Wie können Grossanlässe vor Anschlägen geschützt werden? «Eine Street Parade mit systematischen Zugangskontrollen wäre nicht mehr die Street Parade», sagt der VeranstalterLaut der Einschätzung des Nachrichtendienst des Bundes sind Menschenmengen bei Sport- und Kulturveranstaltungen besonders gefährdet. Trotzdem soll die grösste Technoparty der Schweiz eine «offene» Veranstaltung bleiben.28.07.2026, 05.00 Uhr4 Leseminuten«Live Love, Love Life» lautete das Motto der Street Parade im vergangenen Jahr; Blick auf die Tanzenden auf dem Sechseläutenplatz am frühen Abend.Til Bürgy / KeystoneNach dem Christopher Street Day in Berlin ist vor der Street Parade in Zürich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Wochenende sind bei einem terroristischen Anschlag in der deutschen Hauptstadt eine Frau getötet und mindestens 29 Personen zum Teil schwer verletzt worden. Zahlreiche deutsche Städte wollen nun ihr Sicherheitskonzept für kommende Grossveranstaltungen überarbeiten – um «ein Höchstmass an Sicherheit zu gewährleisten».Auch in Zürich stellt sich die Frage, wie ein ähnlich grosser Anlass nach dem Anschlag in Berlin geschützt sein wird. Am 8. August findet hier die 33. Ausgabe der Street Parade statt. An der grössten Techno-Party der Welt werden bis zu einer Million Besucher erwartet.Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich bestätigt, dass das Ereignis in Berlin natürlich in die Lagebeurteilung für die Street Parade einfliessen werde. Das Sicherheitskonzept der Street Parade entsteht in enger Zusammenarbeit zwischen den Veranstaltern, der Kantons- und der Stadtpolizei Zürich. Das Risiko eines Terroranschlags wird seit Jahren miteinbezogen, zumal die Street Parade – ähnlich wie der Christopher Street Day – eine «offene Veranstaltung» ist. Teilnehmer kommen ohne Ticket oder systematische Kontrollen auf das Gelände rund um das Seebecken, respektive zur Umzugsroute.Die Menge im Blick behaltenDie Sprecherin Stadtpolizei weist darauf hin, dass das Sicherheitskonzept schon seit längerem sogenannte Fahrzeugrückhaltevorrichtungen beinhalte, um unberechtigte Zufahrten zum Festivalgelände zu verhindern. Das können Betonblöcke oder hochklappbare Streben aus Stahl sein. Zudem spielt das Crowdmanagement laut Hödl eine wichtige Rolle, also eine Übersicht darüber, wo sich Menschenansammlungen ergeben und wohin sie sich allenfalls bewegen. Details zu Grösse und Umfang des Aufgebots oder allfälligen Veränderungen im Vergleich zu den Vorjahren wollen weder die Kantons- noch die Stadtpolizei nennen – aus taktischen Gründen, wie es heisst.Am Tag nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin gedenken Menschen am Brandenburger Tor dem Todesopfer und den zahlreichen Verletzten.Maryam Majd / ReutersNicht zum ersten Mal ereignet sich kurz ver Street Parade ein Vorfall, der den Fokus auf Sicherheitsvorkehrungen in Zürich richtet. Im Juli 2016, wenige Wochen vor der Zürcher Techno-Parade, raste in Nizza ein islamistisch motivierter Attentäter mit einem Lastwagen in die Feiern zum französischen Nationalfeiertag auf der Strandpromenade. Er tötete mehrere Dutzend Personen und verletzte Hunderte zum Teil schwer.Fahrzeugsperren seit dem Anschlag von NizzaIn jenem Jahr fielen an der Street Parade die verschärften Sicherheitsmassnahmen auf, etwa dass Polizeipatrouillen an den Zufahrtsachsen zur Umzugsroute sämtliche Fahrzeuge kontrollierten. Einsatzkräfte mit Maschinenpistolen patrouillierten entlang der Strecke, und schwere Gefährte versperrten die Strassen sowie die Zufahrten zur Umzugsroute. Auch wurden Hindernisse aus Beton aufgestellt. Seit 2019 schützt die Polizei die Street Parade – wie auch andere Grossanlässe – unter anderem mit mobilen Fahrzeugsperren aus Stahl.In Nizza raste im Juli 2016 ein islamistisch motivierter Attentäter mit einem Lastwagen in die Feierlichkeiten zum 14. Juli und tötete 86 Menschen.Andreas Gebert / DPA / KeystoneVor zwei Jahren geriet denn auch ein Zürcher Grossanlass ins Visier von Terroristen. Zwei Jugendliche im Alter von 14 und 17 Jahren hatte einen islamistisch motivierten Anschlag auf die Zürich Pride geplant. Die queere Demonstration mit anschliessenden Partys zieht zwar deutlich weniger Menschen an als die Street Parade, ist aber von der Art her ähnlich: Es handelt sich ebenfalls um einen Umzug durch die Strassen der Stadt, zudem es keine Zugangsbeschränkungen gibt.Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB), auf den sich die Zürcher Sicherheitsbehörden abstützen, schätzt die terroristische Gefahrenlage für die Schweiz schon seit Jahren als «erhöht» ein. «Die Bedrohung wird weiterhin primär von der jihadistischen Bewegung geprägt, vor allem durch Personen, die mit dem «Islamischen Staat» sympathisieren oder von Jihad-Propaganda inspiriert werden», heisst es in der neuesten Lagebeurteilung vom Juni.Und weiter: Einzelne Personen oder Kleingruppen, die spontan Gewaltakte mit einfachen Mitteln verüben, seien dabei die grösste Gefahr. Diese richteten sich am ehesten gegen schwer zu schützende Ziele, etwa Menschenmengen bei Sport- und Kulturveranstaltungen.Im Juni ging der NDB davon aus, dass sich in der Schweiz Stand Juni 44 sogenannte Risikopersonen aufhielten. In dieser Kategorie erfasst werden «sowohl Jihadisten als auch Personen, die andere Formen des Terrorismus unterstützen und dazu ermutigen». Der NDB veröffentlicht diese Zahl zwei Mal jährlich, im vergangenen November zählte er noch 46 Risikopersonen.Nicht einmal ein Zehntel des Budgets für SicherheitTrotz der erschütternden Nachrichten aus Berlin und dieser Einschätzung des NDB wollen die Veranstalter am Geist der Street Parade nichts ändern. Systematische Zugangskontrollen oder gar die Einführung von Tickets sind für sie keine Option: «Dann wäre es nicht mehr die Street Parade», schreibt Stefan Epli, Sprecher des Vereins Street Parade Zürich, auf Anfrage.Die Sicherheitsvorkehrungen machen sich allerdings in der Kasse des Vereins bemerkbar – denn dieser trägt die Kosten selbst. Laut Epli sind in diesem Jahr 370 000 Franken für diesen Posten vorgesehen, bei einem Budget von insgesamt 4,8 Millionen Franken. Der Mediensprecher lässt offen, ob der Aufwand nach dem Anschlag in Berlin noch steigen könnte.Passend zum Artikel
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