Der Ärger über den stockenden und lahmenden Verkehr in München ist ungebrochen, trotzdem scheint die Mobilität in der Prioritätenliste der Stadtpolitik gerade abzurutschen. Das Geld geht aus, beim Wasser muss auch gespart werden, und schon im Wahlkampf war die Verkehrswende nicht das Gewinner-Thema: Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) versprach nicht etwa 50 neue Tramlinien oder 500 neue Radwege, sondern lieber 50 000 neue Wohnungen.Keine idealen Voraussetzungen also, um die gewünschte Neuverteilung des öffentlichen Raums umzusetzen und ein besseres Miteinander von öffentlichem Nahverkehr, Fußgänger, Radfahrer und Autos hinzubekommen. Bewältigen soll diese Aufgabe auch in den kommenden sechs Jahren der jetzige Mobilitätsreferent Georg Dunkel (parteilos). Die Koalition aus Grünen/Rosa Liste, SPD und FDP/Freie Wähler will ihn am kommenden Mittwoch in der Vollversammlung des Stadtrats im Amt bestätigen.Der bisherige und wohl künftige Mobilitätsreferent wird zeigen müssen, dass er für seine Themen brennt und diese auch in angespannter Haushaltslage durchsetzen kann. Die SZ hat sich in der Stadt umgesehen und wichtige Baustellen der Verkehrspolitik zusammengetragen, die Dunkel fertigstellen oder weiter voranbringen soll.Mobilitätsreferent Georg Dunkel soll die Verantwortung für den Verkehr in München auch für die kommenden sechs Jahre übernehmen. Stephan RumpfWeniger Autos in der AltstadtDem Münchner Zentrum steht der wohl größte Umbruch seit der Einführung der ersten Fußgängerzone 1972 bevor – und dem Mobilitätsreferenten Dunkel damit eine Menge Arbeit. Vergangenen Dezember hat der Stadtrat das Konzept „Altstadt für alle“ beschlossen. Der motorisierte Verkehr soll stark reduziert werden, ohne Autos komplett auszusperren.Die Straßen sollen mit Ausnahmen fast nur noch Anwohnern und dem Wirtschaftsverkehr dienen, viele Parkplätze sollen wegfallen. Entscheidend für einen Erfolg wird sein, wie der Mobilitätsreferent den Umbruch moderiert. Denn die Politik gibt vor, dass bei jeder einzelnen Maßnahme Anwohner, Bezirksausschüsse, Beiräte, Gewerbetreibende, Verbände und Interessengruppen einbezogen werden. Jede Änderung soll dann einzeln mit dem Stadtrat abgestimmt werden.Neue FußgängerzonenAuch außerhalb des Stadtzentrums sollen Fußgänger mehr Platz bekommen. In der Weißenburger Straße in Haidhausen könnte nach einer einjährigen Testphase eine dauerhafte Fußgängerzone eingerichtet werden. Der Bezirksausschuss spricht sich dafür aus, der Stadtrat hat noch nicht entschieden.In der Testphase gab es viel Kritik von Gewerbetreibenden in der Einkaufstraße, auch die Umsetzung wurde als lieblos empfunden. Wenn die Fußgängerzone in Haidhausen ein Prototyp für andere Stadtteilzentren werden soll, werden Dunkel und sein Team bessere Überzeugungsarbeit leisten müssen als bisher.Auch im Lehel entsteht in der St. Anna-Straße ein neuer Fußgängerbereich. Weil wegen einer Baustelle schon länger kein Durchgangsverkehr möglich war, hat der Bezirksausschuss beschlossen, es dabei zu belassen. Viel Arbeit wird das für Dunkels Referat wohl nicht: Vorerst muss eine Beschilderung der Fußgängerzone reichen, denn für einen Umbau hat die Stadt derzeit kein Geld.Ausbau des RadwegenetzesGrundlage für den Bau von neuen und sichereren Radwegen bleibt der Radentscheid aus dem Jahr 2019. Auf diesem basiert etwa der Umbau des ersten Abschnitts der Lindwurmstraße zwischen Goetheplatz und Sendlinger Tor; wenngleich zuletzt die Anordnung von Oberbürgermeister Krause, den neuen Radweg für eine Busspur für den Schienenersatzverkehr temporär zu versetzen, Kritik ausgelöst hat.Die desaströse Haushaltslage der Stadt wird das Mobilitätsreferat in den kommenden Jahren allerdings dazu zwingen, wie in der Lindwurmstraße auf kostengünstigere und mildere Umbauten zu setzen, um die Infrastruktur für Fahrradfahrer zu verbessern. Dazu gehören auch weitere Anordnungen von Fahrradstraßen.Keine Verkehrstoten mehrEin weißes Fahrrad am Friedensengel erinnert an einen tödlichen Radunfall. Solche Mahnmale soll es künftig nicht mehr geben müssen. René HofmannSeit einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2018 wird der Radverkehr in München einem großen Ziel untergeordnet, der Vision Zero: Es soll künftig keine Verkehrstoten in München mehr geben. 2025 aber stieg die Zahl auf 19 Menschen an. Ein Großteil der Opfer waren Fahrradfahrer und Fußgänger. Neben dem Ausbau von sicheren Radwegen sollen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Straßen die Zahl der Verkehrstoten auf null senken.Mehr U-Bahnen für die StadtZwei große U-Bahnprojekte laufen auf Hochtouren: die Verlängerung der U5 vom Laimer Platz nach Pasing sowie die der U6 vom Klinikum Großhadern nach Martinsried. Dazu wird unter dem Hauptbahnhof vorsorglich der Rohbau eines U-Bahnhofs für die U9 eingezogen, einer geplanten Entlastungsspange für die Innenstadt. Ob diese und weitere Verlängerungen der U1 im Norden und Süden oder der U4 im Osten über Englschalking nach Riem jemals realisiert werden, steht aber noch in den Sternen.Zum Bau neuer Streckenabschnitte kommt eine zweite Mammutaufgabe auf Dunkel zu: die Instandsetzung der in die Jahre gekommenen Infrastruktur der U-Bahnhöfe. Derzeit werden die beiden Stationen Goetheplatz und Poccistraße saniert, mit gravierenden Auswirkungen für Pendlerinnen und Pendler noch bis ins kommende Jahr: Der U-Bahnverkehr zwischen Implerstraße und Sendlinger Tor ist unterbrochen. Der Mobilitätsreferent wird auch dafür sorgen müssen, dass bei all den Großprojekten der damit verbundene Ersatzverkehr mit Bussen reibungslos läuft.Denn wohl schon von 2028 an wird mitten in der Innenstadt einer der wichtigsten U-Bahnhöfe saniert: der Odeonsplatz. Damit verbunden ist an der Oberfläche der radikale Umbau der Ludwigstraße. Auf einer der bekanntesten Münchner Prachtstraßen soll es künftig nur noch zwei statt sechs Fahrspuren für Autos geben.Weitere Strecken für die TramMünchen setzt beim Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs weiter auf die Tram. Dabei muss der Mobilitätsreferent die Sorgen von Anwohnern ernst nehmen und deren Belastungen durch die oft langen Bauzeiten so gering wie möglich halten.Wie schwierig sich das gestaltet, ist beim Bau der Tram-Westtangente zu sehen, gegen die es enorme Widerstände gab und immer noch gibt. Mittlerweile fahren die ersten Züge zwischen Agnes-Bernauer-Straße und Ammerseestraße. Bis Ende 2028 sollen nach und nach die Trassenabschnitte von der Ammerseestraße bis zum Ratzingerplatz, der Agnes-Bernauer-Straße bis zum Romanplatz und schließlich vom Ratzingerplatz bis zur Aidenbachstraße in Betrieb gehen.Im vergangenen Jahr haben zudem die Arbeiten an der Tram Münchner Norden begonnen, die eine Verlängerung der bestehenden Linie 23 durch das neue Viertel in Neufreimann sowie die neue Linie 24 zwischen Kieferngarten und am Hart vorsieht. Eine Inbetriebnahme ist für 2029 vorgesehen.Für die Tram Johanneskirchen im Nordosten läuft derzeit das Planfeststellungsverfahren. Allerdings stehen alle weiteren Tram-Projekte der Stadt angesichts der Haushaltslage unter Vorbehalt.Sanierte Brücken für die AutosDie Hackerbrücke muss voraussichtlich von Mitte 2027 saniert werden. Robert HaasMünchens meist befahrene Brücke ist ein Sanierungsfall. Spätestens in 15 Jahren muss die Donnersbergerbrücke, die täglich von etwa 150 000 Fahrzeugen befahren wird, komplett neu gebaut werden. Bis es so weit sein wird, verlängert die Stadt mit Provisorien bis Ende des Jahrzehnts die Lebensdauer der etwas mehr als 1100 Meter langen und bis zu 47 Meter breiten Brücke des Mittleren Rings über das Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs.Die Donnersbergerbrücke ist aber bei Weitem nicht die einzige der weit mehr als 600 Brücken im Stadtgebiet, die in den kommenden Jahren fällig wird. Auch die Hackerbrücke, eines der markantesten Straßenbauwerke Münchens, muss voraussichtlich von Mitte 2027 an für etwa 50 Millionen Euro saniert werden. Mobilitätsreferent Dunkel sollte bei der Entscheidung, ob die Hackerbrücke danach nur noch für Fußgänger und Radfahrer oder auch wieder für Autos geöffnet wird, ein gewichtiges Wort mitreden.Sein Referat muss auch Lösungen finden bei der Verteilung des Verkehrs, wenn Brücken im Sanierungsfall – etwa auch die Thalkirchner Brücke von 2028 an – gesperrt werden müssen. Dann müssen Umleitungen geplant, eingerichtet und ausgeschildert werden.
Verkehrswende in München: Das sind die größten Baustellen
Mobilitätsreferent Georg Dunkel soll auch in den kommenden sechs Jahren verantworten, dass sich nicht zu viel aufstaut










