Als verbindlich, absprachefest und detailkundig gilt Thorsten Frei. Unter den CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten ist er beliebt. Und doch blicken selbst solche Parlamentarier, die Frei lange kennen und schätzen, mit einer gewissen Skepsis auf seine künftige Amtsführung.Wird er die große Regierungsfraktion so selbst- und machtbewusst führen wie sein Vorgänger Jens Spahn? Spahn war zwar an der CDU-Basis, bei den einfachen Mitgliedern, unbeliebt. In der Fraktion aber wurde er geschätzt. Gegenüber Kanzler, Bundesregierung und Koalitionspartner SPD vertrat Spahn mit voller Kraft die Interessen der CDU/CSU-Fraktion.Thorsten Frei wird das noch beweisen müssen, vor allem gegenüber Bundeskanzler Friedrich Merz. Gewiss, anders als Spahn wird Frei nicht verdächtigt, am liebsten den Kanzler ablösen zu wollen. Aber Frei ist eben ein „Merz-Mann“. Er gilt als dessen Vertrauter, war sein Kanzleramtsminister, zuvor, in der Oppositionszeit, sein Parlamentarischer Geschäftsführer. Die Sorge, die CDU-Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand äußern, ist dabei allzu berechtigt: Wird die große Regierungsfraktion nun etwa zum verlängerten Arm des Bundeskanzleramtes?Frei wechselt als wenig erfolgreicher, böse Parteifreunde sagen: gescheiterter Kanzleramtsminister an die Spitze der Fraktion. Es wäre wohl besser gewesen, hätte die Unionsfraktion Frei gleich nach der Bundestagswahl zu ihrem Vorsitzenden gewählt.Mit dem Wahlergebnis, das die Unionsfraktion am Mittwochnachmittag Frei in den Vorsitz wählte, bewiesen die Abgeordneten Disziplin in turbulenten Zeiten, in der wohl größten Krise der CDU. Frei schnitt mit 91,1 Prozent sogar besser ab als zuletzt, im Mai, Jens Spahn mit 86,5 Prozent. Auf die Option, mit einem Denkzettel für Frei, den Kanzler weiter unter Druck zu setzen, haben sie verzichtet.CDU, CSU und SPD werden genau beobachten, wie Frei die Fraktion führen wird, wie sehr er im Zweifel zu Konflikten mit dem angeschlagenen, zuweilen erratischen Bundeskanzler bereit sein wird.Die in der CDU zuletzt öfter aufgeworfene Frage, ob das Verhältnis zwischen Frei und Merz sich eines Tages so gestalten wird wie einst zwischen CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder und Kanzlerin Angela Merkel, entbehrt jeder Grundlage. Merkel führte die Union von Bundestagswahl-Sieg zu Bundestagswahl-Sieg. Sie wirkte am Ende ihrer 16-jährigen Amtszeit stabiler als Merz nach knapp 15 Monaten im Amt.