Der Drogen-Event des Jahres kommt auf Zürich zu: «Das grösste Risiko ist, nicht zu wissen, was man da konsumiert»Am Samstag ist Street Parade. Der steigende Ketamin-Konsum und ein rätselhafter neuer Suchtstoff machen Experten im Vorfeld besonders Sorgen.06.08.2026, 05.05 Uhr5 LeseminutenDer Drogenkonsum ist während der Street Parade um ein Vielfaches höher als sonst.Ennio Leanza / KeystoneDer Kopf von Vladimir Putin ist etwa so gross wie ein Daumennagel. Es gibt ihn in Grün, Braun oder Blau. Und wer ihn schluckt, riskiert sein Leben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hochdosierte Pillen mit dem Wirkstoff MDMA, gepresst mit dem Konterfei des russischen Präsidenten, kursieren seit Monaten in der Zürcher Partyszene. Sie enthalten so viel von dem psychoaktiven Wirkstoff, dass der Konsum zu schweren Begleiterscheinungen führen kann: Kiefermahlen, Muskelzucken, Krampfanfälle und die Gefahr irreparabler Hirnschäden.Es sind nicht die einzigen falsch deklarierten Drogen, vor denen das Drogeninformationszentrum (DIZ) der Stadt Zürich momentan warnt. Allein im vergangenen Monat wurden in den städtischen Labors 50 Substanzen identifiziert, die weit höher dosiert waren als von den Dealern behauptet – oder nicht den versprochenen Wirkstoff enthielten, sondern eine gefährlichere Alternative.Im mobilen Drogen-Test-Labor der Stadt Zürich können Raver Substanzen auf gefährliche Zusatzstoffe testen lassen.Ennio Leanza / KeystoneAm Samstag erwartet Zürich nun die nächste Drogenschwemme. An der Street Parade, die dann stattfindet, wird traditionell nicht nur getanzt und gehörig getrunken, sondern auch allerlei anderes geschnupft oder geschluckt – Kokain, Amphetamine, MDMA, Ketamin.Die Behörden warnen deshalb davor, gefährliche Substanzen ohne vorherige Kontrolle einzunehmen. «Das grösste Risiko ist, nicht zu wissen, was man da konsumiert», sagt Dominique Schori, der Co-Leiter des DIZ. Den Dealern oder seinem Gefühl blind zu vertrauen, sei ein Fehler. «An der Street Parade werden viele falsch deklarierte Substanzen verkauft.»Deshalb betreibt die Stadt am Samstag an zentraler Lage ein mobiles Drogentestlabor. Gleich vor der Nationalbank können Raverinnen und Raver Substanzen prüfen lassen, anonym und ohne Anmeldung.Die erste Sorge: KetaminIhm machten im Vorfeld der grössten Techno-Party der Welt vor allem zwei Trends Sorgen, sagt Schori der NZZ. Der eine: zunehmender Konsum von Ketamin. Das Medikament, das in Psychiatrien gegen Depressionen eingesetzt wird, wird immer häufiger auch als Partydroge missbraucht. Sechs Prozent der europäischen Jugendlichen haben es gemäss Umfragen bereits einmal eingenommen.«Für viele ist es ein Ersatz für Alkohol», sagt Schori. «Es kann eine ähnliche Wirkung haben: Es wird einem schummrig, man verliert sein Körpergefühl, fühlt sich locker. Am nächsten Tag hat man aber keinen Kater, ist sofort wieder leistungsbereit.» Gerade in Klubs mit teuren Drinks sei das Ketamin-High zudem günstiger als das über Alkohol. Dazu kommt, dass Trinken unter Jungen zunehmend verpönt ist – im Gegensatz zum Konsum von Ketamin, das in der Regel als weisses Pulver geschnupft oder per Nasenspray inhaliert wird.Das Kokain gilt in Zürich als sehr rein. Aber nicht jedes weisse Pulver enthält auch die versprochene Substanz.Claudio Thoma / KeystoneMDMA in kristalliner Form. Die Behörden empfehlen, diese Konsumform jener in Pillenform vorzuziehen.Claudio Thoma / KeystoneAn der Street Parade aber wird auch viel getrunken, es ist heiss. Da könne es schnell zu gefährlichem Mischkonsum kommen, so Schori. «Die körperlichen Langzeitfolgen von Ketamin werden ausserdem gerne unterschätzt.»Die Substanz ist nämlich nicht nur suchtbildend. Bei regelmässigem Konsum in hohen Dosen kann es auch zu Gedächtnisstörungen, Psychosen, chronischen Bauchschmerzen oder Inkontinenz kommen.Die zweite Sorge: das rätselhafte CathinonDer zweite Trend, der den städtischen Experten zu denken gibt, betrifft eine rätselhafte neue Art von Droge. Es ist nicht etwa das Crack, das die Stadt derzeit beschäftigt – dort gibt es kaum Abnehmer in der Techno-Szene, zu unterschiedlich sind die Zielgruppen und die Wirkung.Sorgen bereitet der Stadt vielmehr eine andere Substanzengruppe: die Cathinone. Das sind künstlich hergestellte, hoch dosierte Varianten des in Ostafrika verbreiteten Suchtmittels Kat. «Wir wissen wenig über diese Stoffe und ihre Langzeitwirkung. Deshalb raten wir von ihrem Konsum ab», sagt Schori. Oftmals würden Cathinone allerdings gar nicht als solche verkauft, sondern beispielsweise als MDMA angepriesen.Das sei vor allem deshalb gefährlich, weil die Stoffe unterschiedlich wirkten: «MDMA erzeugt viel schneller ein High. Wer meint, er schlucke eine MDMA-Pille, wird mit Cathinonen schnell ungeduldig.» Und wirft womöglich zu früh eine weitere Pille nach – bis zur Überdosis.Der illegale Drogenmarkt, der all diese zweifelhaften Produkte hervorbringt, ist dabei nicht auf die Schweiz oder die Street Parade beschränkt. «Das ist eine internationale Angelegenheit», sagt Schori. «Pillen, vor denen wir in einer Woche warnen, sind in der nächsten schon in Wien oder Berlin angekommen – und umgekehrt.»Entsprechend dürfte die Street Parade vom Samstag nicht nur massenhaft Techno-Fans nach Zürich locken, sondern auch Dealer auf der Suche nach einem guten Geschäft. Das DIZ rät deshalb dringend davon ab, Drogen im Umfeld der Parade selbst zu kaufen. «Das ist ein attraktiver Tag für Dealer. Es werden viele unterwegs sein, die mit zweifelhaftem Stoff schnelles Geld machen wollen», sagt Schori. «Das erhöht das Risiko enorm.»Grundsätzlich rät die Stadt allen, die an der Street Parade nicht auf Drogen verzichten wollen, ein paar grundlegende Regeln einzuhalten: genug trinken, das Mischen von Alkohol und verbotenen Substanzen vermeiden, nicht allein konsumieren. Und Substanzen erst in kleinen Mengen antesten, bevor man sich damit zudröhnt.17-mal so viel MDMA wie normalDer Drogenkonsum an der Street Parade ist so hoch, dass er nicht nur Spuren in den Köpfen der Besucherinnen und Besucher, sondern auch im Zürcher Abwasser hinterlässt.Das Wasserforschungsinstitut Eawag erhebt die Rückstände der häufigsten Substanzen seit Jahren. Normalerweise werden kurzfristige Ereignisse wie die Street Parade nicht erfasst. Vor drei Jahren jedoch testete das Eawag-Team während zweier Monate ein genaueres Messsystem. Zufällig fiel auch das Techno-Festival in die untersuchte Zeit. Und so lassen sich in einer kürzlich erschienenen Studie erstmals detaillierte Zahlen zum Mehrkonsum während der Parade nachlesen.Dieser ist ziemlich eindrücklich: Am Sonntag nach der Parade – der beste Messtag, weil Drogenrückstände verzögert im Urin landen – wurden markant mehr Abbauprodukte von Kokain, MDMA, Amphetaminen und Ketamin gemessen.Alkohol, Hitze, Drogen: Die gesundheitlichen Nachwirkungen der Street Parade sind nicht ohne.Eddy Risch / KeystoneAm höchsten waren die Mengen in absoluten Zahlen beim Kokain. Das entsprechende Abbauprodukt Benzoylecgonin kam im Abwasser doppelt so häufig vor wie an einem regulären Sonntag. Verglichen mit einem durchschnittlichen Arbeitstag ist es gar fast dreimal so häufig.Ähnlich sieht es bei anderen Substanzen aus. Ketamin-Rückstände werden dreimal, Amphetamine zweieinhalbmal so stark nachgewiesen wie an regulären Sonntagen. Besonders auffällig ist das MDMA: Davon landet nach der Street Parade 17-mal so viel im Abwasser. Vergleicht man die Menge mit jener an einem Arbeitstag, ist es gar 48-mal so viel.Schaut man sich den zeitlichen Verlauf etwas genauer an, zeigen sich einige interessante Unterschiede. So ist der Anstieg in den Kokain- und MDMA-Rückständen nach der Street Parade konstant, was auf andauernden und verbreiteten Konsum während des Samstags und der Nacht auf Sonntag hinweist. Beim Ketamin gibt es dagegen mehr Schwankungen, was laut den Autoren der Studie vermutlich damit zusammenhängt, dass die Nutzergruppe hier kleiner ist.Bemerkenswert ist auch ein anderes Messergebnis: jenes zur Konzentration von Levamisol. Dieser Stoff – ursprünglich als Medikament gegen Fadenwürmer entwickelt – ist das in Zürich am häufigsten verwendete Streckmittel für Kokain. Es hat eine Reihe gefährlicher Nebenwirkungen, weshalb es als Arzneimittel nicht mehr in Gebrauch ist.Insgesamt gilt der Reinheitsgehalt des Zürcher Kokains als hoch. An der Street Parade, das zeigen die Abwassermessungen, steigen jedoch nicht nur die Kokainmengen, sondern auch jene des gefährlichen Streckmittels deutlich an. Ein Befund, der, so schreiben es die Studienautoren, die Wichtigkeit der städtischen Drogentestangebote einmal mehr unterstreiche.Passend zum Artikel