GastkommentarFranz EberleDas Langzeitgymnasium sollte nicht abgeschafft werdenDas Problem der sozialen Selektivität in der Bildung würde durch die Abschaffung des Langzeitgymnasiums nicht gelöst. Diese Herkunftseffekte entstehen schon viel früher und müssen bereits vor dem Schuleintritt angegangen werden.28.07.2026, 05.24 Uhr3 LeseminutenDer Konflikt zwischen Chancengerechtigkeit und der Förderung der kognitiv Leistungsfähigsten führt immer wieder zu Debatten.Karin Hofer / NZZDas Langzeitgymnasium verstärke soziale Ungleichheiten, wird häufig moniert. In zehn Kantonen der Deutschschweiz gibt es Langzeitgymnasien, zusammengesetzt aus Unter- und Obergymnasium. Die anderen bieten nur das Kurzzeitgymnasium an, das an die Oberstufe der Volksschule anschliesst und inhaltlich dem Obergymnasium entspricht. Ich habe ehemalige Lernende nach ihren Erfahrungen mit dem Langzeitgymnasium gefragt. Eine typische Antwort war, dass das Untergymnasium nach Jahren kognitiver Unterforderung die Rettung gewesen sei – es war von «Bore-out» die Rede.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bildungshintergrund der ElternGibt es den Konflikt zwischen Chancengerechtigkeit und Förderung der kognitiv Leistungsfähigsten direkt nach der Primarstufe im Untergymnasium tatsächlich? Dass Kinder und Jugendliche aus höheren Bildungsschichten im Gymnasium im Vergleich zu ihrem Anteil in der Bevölkerung massiv übervertreten sind, ist längst erwiesen. Man spricht von der sozialen Selektivität in der Bildung.Diese entsteht aber schon viel früher, gleich nach der Geburt: Das Niveau der ab dann erworbenen Kompetenzen hängt mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammen. Kinder aus höheren Bildungsschichten erfahren unter anderem mehr Förderung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in der Schule vorteilhaft sind.Massnahmen zur Milderung dieser primären Herkunftseffekte müssen deshalb bereits vor Schuleintritt ansetzen. Mit den Programmen zur frühkindlichen Bildung hat das die Bildungspolitik erkannt. Zusätzlich selektiv wirken sekundäre Herkunftseffekte, wonach selbst bei objektiv vergleichbarer Leistungsfähigkeit die Leistungsbewertungen durch Lehrpersonen vom Bildungshintergrund der Eltern beeinflusst werden. Beispielsweise trauen sie Akademikerkindern mehr zu, runden bei Unsicherheit die Noten eher auf und lassen sich durch deren Eltern mehr beeinflussen.Massnahmen zur Verhinderung dieser Quelle sozialer Selektivität müssen schwergewichtig bei der Sensibilisierung der Lehrpersonen in der Aus- und Weiterbildung ansetzen und ihre Diagnosekompetenz weiter stärken. So gesehen helfen auch sorgfältig entwickelte, standardisierte Aufnahmeprüfungen, subjektiv verzerrte Einschätzungen beim Aufnahmeverfahren zu vermeiden. Sie sind auch nicht, wie die Zeugnisnoten, vom Leistungsniveau der Klassen abhängig.Gemäss Ergebnissen aus der Forschung ist die soziale Selektivität allgemein in Bildungssystemen mit früher Aufteilung in Leistungsklassen grösser als in solchen mit späterer. Der Bildungsbericht 2026 bestätigt das auch für das selektive Gymnasium: Die Gruppe der Kantone mit Langzeitgymnasium ist beim Übertritt ins Gymnasium sozial selektiver als jene nur mit Kurzzeitgymnasium, allerdings nur leicht.Wichtige Differenzierungen in den unterschiedlichen kantonalen Ausgestaltungen der Sekundarstufe I sind zwar noch nicht erforscht. Aber der Befund ist ausreichend für die Notwendigkeit, dass das – auch teurere – Langzeitgymnasium gegenüber dem Kurzzeitgymnasium einen Mehrwert nachweisen sollte.Der Mehrwert des LangzeitgymnasiumsEin solch potenzieller Mehrwert ergibt sich aus den folgenden vier Elementen: Erstens kann das Untergymnasium im Vergleich zur übrigen Sekundarstufe I zielstrebig eine spezifisch auf die Maturität ausgerichtete Bildung anbieten, die in bereits gleichen Fächern stattfindet. Das ist in integrierten Klassen mit bloss unterschiedlichen Anspruchsniveaus nicht möglich.Zweitens lassen sich beim Wechsel vom Unter- ins Obergymnasium jene Anpassungsverluste vermeiden, die immer dann entstehen, wenn sich wie beim Kurzzeitgymnasium neue Klassen aus vielen heterogenen Zubringerschulen bilden. Drittens sind die Lehrpersonen spezifisch für das Gymnasium ausgebildet, und viertens ermöglicht die homogene Zusammensetzung von kognitiv besonders leistungsfähigen Lernenden ein höheres Zielniveau.Ob die bestehenden Langzeitgymnasien tatsächlich zu einer besseren Maturität führen, ist leider bis jetzt nur ansatzweise untersucht. Immerhin deuten aber Daten unserer Evaluation der Schweizer Maturitätsreform von 2008 auf die bessere Förderwirkung des Langzeit- im Vergleich zum Kurzzeitgymnasium hin.Um den potenziellen Mehrwert des Langzeitgymnasiums zur Förderung der Besten noch besser zu gewährleisten, ohne die soziale Selektivität zu erhöhen, wären die folgenden, in den Kantonen nur teilweise eingehaltenen Rahmenbedingungen zu beachten: Zum einen sollte das Langzeitgymnasium im Sinne der Begabtenförderung nur den wirklich Leistungsfähigsten vorbehalten sein und parallel dazu das Kurzzeitgymnasium als Normalweg für den grösseren Teil der Lernenden am Gymnasium gelten.Zum anderen sollte im Obergymnasium der Kompetenzvorsprung der Untergymnasium-Lernenden gegenüber den neu eintretenden Kurzzeitgymnasium-Lernenden nicht durch Vermischung dieser beiden Gruppen aufgegeben werden. Er sollte auch noch an der Maturität bestehen und damit das teurere und separierende Untergymnasium legitimieren.Die Abschaffung des Langzeitgymnasiums löst das Problem der sozialen Selektivität in der Bildung nicht, und der potenzielle Mehrwert der spezifischen Förderung der kognitiv Leistungsfähigsten ginge verloren.Franz Eberle ist em. Professor für Gymnasial- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Zürich und forscht zu Fragen des Übertritts an Maturitäts- und an Hochschulen.
Das Langzeitgymnasium: Schlüssel zur Förderung der Leistungsstärksten
Das Problem der sozialen Selektivität in der Bildung würde durch die Abschaffung des Langzeitgymnasiums nicht gelöst. Diese Herkunftseffekte entstehen schon viel früher und müssen bereits vor dem Schuleintritt angegangen werden.







