Wie hoch ist die Terrorgefahr in der Schweiz? Experten schätzen einLaut Fachleuten ist die Schweiz «keine Insel der Glückseligen», obschon es hierzulande weniger Anschläge gibt.28.07.2026, 17.06 Uhr4 LeseminutenDie Berliner Polizei erschoss am Sonntag den mutmasslichen Attentäter, der am Christopher Street Day in eine Menschenmenge gefahren war.Clemens Bilan / EPADer Fall ist überall in den Medien: Am Samstagabend ist in Berlin ein 21-jähriger Mann mit einem gemieteten Lieferwagen in eine Menschenmenge gefahren. Dabei tötete er eine Frau und verletzte 31 Personen teilweise schwer. Der Täter war der Polizei als Anhänger des Islamischen Staates (IS) bekannt. Eine Woche vor der Attacke hatte der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt vor Anschlägen gewarnt. In der «Welt am Sonntag» sprach er von einer «vermehrten Melde- und Aufklärungslage», in Deutschland sei deshalb «jederzeit mit dem Risiko von Anschlägen zu rechnen».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch in der Schweiz sorgte der Anschlag für Aufsehen. Wäre eine ähnliche Attacke auch hierzulande möglich?Viele kleine Städte – das hilftChristina Schori Liang leitet den Bereich Terrorismusbekämpfung und Prävention von gewalttätigem Extremismus am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP). Anhand vergangener Anschläge und anhand von Berichten nationaler Sicherheitsbehörden sowie der europäischen Polizeibehörde Europol hat sie die Terrorgefahr europäischer Länder miteinander verglichen. Niedrige Terrorgefahr herrscht in Ländern wie Irland, Portugal oder Kroatien. Am höchsten ist die Gefahr in Frankreich und Belgien, Deutschland befindet sich auf zweithöchster Stufe. Die Schweiz ist unter «moderat» eingeteilt.Schori Liang nennt mehrere Gründe, warum die Terrorgefahr in der Schweiz vergleichsweise gering ist. Zentral sei vor allem, dass das Vertrauen in die Institutionen gross, die wirtschaftlichen Chancen und das Sicherheitsgefühl hoch seien. Schori Liang verweist auf eine OECD-Studie, wonach 62 Prozent der Schweizer Bevölkerung «hohes oder moderates Vertrauen» in die eigene Regierung hätten. Der Schnitt der anderen OECD-Länder liege nur bei 44 Prozent.Dazu sei die Integration in der Schweiz gut. Die neutrale Aussenpolitik sorge für weniger Angriffsfläche, während andere Länder beispielsweise Einsätze im Ausland flögen. Ausserdem spielt laut Schori Liang auch die Architektur eine Rolle. «Die Schweiz hat kleine städtische Zentren und damit weniger grosse Ballungsräume, in denen terroristische Gruppen in der Vergangenheit ihre Rekrutierung und die Anschlagspläne gemacht haben.»IS wechselte 2017 die StrategieGleichwohl sei die Schweiz «keine Insel der Glückseligen», wie Hans-Jakob Schindler sagt, Direktor beim Counter Extremism Project, einer NGO in Berlin und New York. Denn islamistische Anschläge hat es auch in der Schweiz schon gegeben. Im September 2020 tötete in Morges im Kanton Waadt ein IS-Sympathisant einen Mann vor einem Dönerladen. Das urschweizerische Gefühl des Verschontbleibens war spätestens nach weiteren Attacken in Lugano (ebenfalls 2020), Zürich (2024) und Winterthur (Mai dieses Jahres) gestört.Schindler sagt, der Islamismus richte sich nicht gegen ausgewählte Länder, sondern gegen westliche Werte, «und die werden auch in der Schweiz gelebt». Ausserdem entstünden Parallelgesellschaften längst nicht mehr nur in Banlieues oder dergleichen. Das Internet reiche, «und Internet gibt es auch in der Schweiz».Laut Schindler war der Anschlag in Paris 2015 eine der letzten islamistischen Attacken mit langer Planung und mehreren Beteiligten. «2017 hat der IS dann einen Strategiewechsel angekündigt. Die Organisation teilte mit, man solle nicht mehr nach Syrien oder Irak reisen, um zu kämpfen. Stattdessen hat sie Anleitungsvideos gepostet, wie man zu Hause, im eigenen Land, Menschen töten kann. Welches Auto man fahren und welches Messer man benutzen sollte.»Das zeigt sich auch in den Lageberichten des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). Seit Jahren warnt der NDB vor religiös motivierten Tätern in Westeuropa. Ging es 2015 aber noch primär um Rückkehrer aus den Jihad-Gebieten in Syrien oder dem Irak, treibt heute vor allem der Cyberraum die Radikalisierung voran.Im neuesten Lagebericht vom vergangenen Juni warnt der NDB davor, dass Jugendliche zunehmend in einen «Sog gewalttätiger extremistischer Strömungen» im Netz gerieten. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz beschleunigten die Radikalisierung auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok zusätzlich. In der ersten Jahreshälfte registrierte der NDB europaweit zwölf dschihadistische Anschläge. Sämtliche Täter waren den Sicherheitsbehörden zuvor unbekannt und handelten autonom, also ohne direkte Anbindung an Terrororganisationen wie den «Islamischen Staat»Aktionsplan ins Leben gerufenDer NDB legt alle sechs Monate seine Fallzahlen in der Terrorismusabwehr offen. Im Juni wies die Kartei 44 Risikopersonen aus – Menschen, von denen eine Bedrohung für die Schweiz ausgeht und die einen konkreten Gewaltbezug aufweisen. Der Dienst meldet solche Fälle an das Bundesamt für Polizei (Fedpol) und die Bundesanwaltschaft. Seit 2022 gibt es zudem neue gesetzliche Bestimmungen, damit die Polizei präventiv eingreifen kann bei Personen, von denen eine terroristische Gefahr ausgeht. Sie kann diese etwa zu regelmässigen Gesprächen aufbieten oder ein Ausreiseverbot verfügen. Ausländische Staatsangehörige kann sie in Ausschaffungshaft nehmen.Erfasst werden seit 2001 auch Personen, die die Schweiz verlassen haben, um in den Dschihad zu ziehen. Von den 92 registrierten Personen besitzt rund ein Drittel den Schweizer Pass, 16 von ihnen leben heute wieder im Land. Ob die Behörden sie überwachen oder weitere Massnahmen ergriffen haben, behält der NDB für sich.Auch der Sicherheitsverbund Schweiz, ein gemeinsames Organ von Bund und Kantonen, blickt mit Sorge auf die Entwicklung im Bereich des gewaltbereiten Extremismus und Terrorismus. Diese Bedrohung zähle zu den grössten Gefahren für das Land, heisst es im nationalen Aktionsplan.Die Behörden wollen der Bedrohung auf verschiedenen Ebenen begegnen. Ein Schwerpunkt liegt auf Jugendlichen. Schulen sollen das kritische Denken gezielt fördern, damit junge Menschen extremistische Narrative und Verschwörungserzählungen auf Social Media durchschauen. Darüber hinaus schult das Programm Lehrkräfte und Jugendarbeiter, um gefährdete Personen frühzeitig zu erkennen. Der Aktionsplan läuft noch bis im nächsten Jahr, dann wird der Verbund überprüfen, was die Massnahmen bewirkt haben.Passend zum Artikel