Nach dem dschihadistischen Anschlag von Berlin vermeiden viele Islamverbände klare Worte. «Das ist kein Versehen», sagt ein ExperteDer Publizist Eren Güvercin kritisiert allgemeine Friedens- und Distanzierungsformeln und fordert eine offene Debatte über Homophobie in muslimischen Gemeinden.Armin Arbeiter, Berlin28.07.2026, 12.37 Uhr4 LeseminutenDie Mevlana-Moschee im Berliner Stadtteil Kreuzberg.Emmanuele Contini / ImagoDie Reaktionen der muslimischen Gemeinden auf den dschihadistischen Berlin-Anschlag sind vielfältig: «Liebe ist halal», sagte etwa Seyran Ateş am Sonntag bei der Gedenkfeier nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day in der Berliner Marienkirche. Die Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee erklärte, jeder Mensch sei unabhängig von seiner sexuellen Orientierung ein Geschöpf Gottes. Doch ihre Gemeinde ist klein und im organisierten Islam kaum repräsentativ.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wegen ihrer offenen Haltung gegenüber Frauen und schwulen Muslimen wird sie seit Jahren aus konservativen und islamistischen Milieus angefeindet. Ateş steht unter Personenschutz.Auch andere muslimische Verbände reagierten. Der Zentralrat der Muslime sprach ausdrücklich von einem Angriff auf Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Auch die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş und der Islamrat nannten den CSD und distanzierten sich von der Ideologie des «Islamischen Staates».Allgemeiner fiel die Erklärung des Koordinationsrats der Muslime aus, in dem unter anderem DITIB, Islamrat, VIKZ und Zentralrat zusammenarbeiten. Der Text verurteilt Gewalt, Extremismus und Terror. Weder der CSD noch queere Menschen oder das islamistische Tatmotiv werden erwähnt. Stattdessen ist von einem Angriff auf Menschen wegen ihrer «persönlichen Lebensweise oder Weltanschauung» die Rede.Zweierlei MassAus Sicht des Publizisten und Mitbegründers der liberal-muslimischen Alhambra-Gesellschaft, Eren Güvercin, schadet das der Glaubwürdigkeit der Solidarität: Wer sich mit den Opfern solidarisch erkläre, müsse sie auch beim Namen nennen. Für ihn ist diese Wortwahl kein Versehen. Bei rechtsextremen Anschlägen, etwa in Hanau, würden muslimische Verbände das Tatmotiv deutlich benennen. Bei islamistischen Taten griffen sie dagegen seit Jahren auf allgemeine Formeln zurück, ohne die konkrete Ideologie des Täters auszusprechen, sagt er der NZZ.Beim Berliner Anschlag sei diese Zurückhaltung besonders auffällig. Das Ziel sei nicht zufällig gewählt worden: Der Täter habe einen CSD und damit gezielt queere Menschen angegriffen. Wer nur die Erklärung des Koordinationsrats lese, könne kaum erkennen, worauf sie sich beziehe. Güvercin sieht darin eine Schwäche des organisierten Islams im Umgang mit Islamismus.Der Anschlag sei zugleich nicht losgelöst von Einstellungen zu betrachten, die auch ausserhalb islamistischer Milieus verbreitet seien. Nicht jeder konservative Muslim, der homosexuelle Beziehungen religiös ablehnt, werde zum Islamisten. Doch in Teilen muslimischer Gemeinschaften gebe es eine massive moralische Abwertung queerer Menschen. Islamistische Akteure könnten daran anknüpfen und daraus ein Feindbild formen.Die Auseinandersetzung müsse deshalb bei Predigten, Lehrinhalten und dem Umgang mit queeren Menschen in den Gemeinden beginnen, so Güvcerin, der für die FDP bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus kandidiert. Ein konservativer Glaube und die klare Zurückweisung von Homophobie müssten sich nicht ausschliessen. Selbstkritik werde jedoch häufig tabuisiert. Wer theologische Traditionen oder den Umgang mit Homosexualität hinterfrage, gelte schnell als Verräter oder als nicht authentischer Muslim.Homosexualität als Krankheit bezeichnetÜber eine Presseerklärung hinaus geht die Khadija-Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamaat in Berlin. Sie gilt vielen Islamisten als unislamisch und lädt zu öffentlichen Dialogaktionen und einem offenen Freitagsgebet ein. Thema der Predigt sollen Islamismus und die Verantwortung muslimischer Gemeinschaften im Umgang mit Extremismus sein. Extremisten dürften nicht die Deutungshoheit über den Islam erhalten, erklärte Imam Scharjil Khalid.Güvercin begrüsst die Initiative, hält sie aber nur dann für ausreichend, wenn sie die queerfeindliche Dimension des Anschlags einbeziehe. Er verweist zudem auf frühere Aussagen aus der Ahmadiyya-Gemeinschaft, in denen Homosexualität als Krankheit oder Folge unmoralischer Lebensführung beschrieben worden sei. Die Gemeinde müsse daher auch die eigenen religiösen Narrative prüfen. «Hier geht es ganz konkret um islamistisch motivierte Queerfeindlichkeit», sagt Güvercin.Der Attentäter wird verherrlichtAuch die arabischsprachige Berichterstattung zeigt unterschiedliche Deutungen. Der katarische Sender Al Jazeera English berichtete von einem islamistischen Terroranschlag auf eine Pride-Veranstaltung. Die arabische Ausgabe verwendete allerdings für Homosexuelle teilweise den abwertenden Begriff «al-shawādh », der wörtlich etwa «Abnormale» bedeutet und überwiegend abwertend gebraucht wird.Unter arabischsprachigen Beiträgen fanden sich neben Verurteilungen und Warnungen vor einer pauschalen Schuldzuweisung auch viele Kommentare, die den Täter religiös verherrlichten oder die Opfer abwerteten.Güvercin verweist zudem auf türkische Staats- und regierungsnahe Medien. Queerfeindliche Narrative gehörten dort vielfach zum politischen und medialen Mainstream. Die Repressionen gegen Pride-Veranstaltungen und queere Organisationen in der Türkei seien Ausdruck derselben Entwicklung.Die Formel, islamistische Anschläge hätten «nichts mit dem Islam zu tun», hält Güvcerin deshalb für unzureichend. Die Täter begründeten ihren Hass und ihre Gewalt selbst religiös. Eine ernsthafte Reaktion müsse sich mit diesem Islamverständnis auseinandersetzen und dürfe nicht bei allgemeinen Bekenntnissen zu Frieden und Gewaltfreiheit stehen bleiben.Passend zum Artikel
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Der Publizist Eren Güvercin kritisiert allgemeine Friedens- und Distanzierungsformeln und fordert eine offene Debatte über Homophobie in muslimischen Gemeinden.










