Herr Hansen, wie ordnen Sie die Terrortat von Berlin ein?Politisch für relevant halte ich, wie islamistische Homofeindlichkeit systematisch unterschätzt und kleingeredet wird. Es gab in den vergangenen Jahren europaweit diverse Angriffe von Islamisten auf queere Menschen, einschließlich mehrerer Tötungsdelikte. Aus dem islamistischen Milieu heraus werden regelmäßig CSDs angegriffen. Aber die öffentliche Debatte läuft an dieser Faktenlage vorbei.Inwiefern?Sie wird oft geführt, als ginge die größte Gefahr für queere Menschen von der AfD aus. Dabei ist der Islamismus für queere Menschen in Deutschland die größte Gefahr.Es gibt ganz offensichtlich in der AfD Homofeindlichkeit.In der Tat, und das will ich auf keinen Fall kleinreden. Es gibt auch Übergriffe auf queere Menschen von gewaltorientierten Rechtsextremisten. Aber die AfD ist nicht in ihrer Gesamtheit homofeindlich. Und die ganz große Gefahr entstammt nun einmal dem islamistischen Spektrum. Manche Politiker haben Schwule davor gewarnt, sich in bestimmten Vierteln in Berlin offen zu zeigen. Das liegt nicht daran, dass dort Rechtsextreme auf der Straße unterwegs wären. Um das Argument zuzuspitzen: Wenn der Anschlag von Rechtsextremisten verübt worden wäre, hätte es mittlerweile sicher längst „Demos gegen Rechts“ gegeben. Von einer Demonstration gegen Islamismus sehe und höre ich aber nichts.Bei jeder Moschee muss man genau hingucken, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Das ist Teil des Problems.Politikwissenschaftler Hendrik HansenWarum ist das so?Es gibt eine fatale Neigung, Islamismus als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen kleinzureden. Da ist analytisch zwar ein Stück weit etwas dran, aber oft wird das Problem auf diesen einen Aspekt reduziert. Das bedeutet, Islamismus ein Stück weit zu entschuldigen, als würden die Ursachen nicht beim Täter liegen, sondern bei der Gesellschaft. Das halte ich für fatal, zumal es auch die Integrationsleistung von so vielen Muslimen kleinredet. Vor allem aber nimmt es dem Täter die Verantwortung für seine Tat.Wo erleben Sie solche Argumentationsmuster?Zum Beispiel in der Enquetekommission des Berliner Abgeordnetenhauses für gesellschaftlichen Zusammenhalt, gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Diskriminierung. Dorthin haben SPD und Grüne jeweils Vertreter des linken Parteiflügels entsandt, die Linkspartei vertritt ohnehin entsprechende Positionen. Vertreter aller drei Fraktionen haben mit genau diesem Tenor argumentiert: Eigentlich ist gar nicht Islamismus das Problem, sondern Diskriminierung. Da waren echte Auswüchse zu erleben.Woher kommen diese Überzeugungen?Ich halte das für schlichte Ideologie. Da sollen Leute zu Opfern erklärt werden, die in Wahrheit Täter sind.Muss der Westen die eigenen Werte wieder mit mehr Selbstvertrauen vertreten?In der Tat. Der CSD ist ja gerade Ausdruck dieser Werte. Dazu gehören auch offene Diskussionen, etwa die, ob es Fetischmärsche mit Hundemasken auf der Straße braucht. Aber diese Debatten werden eben innerhalb des Rahmens einer pluralistischen Gesellschaft geführt.Welche Ansatzpunkte sind die richtigen, um Taten wie die von Samstag zu verhindern?Die entscheidende Frage ist: Wo finden Radikalisierungsprozesse statt? Da hat es in den vergangenen Jahren eine massive Verschiebung in den digitalen Raum gegeben. Da muss die Politik ansetzen.Sind die muslimischen Verbände klar genug, wenn es darum geht, sich zu Taten wie der von Samstag zu positionieren?Da ist mit Sicherheit Luft nach oben. Wir haben aber auch ein Problem bei der Frage, wer eigentlich für die Muslime in Deutschland spricht. Es hat immer wieder Belege gegeben für eine Nähe des Zentralrats der Muslime zu den radikalen Muslimbrüdern. Ditib ist der verlängerte Arm von Erdogan in Deutschland. Bei jeder Moschee muss man genau hingucken, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Das ist Teil des Problems.
Extremismus-Forscher über Anschlag in Berlin: „Islamismus ist für queere Menschen in Deutschland die größte Gefahr“
Islamistische Homofeindlichkeit werde systematisch kleingeredet, sagt Politikwissenschaftler Hendrik Hansen. SPD, Grüne und Linkspartei würden versuchen, Täter zu Opfern zu erklären.











