Aus Thorsten Frei kann noch viel werden – und aus Jens Spahn hätte viel werden können. Das Amt des Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag ist das erfolgversprechendste Sprungbrett ins Kanzleramt. Von den insgesamt zwölf Vorgängern Spahns seit 1949 wurden vier später Bundeskanzler: Konrad Adenauer, Helmut Kohl, Angela Merkel und Friedrich Merz.Rainer Barzels Einzug ins Kanzleramt scheiterte im April 1972 nur knapp am Ministerium für Staatssicherheit, das die Stimmen von zwei Unionsabgeordneten kaufte und damit das konstruktive Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt zum Scheitern brachte. Ein anderer Fraktionsvorsitzender, Karl Carstens, brachte es 1979 bis zum Bundespräsidenten.Nach einer vierwöchigen Startphase unter Konrad Adenauer kürten die Abgeordneten nach dessen Wahl zum Bundeskanzler im Herbst 1949 Heinrich von Brentano zum Fraktionsvorsitzenden (1949 bis 1955). Der Rechtsanwalt aus Offenbach hatte im Hessischen Landtag parlamentarische Erfahrungen gesammelt und gehörte als Mitglied des Parlamentarischen Rates zu den Vätern des Grundgesetzes. Brentano ließ sich von Adenauer keineswegs die Butter vom Brot nehmen und vertrat selbstbewusst die Interessen der Fraktion. Adenauers Ausspruch, für ihn sei es „das Fegefeuer“, wenn er in die Fraktion müsse, darf allerdings als Übertreibung gelten.Fraktionsvorsitzender ohne Stimmrecht im BundestagBrentano nahm aus heutiger Sicht erstaunlich direkt Einfluss auf die Außenpolitik. So handelte er 1952 persönlich mit dem amerikanischen Außenminister Dean Acheson eine Kompromissformel für eine Klausel des Deutschlandvertrags aus. Der Spross eines Adelsgeschlechts fiel durch weltmännisches Auftreten und geschliffene Umgangsformen auf. Die „New York Times“ würdigte ihn in einem Nachruf als „gentleman in politics“.Als Brentano 1955 das lang ersehnte Amt des Außenministers antrat, folgte ihm mit Heinrich Krone (1955 bis 1961) ein ehemaliger Zentrumsabgeordneter. Krone ist ein Kuriosum in der Reihe der Fraktionsvorsitzenden: Er war Berliner Abgeordneter und besaß daher kein Stimmrecht. Mehr als der Außenpolitiker Brentano war Krone ein effizienter Organisator hinter den Kulissen. Als Krone 1961 auf Wunsch Adenauers als Minister für besondere Angelegenheiten wechselte, kehrte Brentano zurück (1961 bis 1964). Auf seine uneingeschränkte Loyalität konnte Adenauer jedoch nun nicht mehr zählen. Brentano verübelte ihm, dass er das Amt des Außenministers nach Rücktrittsforderungen der FDP abgeben musste. Brentano warf sich nicht für Adenauer in die Bresche, als die Fraktion 1961 von ihm eine Festlegung seines Rücktrittsdatums forderte.Kohl markierte eine ZäsurMit Rainer Barzel (1964 bis 1973) kam ein Fraktionsvorsitzender ins Amt, der maßgeblich dazu beitrug, ein vorzeitiges Scheitern der großen Koalition von SPD und Union zu verhindern. Angesichts des zerrütteten Verhältnisses zwischen Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und seinem Vizekanzler Willy Brandt (SPD) war sein gutes Verhältnis zu seinem sozialdemokratischen Pendant Helmut Schmidt entscheidend für den Fortbestand der Koalition. Nach dem gescheiterten Misstrauensvotum und der verlorenen Bundestagswahl im November 1972 trat Barzel 1973 zurück, Karl Carstens wird für drei Jahre Fraktionsvorsitzender.Dann beginnt die Ära Kohl (1976 bis 1982). Nach einigem Zögern entschied sich Kohl nach der knapp verlorenen Bundestagswahl 1976, sein Amt als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz aufzugeben, um als Fraktionsvorsitzender im Bundestag die Opposition zu führen. Damit verlieh er dem Amt zusätzliches Gewicht. Seine Zeit an der Fraktionsspitze war geprägt von Konflikten mit der CSU, die im November 1976 die Fraktionsgemeinschaft aufkündigte und dies im Dezember wieder rückgängig machte. Es folgte das Tauziehen um die Kanzlerkandidatur 1980, Kohl selbst verzichtete und scheiterte in der Fraktion mit dem Versuch, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht als Kanzlerkandidaten gegen Franz Josef Strauß durchzusetzen.Nach Kohls Wahl und Einzug ins Kanzleramt übernahm Alfred Dregger 1982 den Vorsitz der Union. Dregger war deutlich konservativer als Kohl, stand aber loyal zu ihm, selbst wenn er anderer Meinung war, wie etwa im Fall des von Strauß eingefädelten Kredits für die DDR, den Dregger ablehnte, Kohl aber befürwortete. Viel mitzubestimmen hatte die Fraktion während Kohls Kanzlerschaft in der Regel nicht, aber sie blieb ein Machtfaktor.Nachdem Dregger 1991 zum Abschied gedrängt worden war, rückte Wolfgang Schäuble (1991 bis 2000) nach, der zum wohl einflussreichsten Fraktionsvorsitzenden in der Geschichte der Union wurde. Schon als Parlamentarischer Geschäftsführer fungierte er als Verbindungsmann zwischen Kohl und Dregger. Zwischen ihm und Kohl herrschte eine klare Aufgabenteilung, der Kanzler machte die Außenpolitik, und Schäuble hielt ihm weitgehend das innenpolitische Klein-Klein vom Leib.Zwischen der Parteivorsitzenden Merkel und Friedrich Merz, der nach dem Rücktritt Schäubles infolge der CDU-Spendenaffäre 2000 als Fraktionsvorsitzender folgte, funktionierte die Aufgabenteilung nicht. Nach zwei Jahren wurde Merz von Merkel aus dem Amt gedrängt, die danach zunächst selbst für drei Jahre den Fraktionsvorsitz übernahm. Auf ihren Vorschlag hin wählten die Abgeordneten 2005 Volker Kauder an ihre Spitze. Kauder amtierte mit 13 Jahren so lange wie kein anderer Fraktionsvorsitzender. Er war abgesehen von ihrer Büroleiterin Beate Baumann die wichtigste Stütze für Merkel.Kauders Sturz und die Wahl von Ralph Brinkhaus zu seinem Nachfolger waren daher 2018 vor allem auch eine Rebellion gegen Merkel. Das erste Mal seit 1973 hatte es wieder mehr als einen Kandidaten für den Fraktionsvorsitz gegeben. Thorsten Frei braucht an diesem Mittwoch keine Konkurrenz zu fürchten.
Wahl von Thorsten Frei: Was es bedeutet, die Unionsfraktion zu führen
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