Oberflächlich betrachtet sind die Rechte queerer Menschen in Deutschland und Europa besser geschützt als in den allermeisten anderen Weltregionen. Doch die gesellschaftliche Realität sieht weiterhin anders aus.Das zeigt auch der Anschlag am Rande des Berliner Christopher Street Days (CSD), bei dem ein islamistisch motivierter Täter am vergangenen Samstagabend mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge fuhr und dabei mehrere Dutzend Menschen teils schwer verletzte – eine Frau tödlich.Die Wahl des Ziels war kein Zufall. In Ermittlerkreisen gilt ein dezidiert queerfeindliches Motiv als nahezu sicher.Damit fügt sich der Anschlag von Berlin in einen besorgniserregenden Trend. In den vergangenen Jahren haben Hass, Hetze und Gewalt gegen LGBTQI*-Menschen teils drastisch zugenommen. Ein gemeinsamer Lagebericht von Bundeskiminalamt (BKA) und Bundesinnenministerium (BMI) verzeichnete für das Jahr 2024 insgesamt etwa 1765 Straftaten aufgrund sexueller Orientierung und geschlechterbezogener Diversität.Deutschlands Straßen sind für queere Menschen nicht sicher.Ein Bundesvorstand des LSVD Verband Queere VielfaltDas sind fast sechs Straftaten pro Tag. Das ist im Vergleich zu 2010 eine Verzehnfachung der Fallzahlen. Bereits in den Jahren zuvor waren die Zahlen jeweils deutlich angestiegen. Riesiges Dunkelfeld Dabei gehen Fachleute davon aus, dass das Dunkelfeld wesentlich größer sein dürfte. Einer Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2020 zufolge zeigten 96 Prozent der Betroffenen Beleidigungen und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an.Die Gründe lesen sich alarmierend: 33 Prozent der Befragten hielten das Vergehen für „zu gering/nicht ernst genug“, 23 Prozent äußerten Angst vor homo- oder transfeindlichen Reaktionen der Polizei.Vor diesem Hintergrund wählt der LSVD Verband Queere Vielfalt, ehemals bekannt als deutscher Lesben- und Schwulenverband, deutliche Worte: „Deutschlands Straßen sind für queere Menschen nicht sicher“, sagt ein Mitglied des Bundesvorstands dem Tagesspiegel. „Diese traurige Tatsache hat sich in den vergangenen Jahren weiter verschärft, denn wir verzeichnen jährlich neue Rekordzahlen queerfeindlicher Hasskriminalität aus allen Ecken des Extremismus.“Die Diagnose ist also klar. Im politischen Raum herrscht allerdings Uneinigkeit über die Hauptursache. Woher kommt der Hass primär – und wie kann man dagegen vorgehen?Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sprach etwa kurz nach dem Anschlag davon, dass der Islamismus „die größte Gefahr“ für queere Menschen in Deutschland darstelle. Das sei „ganz klar“, sagte Wegner bei einer Pressekonferenz. „Und das muss auch gesagt werden, weil es genauso ist.“Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch (SPD), warnte hingegen vor einer wachsenden Bedrohung queeren Lebens durch Rechtsextremisten. Gerade in Ostdeutschland bedrohten rechtsextremistische Netzwerke mit immer jüngeren Mitgliedern ganz gezielt CSDs und andere Veranstaltungen der queeren Community.Auch die Amadeu-Antonio-Stiftung spricht davon, dass zuletzt jeder zweite CSD in Deutschland von rechtsextremistischen Störaktionen betroffen gewesen sein soll.2048Straftaten mit queerfeindlichem Hintergrund zählte das BKA im Jahr 2025 – ein Höchststand.Jüngste Zahlen des BKA, die aus einer Antwort des BMI auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervorgehen, zeigen derweil, dass der Anstieg queerfeindlicher Straftaten auch im vergangenen Jahr weitergegangen ist.Demnach wurden zum Stichtag 31. Dezember 2025 genau 2048 Taten registriert. Darunter finden sich 896 Verstöße gegen das Waffengesetz, 300 Fälle von Volksverhetzung, 207 Sachbeschädigungen, 245 Körperverletzungen – und zwei Tötungsdelikte aufgrund der sexuellen Orientierung der getöteten Personen.Im Gegensatz zu vergangenen Erhebungen zum Thema lässt sich anhand der jüngsten Daten auch aufschlüsseln, auf welche extremistischen Bereiche die Übergriffe im Jahr 2025 zurückgingen.Daraus ergibt sich ein klares Bild. Mit 868 Fällen entfallen mehr als 42 Prozent der registrierten Straftaten mit queerfeindlichem Hintergrund auf rechtsextremistisch eingestellte Täter – ein Höchststand. Nur etwas mehr als fünf Prozent der Taten wurden hingegen einer ausländischen oder religiösen Ideologie zugeordnet, jenen Kategorien, unter die typischerweise islamistische Straftäter fallen würden.Allerdings werden mit 1027 Fällen die Hälfte der registrierten Taten unter „Sonstige“ geführt, sie waren also keiner klar definierbaren Richtung zuzuordnen. Nach Angaben des BKA handelt es sich dabei etwa um Straftaten von Minderjährigen oder Gruppen wie den sogenannten Reichsbürgern. Grundsätzlich könnten sich darunter jedoch auch Islamisten befinden, die von den Behörden nicht eindeutig als solche identifiziert werden konnten.Das Ausmaß an Gewalt gegen die LSBTIQ*-Community ist alarmierend und sollte die Bundesregierung und insbesondere den für Sicherheit zuständigen Innenminister endlich zum Handeln bewegen.Marlene Schönberger, Bundestagsabgeordnete der Grünen„Über 40 Prozent der Taten kommen aus dem rechten Spektrum“, sagt auch die Bundestagsabgeordnete Marlene Schönberger (Grüne), die die Zahlen erfragt hat. „Der schreckliche islamistische Anschlag auf den CSD in Berlin zeigt jedoch erneut, dass queeren Menschen von vielen Seiten Gefahr droht.“Auch der LSVD betont, dass es sich bei Hass und Gewalt um kein „Randphänomen des religiösen Fanatismus“ handele. „Queerfeindlichkeit reicht tief in die Mitte unserer Gesellschaft“, heißt es aus dem Verband. „Jeden Tag erlebt unsere Community in Deutschland Anfeindungen und Gewalt.“Schönberger nimmt die Bundesregierung und vor allem Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) in die Pflicht, etwas dagegen zu tun: „Das Ausmaß an Gewalt gegen die LSBTIQ*-Community ist alarmierend und sollte die Bundesregierung und insbesondere den für Sicherheit zuständigen Innenminister endlich zum Handeln bewegen“, sagt sie. Queerpolitik ohne „Queerpolitik“ Schwarz-Rot tut jedoch bislang wenig. Zwar kündigte Kanzler Friedrich Merz (CDU) kurz nach dem Berliner Anschlag an, die queere Community künftig besser schützen zu wollen. Doch seine Politik liest sich bislang anders.So wurde der 2022 von der Ampelkoalition beschlossene Aktionsplan „Queer leben“, der die Lebenssituation queerer Menschen verbessern sollte, unter Merz faktisch beerdigt. Das Familienministerium erklärte den Prozess für „planmäßig abgeschlossen“, eine Fortsetzung ist nicht vorgesehen. Die zuständige Ministerin Karin Prien (CDU) ließ jüngst das Wort „Queerpolitik“ aus dem Namen des für Queerpolitik zuständigen Referats streichen.Und auch sonst scheinen queere Belange in der Bundesregierung bislang keine große Priorität zu genießen. So beschwerte sich Queerbeauftragte Koch kürzlich darüber, den Kanzler seit ihrem Amtsantritt kein einziges Mal getroffen zu haben. Auch der LSVD bemängelt, der Bundeskanzler habe Gesprächsangebote bisher konsequent ausgeschlagen.Das müsse sich dringend ändern, heißt es aus dem Verband. „Die Innenministerkonferenz muss ihre eigenen Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung von homo- und transfeindlicher Gewalt vollständig umsetzen“, sagt ein Vorstandsmitglied. Zudem müssten Aufklärungsprojekte nachhaltig finanziert werden.Es brauche auch eine Erweiterung des Diskriminierungsartikels 3 des Grundgesetzes um die sexuelle Identität: „Nur so wird der Community das Zeichen gesendet: Ihr gehört unmissverständlich zu uns und wir beschützen euch.“
Von wem geht die größte Gefahr aus?: BKA-Zahlen zeichnen ein klares Bild zu queerfeindlicher Gewalt
Nach dem Anschlag auf dem Berliner CSD ist eine alte Debatte neu entbrannt: Wie sicher sind queere Menschen in Deutschland – und woher kommt der meiste Hass?












