Große Erleichterung bei Anthropic im Sommer 2022. Das KI-Unternehmen ist damals auf der Suche nach neuen Texten, um seine Modelle damit zu trainieren. Die Konkurrenz liegt vorn, es muss schnell gehen. Am 1. Juli 2022 erscheint nun ein neues, frei zugängliches digitales Internet-Archiv, das Millionen Bücher enthält. Man verstoße, schreiben die Admins der Seite, „bewusst gegen Urheberrecht in den meisten Ländern“. Ben Mann, einer der Anthropic-Gründer, schickt einen Link zu der Seite an Kollegen und kommentiert: „Gerade rechtzeitig!!!“So zitiert es die Washington Post aus Gerichtsunterlagen eines Prozesses, der am Montag mit einer Einigung zu Ende gegangen ist. Verhandelt wurde Anthropics illegale Nutzung solcher Archive für das Training seiner KI. Die Firma, inzwischen von Investoren mit 965 Milliarden US-Dollar bewertet, zahlt 1,5 Milliarden Dollar an einige der Autoren, mit deren Büchern es seiner KI überhaupt erst die Intelligenz eingehaucht hat.Zeitweise standen dreistellige Milliardensummen im RaumDer nun rechtskräftige Deal wurde bereits im September verkündet, rechtzeitig, bevor es im Dezember zu einem Prozess gekommen wäre. Den wollte Anthropic unbedingt verhindern. Die gesetzlich festgelegten Schadensersatzbeträge im US-amerikanischen Copyright Act bewegen sich zwischen 750 und 300 Dollar pro Werk, bei vorsätzlichen Verstößen können je bis zu 150 000 Dollar fällig werden. Anthropic hatte mehr als sieben Millionen Bücher heruntergeladen. Zeitweise standen deshalb dreistellige Milliardensummen als Schadenersatz im Raum.Wikipedia:Ein Hoch auf diese BusfahrerDie Online-Enzyklopädie Wikipedia wird 25 – und ist zunehmend bedroht von KI-Konkurrenz. Deshalb fahren jetzt Angestellte und Freiwillige mit dem Bus durch Deutschland und werben für menschliches Wissen. Ein Ortsbesuch.Die jetzt vereinbarten 1,5 Milliarden Dollar stellen laut dem Anwalt der Autoren immer noch den größten Betrag dar, der je in einem Urheberrechtsprozess geflossen ist. Rund 500 000 Rechteinhaber hatten sich der Sammelklage angeschlossen. So entspricht der Betrag einer Auszahlung von rund 3000 Dollar pro Buch, eine Summe, die sich am unteren Ende der gesetzlich definierten Spannbreite bewegt.Einige der Rechteinhaber beschwerten sich und forderten mehr Geld. Richterin Araceli Martínez-Olguín hat trotzdem ihre Unterschrift unter die Einigung gesetzt. Forderungen nach mehr Geld für die Autoren, sagte sie, beruhten „nicht auf einer realistischen Gesamteinschätzung der Risiken und Chancen eines Prozesses“.Anthropic hatte im Prozessverlauf argumentiert, die Verwendung zu internen Forschungszwecken falle unter das Prinzip des „fair use“, sei nach dem US-Urheberrecht also erlaubt gewesen. Der zunächst zuständige Richter William Alsup war dieser Argumentation gefolgt. In einer Entscheidung vom vergangenen Juni verglich er das Verfüttern der Bücher an die KI damit, sie Schulkindern zum Lesen zu geben. Das Urheberrecht sei nicht dafür da, „den Autoren Konkurrenz vom Hals zu halten“, auch nicht von intelligenten Maschinen. Das Problem aus seiner Sicht allerdings war der Weg, auf dem die Bücher zu den KI-Modellen gelangten. Das Herunterladen der geklauten Bücher an sich verstoße, unabhängig von der Verwertung, gegen das Urheberrecht.Millionen Bücher sollen bereits geschreddert worden seinAnthropic hat sich deshalb offenbar auf andere Methoden verlegt, an frische Lektüre zu kommen. Richter William Alsup nahm bereits in seiner Entscheidung darauf Bezug. Anthrophic habe im Februar 2024 Tom Turvey damit beauftragt „alle Bücher der Welt zu besorgen“. Der Tech-Manager hatte für Google deren Online-Bibliothek Google Books aufgebaut, haarscharf an der Grenze des Urheberrechts. Nun habe er damit begonnen, für Anthropic Bücher bei Händlern aller Art aufzukaufen, möglichst von jedem Werk eines, um sie in Maschinen verarbeiten zu lassen: Die Buchrücken würden entfernt, die Seiten zurechtgeschnitten, gescannt und anschließend entsorgt. Millionen Exemplare hätten sich so bereits auf dem Weg ins künstliche Supergehirn in Altpapier verwandelt.Turvey habe sich zeitweise bemüht, von Verlagen Nutzungslizenzen zu erwerben, heißt es in Alsups Begründung weiter – das wäre der einvernehmliche Weg gewesen. Die Gespräche habe Turvey dann aber einschlafen lassen. Und stattdessen die Buchfressmaschinen angeworfen.Vor wenigen Tagen haben nun mehrere große Verlage Google verklagt, weil der Konzern Bücher aus Google Books zum Training seiner KI Gemini verwendet habe. Es ist ein weiterer von diversen Prozessen, die rund um das Thema künstliche Intelligenz weltweit laufen.
Anthropic und die Buchscan-Maschinen: Wie das KI-Modell das Urheberrecht umgeht
Das KI-Unternehmen muss 1,5 Milliarden Dollar an Autoren zahlen, deren Bücher es illegal heruntergeladen hat. Inzwischen hat es eine neue Methode.













