Dave Eggers’ «Contrapposto» ist eine rasante Geschichte über unerfüllte Liebe und zugleich ein überlanger, wenig ergiebiger Roman über den Kunstbetrieb.Paul Jandl29.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDave Eggers hat in seinen Büchern den «inversiven Nerd» erfunden: einer, der sich nicht ins Gewühl der Moden werfen möchte. Bild: San Francisco, 2026.Poppy Lynch /The New York Times / LaifWas Kinder eben so tun. Dinge auf Parkbänke kritzeln. «Riemel den Pfriemel» und «Pump den Lump» soll Cricket auf die Holzlatten schreiben, weil das Mädchen Olympia es so will. Er ist zehn, und sie ist elf. Ein früher und mit roten Wangen unternommener Ausflug ins Pornografische, aber da ist auch noch etwas anderes. Olympia wünscht sich «filigrane» Buchstaben, sie kennt das Wort «Kalligrafie». Cricket hat so etwas noch nie gehört. Wo kommt das her? Wo das herkommt, da will er hin.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So beginnt im gerade noch unschuldigen Gebiet zwischen Kindheit und Erwachsenwerden die Liebesgeschichte von Dave Eggers’ neuem Roman «Contrapposto». Der ist tatsächlich ein Gegenstück zu allem, was der amerikanische Schriftsteller bisher gemacht hat. Keine Dystopie wie in «The Circle» oder «The Every», keine Schilderung von KI-Verhängnissen, in die sich die Menschheit mit blinder Lust und gleichzeitig sehenden Auges hineinmanövriert. Keine formalen Experimente wie im frühen Werk, sondern ein Buch, das die Möglichkeiten der Konventionalität bis an die Klischeegrenzen auslotet.Im Grunde hat Eggers mit «Contrapposto» zwei Romane geschrieben. Die Story einer flamboyanten Amour fou, in der man zwei einander zugetane Menschen von der Kindheit bis ins Alter verfolgen kann. Und, leider, einen ziemlich langweiligen Künstlerroman. Cricket, der Parkbankkritzler, ist nämlich auch ein begabter Zeichner. Ein Talent, das sich auf fünfhundert Seiten nicht entfalten wird, während Dave Eggers den Leser durch einen gnadenlos uninteressanten Kunstbetrieb schleift.Er träumt, sie will allesCricket heisst eigentlich Rob. Fast wie Robert, der Stiefvater, der in Eggers amerikanischem Kleinstadt-Idyll Crickets Mutter malträtiert. Beim Zeichnen ist das Kind ganz in seiner eigenen Welt. Ein anderer Kosmos ist der Bahnhofsladen Whistlestop, wo sich der Pubertierende ein bisschen Geld verdient und vom gleichaltrigen Draufgänger Jed Shipski mit den Grundprinzipien des Lebens vertraut gemacht wird. Jed wird bis zu seinem Tod als Soldat im Golfkrieg ein Freund Crickets bleiben. Und auch Olympia gehört zu diesem Dreiergespann, das unterschiedlicher nicht zusammengesetzt sein könnte. Jed, der Macher. Cricket, der Träumer, der nach einem Aktmalkurs ein schüchternes Verhältnis zur Kunst eingeht. Olympia, gleich mit mehreren wohlhabenden Stiefvätern gesegnet, will alles. Gross rauskommen. Selbst malen oder zumindest Kuratorin werden.Gut geerdet und zugleich wie ein Luftgeist schwebt Olympia durch Kunstakademien, Galerien und Beziehungen. Die Dates mit ihr sind oberflächlich und intensiv zugleich. Der Hauch des Echten ist es, der Cricket über viele Jahre und Stationen gefangen hält. Man sieht sich manchmal lange nicht, aber bei jedem neuen Aufeinandertreffen, nach jeder Zehn-Minuten-Orgie entsteht in diesem wenig ehrgeizigen Künstler das Gefühl, dass da etwas sein könnte. Dave Eggers beschreibt den Schwebezustand einer freundschaftlichen Liebe sehr gut. Würde sie sich vollends erfüllen, wäre alles nur noch banal.Bis ins Alter kreuzen sich die Wege von Cricket und Olympia immer wieder. Die gemeinsamen Stunden sind wie Atemholen, aber dann geht es wieder in die eigenen Welten. Olympia macht ihre Kunstdinge und reist über die Kontinente. Cricket zeichnet weiter, bereist den Globus aber anders. Als Fliesenleger in Indiana, als Schiffsabwracker in der Türkei, als Landschaftsgärtner und zufriedener Bilderkopist in Thailand. In der Mitte ihres Lebens hat Olympia Krebs und wird drogenabhängig. Beides kann sie schliesslich hinter sich lassen. Cricket hat sich einmal bei einer Explosion auf einem Schiff schwere Verbrennungen zugezogen. Später wird man einander die Narben des Lebens zeigen, die parallelen Bilanzen, mit denen man auf das Gewesene zurückblickt. Das Unglück der Tüchtigen steht neben dem Glück des Untüchtigen.Eggers hat ihn erfunden. Den inversen Nerd. Den «Trog», wie er in «The Every» heisst. Das ist ein Tech-Verweigerer, dem die Beschleunigung der Welt und die Überformung des Ichs durch das Digitale widerstreben. Der Trog will bei sich bleiben, ganz wie der Autor selbst, der auf einem achtzehn Jahre alten Apple-Computer schreibt und fast nie online ist. Cricket ist auch so eine Figur. Einer, der sich nicht ins Gewühl der Moden werfen möchte. Einer, der selbst seinen eigenen Wünschen misstraut, weil sie vielleicht eitel sein könnten.Von Genügsamkeit kann er nicht genug bekommen, und damit ist er geeignet als satirischer Anker im ganzen Bling-Bling des Kunstbetriebs, von dem «Contrapposto» auch erzählt. In der Bildhauerei ist mit diesem Ausdruck die Pose aus Standbein und Spielbein gemeint. Konstruktionstechnisch hat der Roman von Eggers die Olympia-Cricket-Geschichte als Spielbein und die Kunst als Standbein.Es will sich nicht ganz erschliessen, warum. Ein einschlägiges Studium hat der Autor abgebrochen, sein Buch füllt er mutig mit eigenen Aktskizzen, aber es liegt etwas Unspezifisches in dieser zum Roman gemachten Auseinandersetzung mit der künstlerischen Kreativität. Cricket bleibt zeit seines Lebens ein technisch begabter Amateur, und der professionalisierte Kunstbetrieb, wie er in «Contrapposto» beschrieben ist, gibt nicht einmal als Karikatur allzu viel her.Überraschende Wendung im PenthouseÜber viele Seiten steckt man in den Ateliers der Akademien fest, wo angehende Künstler, die zum Beispiel Kyle heissen, Dinge sagen wie: «Mit dieser Werkreihe möchte ich in einen kontinuierlichen Dialog mit dem Wahren treten. Dem Authentischen. Dem Originellen.» Ein anderer Student sagt: «Ich finde genau das Fehlende an diesem Werk besonders kraftvoll. Es handelt sich um eine Überschreitung der Präsenz. Es verschiebt den Ort und gibt der Leere eine neue Funktion.» Dave Eggers’ Versuch, der Leere verblasener Kunstdiskurse in seinem Roman eine Funktion zu geben, führt leider zu nichts. Er bleibt reine Abbildung, weil das Buch keine eigenen Gedanken dazu entwickelt. Erschwerend ist auch, dass Eggers’ neuem Roman an vielen Stellen die Erzählökonomie fehlt.Nichts, was man sich nicht schon aus der Ferne zu Galerien in Chicago oder Philadelphia ausmalen würde. Weisse Wände, viel Glas. Knisternde Stille, durchbrochen von Namedropping und dem Klickern gewagter Ohrgehänge der Kunstkennerinnen. Mittendrin Cricket mit seinen Schlurfschuhen und seinen Assistentenjobs. Schrauben sortieren und Rahmen zusammennageln. Letzteres tut er schliesslich auch für Kyle, der es im Laufe des Romans im internationalen Betrieb weit gebracht hat. Von der Hotellobby bis zur Grossinstallation gestaltet er so ziemlich alles und besitzt in Philadelphia ein Pracht-Penthouse. Dass er darin schliesslich von seiner aufregend undurchsichtigen, zugleich aber eifersüchtigen Ehefrau abgeschlachtet wird, kommt überraschend, denn so ist der Roman eigentlich nicht gebaut.Andrea O’Brien hat «Contrapposto» sehr atmosphärisch übersetzt. Ihre sprachliche Finesse leuchtet vor allem dort auf, wo Olympia und Cricket ihr Spiel aus Hingabe und Distanz treiben. In dieser Hinsicht gibt es im Roman sogar eine Art Showdown. Ein erotisches Spezialmerkmal scheint man der amerikanischen Literatur allerdings nicht austreiben zu können. In Augenblicken angenehm kopfloser Ekstasen bleibt die Anrufung des Herrn unvermeidlich: «O Gott», sagte er. «Gütiger Gott.» Darauf sie: «Gott, ja.»Dave Eggers: Contrapposto. Roman. Aus dem Amerikanischen von Andrea O’Brien. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 496 S., Fr. 36.90.Passend zum Artikel