Emma und Sophia sollen in der Schule Vorteile erhalten, obwohl sie ausgezeichnete Noten haben. Ausgerechnet ihre eigenen Eltern wollen das verhindern. Ein FamilienkonfliktDroht uns eine leistungslose Gesellschaft, weil die Schulen ein Ort sein wollen, an dem es keine Hürden und Stolpersteine mehr gibt? Eine Diskussion am Esstisch.10.06.2026, 05.29 Uhr6 LeseminutenDurch einen Nachteilsausgleich erhalten Schüler zum Beispiel mehr Zeit für Prüfungen oder visuelle Kommunikationshilfen.Benjamin Manser / CH-MediaSo stellt man sich das Bildungsbürgertum vor, die scheinbar perfekte Schweiz. Ein schmuckes Einfamilienhaus am Rande einer Zürcher Gemeinde, eine Familie – Vater, Mutter, zwei Töchter –, die am Esstisch über die gymnasiale Laufbahn von Emma* (16) und Sophia* (17) spricht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Schulkarriere mit normalen Hochs und Tiefs, aber stets mit guten Noten. Die Matura rückt näher. Daran zweifelt niemand. Ausbildungstechnisch ist alles in bester Ordnung, null Grund zur Sorge. Das sagen auch die Eltern. Das Gespräch ist auf hohem Niveau, akademischer Wortschatz, gepflegte Umgangsformen. Man könnte sagen: erwachsen.Im Esszimmer ist sogar das Material, säuberlich unterteilt in die jeweiligen Fächer, prominent ersichtlich. Wo sonst Bücher oder Pflanzen ein Regal zieren, fallen hier die ordentlich beschrifteten Schubladen auf. Das klingt fast zu harmonisch, um wahr zu sein.Tatsächlich gibt es am Esstisch der Familie immer wieder Streit. Frustrierte Eltern. Unverstandene Töchter.«Wer verzichtet schon freiwillig auf Vorteile?»Es sind ausgerechnet die Lehrerinnen und Therapeutinnen, die für einen Zwist in der Familie sorgen. Obschon die Leistungen von Emma und Sophia ausgezeichnet sind, hätten die Teenager Anspruch auf einen sogenannten Nachteilsausgleich. Denn bei ihnen wurde ein Asperger-Autismus und ADS (ruhige Form von ADHS) diagnostiziert. Die Befunde liegen der NZZ vor.Die Eltern drücken es so aus: «Wir werden fast schon unter Druck gesetzt, den Nachteilsausgleich zu erlauben. Eine der Therapeutinnen hat uns und unserer Tochter sämtliche diesbezüglichen Unterlagen der Bildungsdirektion zukommen lassen. Wir fühlen uns manchmal wie Rabeneltern, weil wir bisher nicht nachgegeben haben.»Da ihre Kinder minderjährig sind, liegt die Entscheidung bei den Eltern. Doch sie wollen keinen Nachteilsausgleich für ihre Töchter. Emma und Sophia sehen das anders. Sie sagen: «Wir wollen selbst entscheiden können, weil es uns betrifft.» Und sie fragen: «Wer verzichtet schon freiwillig auf Vorteile?»Das Beispiel zeigt, wie stark das Mittel des Nachteilsausgleichs mittlerweile im Schulalltag eingesetzt wird. Sogar bei Schülerinnen, die exzellente Noten haben. Doch für schulisch Starke wurde diese Abhilfe eigentlich nicht geschaffen. Sondern um jene zu unterstützen, die aufgrund einer physischen oder psychischen Beeinträchtigung nicht dieselben Leistungen in einer Prüfung erbringen können.Solche Schüler und Studenten erhalten beispielsweise mehr Zeit für die letzte Aufgabe, mehr Ruhe, da der Test in einem separaten Raum geschrieben wird, mündliche statt schriftliche Prüfungen oder visuelle Kommunikationshilfen.«Eine Erleichterung wäre absurd»Von der Primarschule bis zur Universität nehmen solche Massnahmen zu, wie die «NZZ am Sonntag» aufgezeigt hat. Wie hoch der Anteil wirklich ist, weiss niemand.Doch die Zahlen, die es gibt, zeigen: Immer mehr Schüler erhalten einen Nachteilsausgleich; wegen Legasthenie oder Rechenschwäche und vermehrt auch wegen psychischer Erkrankungen wie Angststörungen. Nachteilsausgleiche werden mittlerweile sogar eingeklagt von Eltern – mithilfe von Interessenverbänden.Dass die Schulen in berechtigten Fällen eine gewisse Unterstützung gewähren sollten, wird auch von Experten nicht bestritten. Und schon gar nicht von den Eltern von Emma und Sophia. Nur sehen sie bei ihren Töchtern Nachteile durch einen Nachteilsausgleich. Der Vater sagt: «Unsere Kinder gelten als hochbegabt. Sie machen eine internationale Matur, werden sogar in der Schule als Elite gesehen: Eine Erleichterung wäre darum absurd.»Die Asperger-Diagnose der Töchter führt dazu, dass sie Mühe haben, sich mündlich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Selbst wenn sie die Antworten wüssten, was meistens der Fall ist.Der älteren Tochter, Sophia, fällt es noch etwas schwerer als der Schwester, sich zu konzentrieren. Die Eltern sagen, dass sich dies vor allem dann zeige, wenn sie etwas stark beschäftige. Etwa, wenn sie verliebt sei. Dass das einen Teenager ablenkt, ist normal. Doch warum sollte Sophia, fragt die Mutter, einen Vorteil in einem Fall erhalten, den viele andere Jugendliche auch durchleben?Sophia entgegnet, dass sie bei Tests gerne einen Zeitzuschlag bekäme, damit sie sich nicht so gestresst fühle. «Den haben mir meine Lehrer schon oft angeboten.» Sie sagt aber auch: «Ich weiss, dass es einen solchen Bonus im Berufsleben später so nicht mehr geben wird. Und ich will zeigen, dass ich normal arbeiten kann.»«Die Lehrer haben kein Gespür»Die Eltern wünschen ihren Töchtern, dass sie lernen, ihre Schüchternheit zu überwinden. Dass sie nicht unterstützt werden, «Sorgen durch eine weniger anspruchsvolle Benotung zu übertünchen, statt das Thema proaktiv anzugehen». Es gebe ja umgekehrt auch keine Beschwerden, dass die Töchter aufgrund ihres hohen Intelligenzquotienten einen Vorteil gegenüber Mitschülern hätten. «Wir wollen für Emma und Sophia faire Einschätzungen, keine Potenzialzeugnisse.»Übervorteilt werden wollen auch die Töchter nicht. Emma, 16, schreibt noch bessere Noten als ihre Schwester. Sophia nennt sie einen «Lehrerliebling».Einen Nachteilsausgleich lehnt Emma nicht ab, pocht aber auch nicht darauf. Sie sagt: «Was mich stört, ist, dass die Lehrer kein Gespür dafür haben, was die Schülerinnen umtreibt, woran sie möglicherweise leiden. Lieber wird simple Entlastung wie ein Nachteilsausgleich angeboten. Dann muss man sich nicht mehr darum kümmern.»Emma wäre es lieber, wenn sie, die sich nicht gerne aktiv in den Unterricht einbringt, von den Lehrern dazu motiviert würde. «Für mich, die sich in Gesellschaft schnell unter Druck fühlt, käme das besser an als die Kritik im Zeugnis.»Es sind differenzierte Voten einer Jugendlichen, die wohl weiss, dass ihr ein Nachteilsausgleich nur beschränkt helfen würde, der aber trotzdem manchmal verlockend wäre. Vor allem, wenn er so einfach zu erhalten ist. Auch ihre Schwester, Sophia, sagt: «Ich sehe das Dilemma. Aber ich will auch ein gutes Zeugnis, ein besseres als jetzt vielleicht. Das hilft mir dann, mich zu bewerben, auch wenn ich danach keinen Vorteil mehr erhalte.»«Das System wird ad absurdum geführt»Nachteilsausgleiche werden gewährt, ohne dass sie in Zeugnissen vermerkt werden. Kein Jugendlicher will seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt schmälern, wenn er die Möglichkeit erhält, seine Noten aufzupolieren.Die Bildungsexpertin Esther Ziegler hält diese Entwicklung für gefährlich. Es drohe eine leistungslose Gesellschaft, sagte sie in einem Interview mit der NZZ. Die Schulen senkten das Niveau, weil sie jedes Defizit, das ein Schüler habe, kompensieren wollten. Die Schule sollte ein Ort sein, an dem man lernen kann, Schwächen aufzuarbeiten, so Ziegler. «Heute passiert das Gegenteil.»Tatsache ist: An gewissen Schulen erhalten 10, manchmal sogar 20 Prozent der Schüler einen Nachteilsausgleich. In manchen Klassen noch mehr. Tendenz steigend. Und das überall. An Volksschulen, Universitäten, bei Lehrabschlussprüfungen.Matthias Obrist, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, sagte in der «NZZ am Sonntag», dass Eltern zunehmend versuchten, «mit Nachteilsausgleichen den Übertritt ins Gymnasium oder in die Sekundarstufe A zu sichern». Der Nachteilsausgleich entwickle sich zu einer verdeckten Fördermassnahme. «Damit wird das System ad absurdum geführt.»Aus der Praxis klingt es ähnlich. Der Wert eines Abschlusses werde gefährdet. Auch darum, weil man heute alle Schüler so fördern möchte, dass sie es ans Gymnasium schaffen. Eine Illusion. Esther Ziegler sagt: «Es geht vergessen, was Fakt – und völlig in Ordnung – ist: Von allen Schülern sind 70 Prozent, also die grosse Mehrheit, durchschnittlich begabt. 15 Prozent sind sehr gut, 15 Prozent fallen ab.»«Ich nehme mir den Nachteilsausgleich»Dass sich im Bildungswesen etwas verschoben hat, kommt langsam auch in der Wirtschaft und in der Politik an. Unternehmen fragen sich zunehmend: Was sind die Abschlüsse, die wir bei Bewerbungen zu Gesicht bekommen, noch wert? Im Kanton Uri etwa wollen Bürgerliche wissen, was der Nachteilsausgleich für Auswirkungen habe. Auch FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen fordert mehr Transparenz über Sinn und Unsinn dieses Instruments.Was sich jedoch einmal durchgesetzt hat, ist nur schwer korrigierbar. Als die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich nur die Frist für ein Nachteilsausgleich-Gesuch verkürzen wollte, gab es Protest von den Studenten. Der Studentenverband rief gar zu Ungehorsam auf. Der «Tages-Anzeiger» titelte: «Unruhe an der Universität Zürich».Emma und Sophia ist das, im Kleinen natürlich, nicht ganz fremd. Als sie von ihren Lehrern auf die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs aufmerksam gemacht worden seien, sei die Diskussion mit den Eltern zu Beginn «ausgeartet». Es habe richtig «geklöpft». Das war vor rund einem Jahr. Kurz, sagt Sophia, habe sie aufgegeben. Jetzt hat sie ein neues Ziel: die Eltern dazu zu bringen, sich wenigstens zu überlegen, ob ein konkreter Ausgleich akzeptabel wäre.Sie sagt aber auch: «Ich nehme mir den Nachteilsausgleich, wenn Diplomatie nicht fruchtet.» Im kommenden Schuljahr, dem letzten vor der Matur, wird sie 18 Jahre alt. Wer volljährig ist, darf selbst entscheiden.* Namen geändertPassend zum Artikel