Saudiarabien bekommt, was Südkorea schon lange will – die USA messen bei der Nonproliferation mit zweierlei MassDas Atomabkommen, das Washington Riad vorschlägt, könnte Saudiarabien den Bau einer Atombombe ermöglichen. Das hat Auswirkungen am anderen Ende der Welt.27.07.2026, 14.03 Uhr4 LeseminutenDonald Trump mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman vergangenes Jahr in Washington. Die USA wollen Saudiarabien nun Atomtechnologie liefern.Chip Somodevilla / GettyDas Atomabkommen, das die USA vergangene Woche mit Saudiarabien angekündigt haben, wirft Fragen auf. Nicht nur, weil Präsident Trump das Abkommen im Nachhinein mit der Bedingung verknüpfte, dass Saudiarabien diplomatische Beziehungen mit Israel aufnehme. Allein die technischen Bedingungen lassen aufhorchen: So soll Riad im Land Uran anreichern dürfen, ohne dabei der strengen Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zu unterliegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Südkorea hat nur ein amerikanisches Versprechen als AbschreckungDer Verzicht auf die Anreicherung von Uran und unbeschränkte IAEA-Inspektionen sind zwei der mächtigsten Instrumente, um zu verhindern, dass Länder im Geheimen Atombomben entwickeln. In den Abkommen zur Förderung der Atomenergie für zivile Zwecke, welche die USA mit mehr als zwanzig Ländern geschlossen haben, galten diese Bedingungen bisher als Standard. Die Vereinigten Arabischen Emirate unterzeichneten einen solchen Vertrag vor einem Jahr, Südkorea hat ein vergleichbares Abkommen seit Jahrzehnten. 2015 wurde es überarbeitet, die strengen Auflagen blieben.Insbesondere in Südkorea fragt man sich: Warum dürfen die Saudi, was uns verboten wird? Denn die nukleare Bedrohung, mit der Seoul sich konfrontiert sieht, ist viel akuter als jene für Riad. Iran, Saudiarabiens direkter Rivale, versucht zwar seit Jahren, eine Atombombe zu bauen – doch die gezielten Bombardierungen der USA und Israels dürften das Programm um Jahre zurückgeworfen haben.Nordkorea hingegen führte vor zwanzig Jahren den ersten Atomtest durch und besitzt heute schätzungsweise sechzig einsatzbereite Atomsprengköpfe. Die einzige Abschreckung, die Seoul hat, um Nordkorea von einem atomaren Angriff abzuhalten, ist ein Versprechen Washingtons, in diesem Fall atomar zurückzuschlagen.Wie viel dieses Versprechen im Ernstfall wert ist, war schon immer fragwürdig. Würde der amerikanische Präsident wirklich einen Atomschlag auf Hawaii oder San Francisco riskieren, um sich für ein atomar ausgelöschtes Seoul zu rächen? In den Zeiten von Donald Trump ist dieser nukleare Schirm löchriger als je zuvor.Amerikas Atomindustrie soll aufblühenEin weiterer gewichtiger Unterschied zwischen Südkorea und Saudiarabien liegt in der Nutzung der Atomenergie für zivile Zwecke. Südkorea hat 26 operative Atomreaktoren, 4 weitere sind im Bau. Insgesamt produziert das Land fast einen Drittel seines Stroms mit Atomkraft.Saudiarabien hat zwar grosse Pläne, doch es hat bisher noch nicht einmal mit dem Bau eines Atomkraftwerks begonnen. Das Königreich produziert seinen Strom fast vollständig mit Öl und Gas, von denen es grosse Mengen hat. Dass die saudische Atomindustrie erst noch aufgebaut werden muss, könnte der Grund sein, dass Trump das Abkommen wollte. Damit verpflichtet sich Riad faktisch, dass seine künftigen Reaktoren aus amerikanischer Produktion kommen werden. Dem Hersteller Westinghouse und seinen Zulieferern winken Milliardenaufträge.Südkorea hingegen baut seine Atomkraftwerke selber – und exportiert sie gar. So setzt Saudiarabiens Nachbar, die Vereinigten Arabischen Emirate, auf südkoreanische Technologie. Die Amerikaner müssen sich mit Zulieferverträgen begnügen. Das reicht Präsident Trump offenbar nicht. Vergangenes Jahr unterzeichnete er ein präsidiales Dekret zur Förderung der Atomindustrie – im Inland wie im Ausland. Zur Förderung der Exporte strebt er als konkretes Ziel zwanzig Abkommen mit Drittländern an.Amerikanische Experten sehen schwarzNamhafte Experten sehen im lockeren Regime, das Saudiarabien auferlegt wird, eine Gefahr für die globale Nonproliferation. John Wolfsthal, ein ehemaliger Berater der Obama-Regierung für Nonproliferation, schreibt, die Trump-Regierung habe weder die Motivation noch das Fachwissen, um sicherzustellen, dass Atomabkommen dem Interesse der USA dienten, die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern.Die frühere Unterstaatssekretärin für Rüstungskontrolle unter Präsident Biden, Bonnie Jenkins, sieht im Vorgehen der Trump-Regierung einen Widerspruch: Sie sage immer wieder, dass man nicht zulassen dürfe, dass Iran eine Atomwaffe baue, und dann stimme sie einem Atomabkommen mit Saudiarabien zu.Jenkins spricht darauf an, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman schon vor Jahren gesagt hat, dass sein Land eine Atombombe bauen werde, falls Iran dies tue. Auch in Südkorea werden immer wieder Stimmen laut, dass das Land eigene Atombomben zur Abschreckung des Kim-Regimes in Pjongjang brauche. Doch seit das Land in den frühen siebziger Jahren sein geheimes Atomwaffenprogramm unter amerikanischem Druck aufgeben musste, hat eine südkoreanische Regierung nach der anderen klargemacht, dass sie dem Schutzschild der Amerikaner vertraut und keine Atombomben bauen will.Südkorea will Lockerungen bei der WiederaufarbeitungFür Südkorea gibt es aber auch kommerzielle Argumente dafür, selber Uran anzureichern und abgebrannte Brennstäbe wieder aufzuarbeiten. Auch diesen Prozess enthalten die USA den meisten Nuklearpartnern vor, weil dabei Plutonium anfällt, das auch für den Bau von Atombomben verwendet werden kann.Weil es selber kein Uran anreichern kann, muss Südkorea für seine Atomreaktoren niedrig angereichertes Uran importieren – aus Russland, Europa und den USA. In Südkorea sind keine kommerziell abbaubaren Uranvorkommen bekannt, das Land wäre auch künftig von Importen abhängig. Doch der Import von Natururan würde die Handelsbilanz weniger belasten und mehr Wertschöpfung generieren. Die Wiederaufarbeitung von Brennstäben wiederum würde das Volumen des Atommülls verringern, der in Endlager gebracht werden muss. Im dichtbesiedelten Land sind Standorte für solche Lager nur schwer zu finden.Die Zeitung «The Korea Herald» schreibt, dass das saudisch-amerikanische Abkommen für Seoul in künftigen Verhandlungen ein Verhandlungspfand sein könnte. Die Zeitung sprach mit mehreren koreanischen Experten, die darauf spekulieren, dass Seoul das Gleiche erhalten könnte, was im Abkommen mit Riad steht. Ein Durchbruch hänge aber wohl mehr von einer politischen Entscheidung Trumps als von technischen Verhandlungen ab, mutmasst einer der Experten.Trump insistiert immer wieder, dass Amerikas Alliierte selber mehr tun sollen für ihre Verteidigung. So hat er Ende letzten Jahres Seoul zugestanden, selber Atom-U-Boote zu bauen. Diese sind zwar nicht atomar bewaffnet, sollen der südkoreanischen Marine aber helfen, nordkoreanische Atom-U-Boote in Schach zu halten. Ob Trump aber bereit ist, Seoul in Sachen Atomkraft weitere Freiheiten zu gewähren, muss sich noch zeigen.Passend zum Artikel
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