Luftraum bereitet den Österreichern eher schlaflose Nächte als ein höheres Budgetdefizit.Es fehlt offensichtlich auch an der Wehrbereitschaft: Laut Umfragen würde nur ein kleiner Teil der Österreicher das Land mit der Waffe verteidigen. In der Schweiz ist es immerhin die Hälfte. Wie erklären Sie sich das?Derzeit sind es 32 Prozent. Ist das wirklich wenig? Weniger als in der Schweiz, gewiss. Doch unsere Massnahmen zeigen Wirkung: Die geistige Landesverteidigung steht wieder im Lehrplan. Rund 700 Offiziere informieren an Schulen über das Bundesheer. 2017 verzeichneten wir 227 Anfragen von Schulen, heute sind es jährlich über 3000. Wir hielten Österreich zu lange für eine Insel der Seligen und glaubten, es gebe keinen Krieg mehr in Europa. Das war ein schmerzhafter Irrtum. Immerhin unterstützen 73 Prozent der Bevölkerung die Wehrpflicht – deutlich mehr als vor zehn Jahren.Zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit werden nun nach dem Grundwehrdienst wieder Truppen- und Milizübungen im Umfang von drei Monaten eingeführt. Eine Expertenkommission empfahl aber eindeutig auch eine Verlängerung des Grundwehrdienstes. Warum kommt das nicht?Es geht um parteipolitische Interessen innerhalb der Regierungskoalition. Eine Koalition verlangt Kompromisse. Ich kann solche Reformen als Verteidigungsministerin nicht allein entscheiden. Beim Thema Sicherheit ist für mich jedoch klar: Die Parteipolitik sollte in jedem Fall hintanstehen. Und wir haben nun nach sechs Monaten harter Diskussionen eine Einigung erzielt. Erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten stärken wir die Miliz klar und damit auch die Sicherheit unseres Landes. Uns bleiben nun acht Monate Zeit für die Ausbildung der Soldaten und ein Monat für Übungen, um das Gelernte zu festigen. Meine Vorgänger liessen das schleifen und nutzten Soldaten vor allem für zivile Assistenzeinsätze.Österreich führt wie die Schweiz lange Debatten über bescheidene Reformen – trotz der geopolitischen Lage. Verlassen wir uns zu sehr darauf, dass uns die umgebenden Nato-Staaten im Notfall schützen?Ja, eindeutig. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass wir in Frieden und Freiheit leben dürfen. Gerade neutrale Staaten wie die Schweiz und Österreich müssen fähig sein, sich selbst zu verteidigen. Wir verlassen uns derzeit zu sehr auf andere. Doch das Bewusstsein wandelt sich: Dieses Jahr leisten 57 Prozent der jungen Männer Grundwehrdienst. Im Vorjahr waren es noch 54 Prozent.Anders als die Schweiz ist Österreich als EU-Mitglied Teil einer internationalen Sicherheitsarchitektur. Ist das derzeit ein Vor- oder Nachteil?Wir sind neutral, aber ein glaubwürdiger Partner in der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Das beweisen unsere friedenserhaltenden Missionen, vor allem auf dem Westbalkan: Bei der EU-Mission Althea in Bosnien-Herzegowina etwa werden wir nächstes Jahr den Kommandanten stellen und uns noch mehr einbringen. Dabei unterstützt uns die Schweiz. In Kosovo haben wir auch ein grosses Kontingent. Und in Südlibanon stehen bei der Unifil-Mission über 150 österreichische Soldaten unter extrem schwierigen Bedingungen im Einsatz.Ist die Neutralität angesichts eines Angriffskriegs mitten in Europa noch zeitgemäss? Schweden und Finnland haben entschieden, dass sie das nicht mehr ist.Die Österreicher haben dazu eine sehr klare Meinung: Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung und fast alle Parteien halten die Neutralität für das richtige Konzept. Zudem ist sie verfassungsrechtlich verankert.Die EU-Verträge sehen aber eine Beistandsklausel vor für den Fall eines bewaffneten Angriffs.Neutral zu sein, heisst ja nicht, gleichgültig zu sein. Wir unterstützen auch die Ukraine in vielfältiger Weise. Wir tragen alle Sanktionen gegen Russland mit und leisten finanzielle, humanitäre und medizinische Hilfe. Es fanden auch zahlreiche Ukrainer in Österreich Schutz.Wie würde Österreich helfen, wenn ein EU-Land angegriffen würde?Ich hoffe, dieser Fall tritt nie ein. Aber wir beschäftigen uns damit, wie wir der Beistandsklausel nach Art. 42 der EU-Verträge nachkämen. Aktiviert wurde sie erst einmal: nach den Terroranschlägen in Paris 2015. Damals zog Frankreich Truppen aus Mali ab, um sie im Inland einzusetzen. Österreich entsandte daraufhin zusätzliche Soldaten in die Uno-Friedensmission nach Mali, um Frankreich so zu unterstützen.Europäische Staaten erleben Desinformationskampagnen, Cyberangriffe und Spionage. Dennoch sagt in Österreich die FPÖ und in der Schweiz die SVP, die Neutralität schütze uns. Wie sehen Sie das?Wir müssen die Neutralität verteidigen können, wie es die Verfassung verlangt. Die FPÖ fordert mehr Geld für das Bundesheer, lehnt aber trotzdem wegen der Neutralität die Mitgliedschaft beim europäischen Luftverteidigungssystem Skyshield ab. Das ist nicht nachvollziehbar. Es geht um gemeinsame Beschaffungen, die Systeme günstiger und schneller verfügbar machen. Wir verzeichnen 50 bis 60 Luftraumverletzungen pro Jahr. Wie will die FPÖ den Luftraum sichern? Indem sie ein Bierglas hinaufschiesst? Ich bin Politikerin und verstehe durchaus, dass man parteipolitisch punkten will. Aber hier wird mit der Sicherheit des Landes gespielt.Passend zum Artikel
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