Beats, Drogen, Gestank – und Hunderttausende hüpfende Techno-Fans: Das Wichtigste zur Street Parade, die Zürich am Samstag lahmlegtVon A wie Amphetamine bis Z wie Zitronenspray: Das ABC zum grössten Techno-Festival der Welt.05.08.2026, 12.59 Uhr8 LeseminutenJe heisser desto besser: Szene von der Street Parade 2024. (((((((Thousands of participants dancing through the streets during the 31th Street Parade in the city center of Zurich, Switzerland, Saturday, August 10, 2024. The annual dance music event Street Parade runs this year under the claim "Prefer:Tolerance". (KEYSTONE/Christian Beutler).))))))))Christian Beutler / KeystoneA wie AnfängeFast wäre die Street Parade gestorben, bevor sie so richtig gross wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1992 fand die erste Ausgabe der Techno-Parade statt. 1000 Personen tanzten der Zürcher Bahnhofstrasse entlang, von sieben geplanten Love-Mobilen war nur eines fahrtüchtig. Und doch war der Anlass ein Erfolg, ein Jahr später waren es schon 10 000 Raverinnen und Raver, die leicht bekleidet durch die konsternierte Zwingli-Stadt hüpften. Dann jedoch, im dritten Jahr, drohte dem jungen Anlass bereits das Aus.Der Spielverderber war ein Sozialdemokrat, Stadtrat Robert Neukom. Er wollte der Parade die Bewilligung verweigern – wegen des Drecks, den sie produziere. Ein Ausdruck von «Kleinlichkeit und Engstirnigkeit» sei diese Haltung, kritisierte die NZZ. Es gab einen Rekurs, eine Petition mit 4500 Unterschriften – bis Neukom einlenkte.Seither gehört die Street Parade genauso zu Zürich wie das Sechseläuten oder der Demo-Umzug am 1. Mai.Da war es noch fast ein Geheimtipp: Raverinnen und Raver während der zweiten Street Parade, 1993.KeystoneB wie BeatsJahr für Jahr hämmern sie schneller: die Beats, die von den 30 Love-Mobiles in die tanzende Raver-Menge dröhnen. Längst sind die Gefährte zu professionell betriebenen mobilen Bühnen geworden, die mit DJs und tanzenden Gästen an Bord im Schritttempo um das Zürcher Seebecken tuckern. Längst ist die Parade selbst ein Grossanlass, der sich den Trends in der Techno-Szene – etwa dem zu immer mehr Beats pro Minute – nicht entziehen kann.Die Street Parade startet wie immer am Samstagnachmittag um 13 Uhr. Es werden gegen eine Million Raverinnen und Raver erwartet.Um 14 Uhr fahren die ersten Love Mobiles bei der Badi Utoquai los, um danach via Bellevue, Quaibrücke und Bürkliplatz bis zum Hafendamm in Zürich-Enge zu tuckern. Entlang der zwei Kilometer langen Route werden zudem neun fixe Bühnen installiert, deren Beats sich in herrlicher Disharmonie mit jenen der Love Mobiles mischen werden.D wie DrogenEcstasy-Pillen sind an der Street Parade eine der häufigsten eingenommenen Drogen.Ennio Leanza / KeystoneNicht nur auf den Zürcher Strassen wird am Samstag jeder und jede die Street Parade bemerken – auch unterirdisch, im Abwasser der Stadt, hinterlässt das grösste Techno-Festival der Welt jeweils seine Spuren. Die Rückstände von Drogen wie Kokain oder Amphetaminen wie Ecstasy sind in der Regel deutlich höher als an normalen Zürcher Wochenenden.Um sicherzugehen, dass man als Raverin oder Raver nur konsumiert, was man konsumieren will, empfehlen die Behörden dringend, Drogen vor der Einnahme testen zu lassen. Das städtische Drogeninformationszentrum bietet dafür ein mobiles Drug Checking auf dem Platz vor der Nationalbank an. Ab 13 Uhr kann man dort psychoaktiven Substanzen aller Art überprüfen lassen – kostenlos, anonym und ohne Anmeldung.Jahr für Jahr finden die Testerinnen und Tester dabei überdosierte Pillen oder mit zweifelhaften Substanzen gestrecktes Kokain.G wie GestankNach der Street Parade stinken nicht nur die Strassen – auch See und Fluss sind mit einem unangenehmen Exkrementgeruch belegt. Szene von der Ausgabe von 2004.KeystoneNie riecht Zürich so schlimm wie nach der Street Parade. Hunderttausende Partygängerinnen und Partygänger, die schwitzen, trinken, urinieren und sich am Strassenrand übergeben: Sie hinterlassen in der Innenstadt eine unüberriechbare olfaktorische Spur.Zwar geben sich die Aufräumteams der Organisatoren in der Nach auf Sonntag jeweils alle Mühe. Und auch die Stadt lässt in den Tagen danach nichts unversucht – von Schwemmfahrzeugen über Reinigungsteams mit Hochdruckstrahler bis hin zu einem speziellen Anti-Urin-Spray, der den unangenehmen WC-Geruch mit einer angenehmen Zitronennote überdecken soll.Trotzdem wird es in Zürich wohl auch dieses Jahr nach der Street Parade eine Weile gehörig stinken – jedenfalls bis der nächste grosse Regenguss wieder für Frieden in den Nasen der Stadt sorgt.K wie KostenFür die Raverinnen und Raver ist die Street Parade gratis. Anders ist das für die Organisatorinnen und Organisatoren – und für die Stadt Zürich.Erstere rechnen mit Ausgaben von 4,8 Millionen Franken – wenig für einen musikalischen Grossanlass dieser Grösse. Das meiste Geld wird für Technik, Sicherheit, Reinigung oder Abgaben an die Stadt Zürich aufgewendet. Der Trägerverein hinter der Street Parade ist nicht gewinnorientiert. Die meisten Helfer und sämtliche DJs arbeiten gratis. Einnahmen aus Sponsoring und Getränkeverkauf finanzieren den Rest.Anders ist es bei den Zusatzkosten, die bei Polizei, Sanität und den städtischen Gesundheitseinrichtungen anfallen. Die werden nur zum Teil auf die Veranstalter abgewälzt. Den Rest berappen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Wobei die Veranstalter der Parade betonen, der finanzielle Nutzen des Anlasses für die Zürcher Wirtschaft sei um ein vielfaches Höher als seine Kosten.M wie MüllGüsel, Güsel, überall: Besonders gefährlich sind wegen Verletzungsgefahr die Glasflaschen.Ennio Leanza / KeystoneRund 90 Tonnen Abfall fallen Jahr für Jahr bei der Street Parade an. Eine schier unglaubliche Menge an Bechern, Dosen und Flaschen – werden meist achtlos auf den Strassen und Trottoirs der Stadt zurückgelassen. Für die Entsorgung kommt jeweils der Trägerverein auf. Kostenpunkt: rund eine Viertelmillion Franken.Nicht an diesen Kosten beteiligen wollen sich die Grossverteiler, obwohl sie am Grossanlass traditionell ein gutes Geschäft machen. «Unfair und zum Kotzen» findet das Street-Parade-Präsident Joël Meier.Immerhin ein Minimalkompromiss konnte dieses Jahr erzielt werden: Die Detailhändler verzichten auf den Verkauf gekühlter Spirituosen in Glasflaschen. Die sind wegen der Scherbengefahr für die Organisatoren der Parade ein besonders grosses Ärgernis. Jedes Jahr zählen zerschnittene Fusssohlen zu den häufigsten Verletzungen.N wie NotfallWo gefeiert wird, da gibt es Verletzte – vor allem wenn Hitze, Drogen und Alkohol in rauen Mengen im Spiel sind. Die Street Parade ist deshalb für die Einsatzkräfte von Schutz und Rettung Zürich ein Einsatztag wie kaum ein anderer. 400 zusätzliche Mitarbeitende, 13 zusätzliche Rettungswagen, drei Boote und sechs provisorische Behandlungsstellen rund um das Seebecken sorgen für schnelle Hilfe im Notfall.Dazu kommt eine Ausnüchterungsstelle für Raverinnen und Raver, die ihren Rausch ausschlafen müssen. Sie soll die umliegenden Spitäler von leichten Fällen entlasten.R wie RekordeWo sonst Trams und Autos fahren hüpfen an der grössten Techno-Party der Welt die Raverinnen und Raver.Ennio Leanza / KeystoneDie Street Parade gilt als grösste Techno-Party der Welt. Bei der Teilnehmerzahl hat sie schon mehrfach die Millionengrenze erreicht – zumindest wenn man den Schätzungen der Organisatoren glaubt. Wie viele Menschen kommen, ist stark wetterabhängig. Der Trägerverein rechnet auch dieses Jahr mit 750 000 bis einer Million Besucherinnen und Besuchern.Erst zwei Mal musste die Parade in der Vergangenheit abgesagt werden – 2020 und 2021, wegen der Corona-Pandemie.S wie SicherheitMit steigender Terrorgefahr haben an der Street Parade auch die Sicherheitsvorkehrungen zugenommen. Im Bild: Strassensperren aus Beton.ImagoDer Christopher Street Day in Berlin, vor rund zwei Wochen: Ein Mann fährt mit einem Transporter in eine Menschenmenge. Eine Frau stirbt, 29 Personen werden verletzt. Seit dem terroristisch motivierten Angriff steht auch bei der Zürcher Street Parade das Thema Sicherheit ganz oben auf der Sorgenliste von Behörden und Veranstaltern.Stadt- und Kantonspolizei werden mit einem Grossaufgebot zugegen sein. Details dazu werden aus taktischen Gründen keine bekanntgegeben. Klar ist, dass es wie in den vergangenen Jahren um den gesamten Festbereich Schutzvorrichtungen gegen einfahrende Fahrzeuge geben wird – etwa in Form von Betonblöcken oder mobilen Sperren aus Stahl.In der Vergangenheit kam es bei erhöhter Gefahrenlage zu verschärften Kontrollen von Fahrzeugen auf Zufahrtsachsen sowie zusätzlichen Patrouillen durch Einsatzkräfte mit schussbereiten Maschinenpistolen.T wie ThemaDie Street Parade ist längst vom Aussenseiter-Event zum Grossanlass für die Massen geworden.Christian Beutler / KeystoneOffiziell ist die Street Parade eine Demonstration. Dieses Label erlaubte es den Gründern einst, für ihr unkonventionelles Vorhaben eine Bewilligung zu erhalten. Und noch heute ist es der Grund, warum die tanzende Masse nicht stillsteht, sondern sich auf einer vorgegebenen Route bewegen muss.Weil eine Demo ein Anliegen braucht, hat auch die Street Parade seit dem ersten Jahr mit jeder Ausgabe ein neues Motto. Traditionell ist dieses maximal generisch. «Peace!», «Respect!» und «Friendship!» wurden bereits gefordert. Ohne Ausrufezeichen kam «Think.» aus. Dieses Jahr ist eine Rückkehr zum Deskriptiven angesagt. Das offizielle Thema lautet: «Together we move».V wie VerkehrWenn Zürich am Samstag zum Dancefloor wird, heisst das für alle Nicht-Tanzenden: Stau und stockender Verkehr auf so ziemlich allen Kanälen.Rund um das Seebecken ist der Tram- und Busverkehr ab dem Mittag fast gänzlich eingestellt. Alle Haltestellen am Limmatquai und entlang der Bahnhofstrasse werden nicht bedient – mit Ausnahme jener am Paradeplatz und einem reduzierten Betrieb der S 18 am Stadelhofen.Die An- und Abreise zur Street Parade erfolgt am besten mit dem Zug via Stadelhofen, Hauptbahnhof oder Bahnhof Enge. Wer die Massen vermeiden will, umfährt das Zentrum wenn möglich weiträumig.Auch der motorisierte Verkehr ist von der Parade betroffen. Die Innenstadt um das Seebecken ist mit diversen Fahr- und Parkverboten belegt. Mit dem Auto ist jeweils so gut wie kein Durchkommen. Die Stadt empfiehlt deshalb ein Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel.Um das zusätzliche Verkehrsaufkommen zu bewältigen, hat die SBB 20 Extrazüge im Einsatz. Zahlreiche weitere Linien werden durch zusätzliche Wagen verstärkt.W wie WägeliGegen eine Million Personen kommen jedes Jahr aus dem In- und Ausland an die Street Parade. Im Bild: Die Raverinnen und Raver von 2003.Steffen Schmidt / KeystoneEs gibt die, denen die Street Parade längst zu gross, zu kommerziell geworden ist. Alternative, die das Exklusive statt die Masse suchen. Sie finden sich jeweils zu einer informellen Alternativ-Veranstaltung statt. «Wägeli-Parade» heisst sie, und der Name ist Programm: Statt grosser Love-Mobiles gibt es kleine Karren und dekorierte Lastenvelos, von denen die Boxen dröhnen.Vergangenes Jahr zog das hippe Gegenmodell zum Grossanlass durch Altstetten – bis die Polizei einschritt und die Party auflöste. Ob, wie und wo die «Wägeli-Parade» dieses Jahr stattfindet, wissen nur die Eingeweihten.Z wie ZuckungenDir Abkühlung durch Wassersprinkler – so wie hier im Jahr 2004 – hat an der Street Parade Tradition.Steffen Schmidt / KeystoneKaum etwas hat sich in den 34 Jahren seit der ersten Street Parade so sehr verändert wie die öffentliche Wahrnehmung des Anlasses. Bei der ersten Ausgabe bemerkte ein SRF-Kommentator noch trocken: «Tausende liessen sich zu Zuckungen hinreissen».Heute sind diese Zuckungen zur jährlich wiederkehrenden Normalität geworden. Dass auch das Hüpfen zu Techno-Musik Tanz ist und Hunderttausenden Spass machen kann – das weiss unterdessen die ganze Stadt.Für Marek Krynski, den Gründer der Street Parade, hat die gigantische Party auch Zürich verändert, und zwar zum Besseren.Die Zeit davor beschrieb er einmal so: «Es gab vielleicht fünf Klubs, die nach Mitternacht geöffnet hatten. Doch die durften keinerlei Getränke verkaufen – nur Eis und Gläser servieren. Rückblickend war das eine furchtbare Zeit.»Passend zum Artikel
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