Thorsten Frei soll neuer Fraktionschef der Union werden. Wer ist der Mann, der von der deutsch-schweizerischen Grenze kommt?Nach dem Rücktritt von Jens Spahn soll Thorsten Frei die Unionsfraktion im Deutschen Bundestag führen. Der Posten dürfte ihm besser liegen als das Kanzleramt.Eric Matt, Berlin29.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenThorsten Frei war bereits nach der Bundestagswahl 2025 als Fraktionschef im Gespräch.Felix Zahn / ImagoThorsten Frei soll an diesem Mittwoch zum neuen Fraktionschef von CDU und CSU im Deutschen Bundestag gewählt werden. Für die eigens dafür anberaumte Sondersitzung reisen die 208 Abgeordneten der beiden Parteien trotz Sommerpause nach Berlin. Denn in diesen für die Unionsparteien turbulenten Tagen soll die Fraktion ihrem designierten Vorsitzenden ein möglichst gutes Wahlergebnis bescheren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nachdem Jens Spahn wegen der Debatte um Leihmutterschaft vom Fraktionsvorsitz zurückgetreten war, baute der christlichdemokratische Kanzler Friedrich Merz sein Kabinett rigoros um, was zu heftiger Kritik und zu parteiinternen Streitigkeiten führte, wie sie die Union selten gesehen hatte.Doch gemessen an früheren Wahlen dürfte das Ergebnis für Frei zwangsläufig enttäuschend sein. In der Vergangenheit nämlich erzielte er Wahlergebnisse, wie man sie meist aus autoritär geführten Staaten kennt: So wurde Frei im Jahr 2012 mit 99,4 Prozent zum Oberbürgermeister im südbadischen Donaueschingen gewählt. Von den 5685 Bürgerinnen und Bürgern stimmten damals lediglich 35 gegen Frei. Selbst die Grünen riefen zur Wahl von Frei auf, der ohne Gegenkandidaten antrat.Merz bezeichnet Frei als «echten Freund»Thorsten Frei, 52 Jahre alt und Vater von drei Kindern, wurde in Bad Säckingen geboren, einer baden-württembergischen Kleinstadt an der Grenze zur Schweiz. Dort wuchs Frei auf, besuchte das Gymnasium und arbeitete nach seinem Jurastudium im grenznahen Lörrach als Rechtsanwalt. Mit gerade einmal 31 Jahren wurde er 2004 erstmals zum Oberbürgermeister von Donaueschingen gewählt. Zwar tauschte er 2013 das Donaueschinger Rathaus gegen den Deutschen Bundestag. Seinen badischen Singsang aber hat er sich bis heute ebenso bewahrt wie seine Verbundenheit zur Eidgenossenschaft: Vorübergehend leitete er die Deutsch-Schweizerische Parlamentariergruppe des Bundestages.Innerhalb der CDU gehört Frei dem konservativen Flügel an, insbesondere in Fragen der Migrations- und Sicherheitspolitik. Zudem ist er bekennender Katholik. Im Jahr 2018 stieg Frei zum Vizefraktionsvorsitzenden auf und war für Innen- und Rechtspolitik zuständig. Auf diesem für die Union entscheidenden Posten konnte sich Frei profilieren, so dass er 2021 Erster Parlamentarischer Geschäftsführer wurde. Seitdem war es seine Aufgabe, für Fraktionsdisziplin zu sorgen. Er organisierte die Arbeit innerhalb der Union, koordinierte Abstimmungen im Plenum, verhandelte mit anderen Fraktionen.Thorsten Frei (rechts) ist einer der engsten Vertrauten von Kanzler Merz.Ebrahim Noroozi / APFrei war dabei derart erfolgreich, dass Merz ihn 2025 als dessen «wichtigsten Mann in der Bundestagsfraktion» bezeichnete. Frei sei «wirklich verlässlich und mittlerweile ein echter Freund», sagte Merz in einer Dokumentation des SWR. Generell gilt Frei als fleissig und loyal. Diese Eigenschaften bescherten ihm nach der Bundestagswahl 2025 den nächsten Karriereschritt: Merz ernannte ihn zum Chef des Bundeskanzleramtes.Schon damals aber mutmassten Politik und Medien, ob Frei im Kanzleramt richtig aufgehoben sei. Das Argument war, dass ein Kanzleramtschef in der Regel nur selten öffentlich auftrete. Denn dessen wichtigste Aufgabe ist es, eine möglichst geräuschlose Zusammenarbeit der Bundesregierung zu garantieren.Das bedeutet: viel Schreibtischarbeit, viele interne Absprachen – und wenig Öffentlichkeit. Der Chef des Kanzleramtes sitzt im Zentrum der Macht, übt diese aber im Hintergrund und als Assistent des Regierungschefs aus. Dem heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der von 1999 bis 2005 Kanzleramtsminister war, brachte dies den Spitznamen des «Kanzler-Flüsterers» ein.Frei hingegen ist kein Flüsterer, sondern meldet sich auch lautstark zu Wort. Im Juli 2023 etwa veröffentlichte er in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» einen Gastbeitrag, in dem er argumentierte, das deutsche Asylrecht basiere «auf einer Lüge». Er forderte, das im Grundgesetz garantierte individuelle Recht auf Asyl abzuschaffen und stattdessen ein jährliches Kontingent festzulegen.Thorsten Frei (zweiter von rechts) war auch als Kanzleramtsminister häufig in den Medien. Das sorgte mitunter für Kritik.Uwe Koch / ImagoAuch als Kanzleramtsminister suchte Frei die Öffentlichkeit, gab Interviews, war gern gesehener Gast in Talkshows. Seinen Kritikern missfiel das. Für Unverständnis sorgte insbesondere, dass Frei im Juli 2025 ein Fest der örtlichen Sparkasse im Schwarzwald dem Koalitionsausschuss in Berlin vorzog. Auch das weitgehend erfolglose Treffen der Koalition in der Villa Borsig Mitte April wurde Frei angekreidet. Bei den Reformgesprächen im vergangenen Juni übernahmen die Fraktionsspitzen dann mitunter die Arbeit, für die eigentlich Frei zuständig gewesen wäre.Der Posten des Fraktionschefs, für den Frei bereits nach der Bundestagswahl im Gespräch war, dürfte nun besser zu ihm passen. Er selbst sagte jüngst: «Für mich war Politik immer das Arbeiten mit Menschen, und nicht nur, am Schreibtisch zu sitzen.»Zwar wird er auch als Fraktionschef seine Durchsetzungsfähigkeit beweisen müssen, die ihm Kritiker mitunter absprechen. Dies gilt umso mehr, da viele der vom Kabinett beschlossenen Reformvorhaben im Parlament erst noch zur Abstimmung stehen. Doch in seiner Zeit als Parlamentarischer Geschäftsführer hat Frei gezeigt, wie man eine Fraktion diszipliniert. Zudem ist es als Fraktionsvorsitzender wichtig, im Plenum medienwirksame Reden zu halten, die Position der eigenen Fraktion durchzusetzen und die politische Debatte zu prägen. All das dürfte Frei liegen.Zunächst aber muss er an diesem Mittwoch die Unionsabgeordneten von sich überzeugen. Eine Unterstützung wie in Donaueschingen ist unwahrscheinlich.Passend zum ArtikelPodcast «NZZ Machtspiel»Ist der CDU die Migrationswende gelungen, Serap Güler?Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt spricht im Live-Podcast über gelungene und misslungene Integration, ihre Sparpläne im Ministerium und die Frage, ob man Björn Höcke das passive Wahlrecht entziehen sollte.Sarah Ziegler 16.07.202640 min