Kaufen, scannen, vernichten: KI-Firmen füttern ihre Sprachmodelle mit gebrauchten BüchernAnthropic muss 1,5 Milliarden Dollar zahlen – wegen illegaler Buchdownloads. Doch das KI-Unternehmen hat bereits eine neue Strategie, um kostengünstig an Text zu gelangen: Antiquariate leer kaufen. Nun meldet auch die Schweiz auffällige Bestellvolumen.29.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSeit Wochen vermelden Antiquariate auffällige Bestellmengen – und vermuten KI-Firmen hinter den Einkäufen.Annick Ramp / NZZEine hydraulische Schneidemaschine trennt Buchrücken und Buchseiten. Anschliessend werden die Seiten mit Hochgeschwindigkeitsscannern eingelesen. Den Rest entsorgt ein Recyclingunternehmen. So werden Bücher für KI-Produkte wie das Sprachmodell Claude von Anthropic zugerichtet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anthropics «Panama»-Projekt, unter dessen Namen das Unternehmen systematisch Bücher gekauft, zerlegt und digitalisiert haben soll, wurde erstmals Anfang des Jahres durch Berichte der «Washington Post» publik. Im Zuge eines Rechtsstreits waren mehr als 4000 Seiten Unternehmens- und Gerichtsdokumente entsiegelt worden. «Das Projekt ‹Panama› ist unser Vorhaben, alle Bücher der Welt destruktiv zu scannen», heisst es etwa in einem unternehmensinternen Papier.«Destruktives Scannen» – blüht dieses Vorgehen auch den Büchern, die derzeit massenweise aus europäischen Antiquariaten aufgekauft werden?Auffälliges BestellvolumenSeit Wochen berichten deutsche Antiquariate von auffälligen Grosseinkäufen. Dem deutschen Branchenverband wurden innerhalb weniger Wochen Mehrumsätze von 10 000 oder 20 000 Euro gemeldet, in Einzelfällen bis zu 50 000 Euro. SRF berichtete von einem Zwischenlager, das an der tschechisch-deutschen Grenze für den EU-Markt eingerichtet worden sei. Viele Händler vermuten KI-Firmen hinter den Grosseinkäufen.Immer wieder erscheint das kanadische Unternehmen Zoom Books als Auftraggeber, das sich laut der Unternehmens-Website auf Ankauf, Weiterverkauf und Recycling von Büchern spezialisiert hat. Auf Anfrage gibt Zoom Books an, aus rechtlichen Gründen die Identität seiner Kunden nicht offenlegen zu können. Berichte über die Digitalisierung und die anschliessende Vernichtung von Büchern weist das Unternehmen zurück.Auch in der Schweiz werden höhere Bestellmengen registriert. Tanja Messerli, Geschäftsführerin des Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verbands (SBVV) sagt gegenüber der NZZ: «Der Verband stellt in der deutschsprachigen Schweiz ähnliche Veränderungen wie in Deutschland fest.» Die Verbandsmitglieder würden in letzter Zeit auffällige Bestellungen und ein höheres Bestellvolumen melden. Zu den Auftraggebern könne sie sich jedoch nicht äussern. Dass im Hintergrund der Bestellungen tatsächlich ein KI-Unternehmen wie Anthropic, Google oder Open AI wirkt, bleibt vorerst Mutmassung.Markus Brandis, Vorsitzender des Verbands Deutscher Antiquare, berichtet, dass vor allem Bücher aus dem 20. Jahrhundert, vornehmlich aus dessen zweiter Hälfte, gekauft würden – Bücher also, bei denen das Urheberrecht noch nicht erloschen ist und die deshalb nicht frei zugänglich sind. Weiterhin Bücher, die mit einer ISBN versehen sind: «Das ist ein Hinweis darauf, dass sich ein Bot, eine KI-gesteuerte Maschine, dahinter befindet, um sicherzustellen, dass jedes existierende Buch auf dieser Welt genau ein einziges Mal bestellt wird.»Sieben Millionen illegal beschaffte BücherDer Aufkauf, das Scannen und die anschliessende Vernichtung von Büchern ist eine gängige Methode nicht nur bei Anthropic, sondern auch bei Firmen wie Google oder Open AI. Wie der Gerichtsprozess um Anthropics «Panama»-Projekt zeigt, ist dieses Vorgehen bereits eine Iteration in Sachen Literaturbeschaffung. Zuvor hatte sich das Unternehmen einfach auf dem Schwarzmarkt bedient und Buchtitel illegal heruntergeladen.Ein wichtiger Kopf hinter Anthropics rabiater Literaturbeschaffung ist Tom Turvey. Der ehemalige Google-Books-Entwickler wurde Anfang 2024 eingestellt. Sein Auftrag: «alle Bücher der Welt» zu beschaffen und dabei dem Unternehmen so weit wie möglich jeglichen juristischen Ärger vom Hals zu halten. Letzteres ist ihm nicht gelungen.Im August 2024 hatten mehr als 500 000 Autorinnen und Autoren eine Sammelklage gegen das Unternehmen eingereicht. Der Prozess mündete in einem Vergleich: Anthropic muss 1,5 Milliarden Dollar zahlen, weil es seine KI mit mehr als sieben Millionen illegal beschafften Büchern gefüttert hat. Am 20. Juli wurde das Urteil rechtskräftig.Laut dem Gericht liegt der Rechtsbruch nicht darin, dass Anthropic seine KI mit Texten füttert, sondern darin, wie das Unternehmen zu den Texten gekommen ist. Deshalb hat sich Anthropic neuerdings auf den Kauf und das anschliessende Zerlegen von Büchern verlegt. Hinter dem Vorgehen könnte eine Bestimmung aus dem amerikanischen Urheberrecht stehen.Während das Kopieren digitaler Texte Schadenersatzklagen nach sich ziehen kann, können sich Unternehmen mit dem Kauf und der anschliessenden Vernichtung von physischen Büchern auf das sogenannte Fair-Use-Prinzip berufen. Dieses erlaubt die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Erlaubnis – solange es Forschungs- oder Bildungszwecken dient.Passend zum Artikel