Veronika VöllingerWas wir über den Anschlag auf den CSD wissenEin weißer Transportwagen ist am späten Samstagabend am Berliner Tiergarten in eine Menschenmenge gefahren. Der Christopher Street Day wurde daraufhin abgebrochen. Nach dem Angriff mit dem Fahrzeug soll ein Täter weitere Menschen mit einer Stichwaffe verletzt haben.Eine Frau wurde getötet, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Keiner der Verletzten schwebt mehr in Lebensgefahr.Laut Bundeskanzler Friedrich Merz war die Tat ein »terroristischer-islamistischer Anschlag«. Der Generalbundesanwalt soll die Ermittlungen übernehmen.Der oder die Täter sind flüchtig. Die Polizei fahndet nach einem Verdächtigen, dem 21-jährigen Abdul B. Er soll aus dem islamistischen Milieu stammen und bereits für schwere Straftaten verurteilt worden sein. Nach Informationen der ZEIT hat im Tatfahrzeug ein weiterer, etwas älterer Mann gesessen. Die Ermittlungen laufen. Auch die Bundespolizei ist im Einsatz, an Bahnhöfen, Flughäfen und an den Grenzen. Die Polizei sucht nach Hinweisen. Zeugen können selbst aufgenommene Fotos oder Videos zum Tatgeschehen unter diesem Link hochladen. Ivana SokolaMerz besucht Tatort im TiergartenBundeskanzler Friedrich Merz hat den Tatort des Anschlags besucht. Der CDU-Politiker machte sich nach einer Gedenkandacht auf den Weg zu der Stelle im Tiergarten und legte Blumen ab. Unter anderem mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hielt er inne und gedachte der Opfer. Ivana SokolaCSD-Veranstalter mahnen, den Anschlag nicht zu instrumentalisierenDie Veranstalter des Christopher Street Day (CSD) in Berlin haben vor vorschnellen Urteilen und Wertungen gewarnt. »Wir wollen nicht, dass diese Tat für politische Zwecke instrumentalisiert wird oder Menschen unter Generalverdacht gestellt werden«, sagte ein Sprecher. »Hinter solcher Gewalt steckt der Versuch, unsere Gesellschaft zu spalten und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Das werden wir als Berliner CSD nicht zulassen.«Nötig seien jetzt Besonnenheit und Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen, sagte der Sprecher. »Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen, sondern warten die laufenden Ermittlungen der Polizei ab.« Klar sei, dass der Berliner CSD-Verein jede Form von Gewalt ablehne.„Religiöse oder rechte Ideologien verfolgen beide das Ziel, queere Menschen zu unterdrücken.“Sprecher des CSD BerlinAnastasia TikhomirovaMehrere Verfahren und Urteile gegen Tatverdächtigen Die Generalstaatsanwaltschaft hat Details zu früheren Strafen und der IS-Nähe des Tatverdächtigen Abdul B. veröffentlicht. Demnach sollen auf kleinere Straftaten Versuche gefolgt sein, sich dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Der Pressemitteilung zufolge verurteilte das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten B. zunächst im Februar 2022 wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung. Am 12. Mai 2026 wurde B. erneut verurteilt: Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet und in zwei Fällen gegen ein Vereinsverbot verstoßen hatte. Es verhängte eine Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, sollte erst nach einer sechsmonatigen Bewährungsprüfung entschieden werden.Außerdem habe sich Abdul B. in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 dem IS anschließen wollen. Ein erster Versuch, im Mai 2025 über die Türkei nach Mauretanien zu reisen, scheiterte. Am 20. Mai 2025 flog er dann über die Türkei in den Libanon. Von dort aus habe er nach Syrien weiterreisen wollen. Im Libanon nahm er Kontakt zu mehreren Personen auf, bei denen es sich möglicherweise um IS-Mitglieder handelte. Etwa zwei Monate später wurde er im Libanon festgenommen. Ein Militärgericht verurteilte ihn unter anderem wegen der Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten zu drei Monaten Haft. Nach seiner Entlassung kehrte er am 17. November 2025 nach Deutschland zurück. Am Flughafen Berlin-Brandenburg wurde er aufgrund eines Haftbefehls festgenommen und kam in Untersuchungshaft.Das Gericht sah es zudem als erwiesen an, dass B. am 16. und 24. Juni 2024 verbotene IS-Propaganda auf Instagram veröffentlicht hatte. Beim Strafmaß berücksichtigte das Gericht unter anderem seine Haftzeiten in Deutschland und im Libanon. Strafmildernd wirkte sich aus, dass Abdul B. sich im Prozess weitgehend geständig zeigte und sich vom IS distanzierte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, denn die Generalstaatsanwaltschaft Berlin hat Berufung dagegen eingelegt. Ivana SokolaSicherheitskonzepte für bayerische CSDs sollen überprüft werdenDer bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will die Sicherheitskonzepte für die bevorstehenden Veranstaltungen in seinem Bundesland überprüfen lassen. Man werde die bereits hohen Schutzmaßnahmen bei Bedarf weiter verstärken, kündigt er an. Hinweise auf konkrete Anschlagspläne in Bayern gebe es derzeit nicht – die Sicherheitsbehörden seien aber »hellwach und stehen im engen Austausch mit Bund und Ländern«. In Bayern stehen in den kommenden Wochen zahlreiche CSDs an, unter anderem in Nürnberg.Ivana SokolaTatfahrzeug für Untersuchungen abtransportiertDie Berliner Polizei hat das Tatfahrzeug – den weißen Transporter – inzwischen verladen. Das Fahrzeug werde abtransportiert, sagte ein Sprecher der Polizei laut der Nachrichtenagentur dpa. Auf einem sogenannten Sicherstellungsgelände würden dann Ermittlerinnen und Ermittler intensiv nach Spuren suchen.Anastasia TikhomirovaHunderte Hinweise bei Polizei eingegangenBis 16 Uhr sind 285 Hinweise im Hinweisportal der Polizei Berlin eingegangen. Das teilte diese auf Anfrage der ZEIT mit.Ivana SokolaMehrere Personen in GewahrsamDie Polizei hat nach dem Angriff am Rande des Christopher Street Day in Berlin mehrere Menschen in Gewahrsam genommen. Von Tatverdächtigen sprach Polizeisprecher Florian Nath nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa dabei aber nicht. Dennoch sagte er: »Wir haben immer noch die Ermittlungshypothese, dass es nicht nur ein Tatverdächtiger sein könnte.«»Wir haben mehrere Personen, die wir natürlich im Zusammenhang mit dieser ganzen Tat befragt haben, die wir auch teilweise im Gewahrsam hatten, die wir im Gewahrsam haben«, sagte Nath. Die Polizei müsse diesen Personen aber konkrete Tatverdachtsmomente zuordnen. Wenn sie das nicht könne, dann seien diese Personen nach Ablauf von 48 Stunden zu entlassen.Tilman SteffenGedenkandacht ruft zu Toleranz und Verantwortung aufBei einer Gedenkandacht in der Berliner Marienkirche spricht die evangelische Pastorin Julia Helmke über die Kraft der Liebe. »Hass schadet der Seele«, sagte sie. Die Andacht sei der Versuch, in Situationen wie diesen der Ratlosigkeit einen Kanal zu verschaffen, Antworten zu finden auf die Fragen, die sich stets nach solchen Taten stellen.Auch die Muslima Seyran Ateş sprach hier zu den Besucherinnen und Besuchern. Sie erinnerte an einen Koranvers, der das Töten von Menschen verurteilt. Muslime hätten eine besondere Verantwortung, religiösem Extremismus entgegenzutreten. Einem Teilnehmer des CSD, der zu Toleranz ermutigte, spendeten die Besucher spontan Applaus. In einem verlesenen Grußwort eines Rabbiners hieß es, Angst dürfe nicht darüber entscheiden, wer sich zeigen dürfe und wer nicht. In der ersten Reihe saß Bundeskanzler Friedrich Merz, dahinter die Minister für Inneres, Familien und Justiz – Alexander Dobrindt (CSU), Karin Prien (CDU), Stefanie Hubig (SPD).Ivana SokolaBundesanwaltschaft übernimmt ErmittlungenDie Bundesanwaltschaft wird die Ermittlungen zu dem Anschlag am Rande des Berliner Christopher Street Days übernehmen. Das kündigte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) an. »Der Innenminister hat bereits mitgeteilt, dass es sich um einen islamistischen Anschlag handelt. Der Generalbundesanwalt wird die Ermittlungen übernehmen«, sagte die SPD-Politikerin. »Natürlich werden wir die Verantwortlichen mit aller Härte verfolgen und dann auch vor ein Gericht stellen.« Noch ist die Berliner Generalstaatsanwaltschaft zuständig.Mehr dazu lesen Sie hier:Anastasia TikhomirovaMerz appelliert an Bürger, sich nicht einschüchtern zu lassenBundeskanzler Friedrich Merz hat in einem Pressestatement kurz vor einem Gedenkgottesdienst dazu aufgerufen, sich durch »solche Taten« nicht einschüchtern zu lassen. Solche Taten hätten nur einen Zweck, sagte Merz. »Sie wollen unsere Gesellschaft spalten, sie wollen uns das Wichtigste nehmen, was wir haben, nämlich unsere Offenheit und unsere Freiheit.«Er wolle den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD hier in Berlin und in ganz Deutschland zurufen: »Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.« Diese Straftäter und Extremisten hätten keinen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft. »Wir sind mehr, wir sind stärker, und wir halten in unserem Land zusammen«, sagte Merz. Man werde »die Freiheit, Offenheit, Liberalität unseres Lebens und unserer Gesellschaft« verteidigen.Merz sprach von einem islamistischen terroristischen Anschlag und kündigte Konsequenzen an, ohne dabei konkreter zu werden. »Wir werden nicht zulassen, dass das Gift des Terrorismus um sich greift in unserer Gesellschaft«, sagte der Kanzler.Anastasia TikhomirovaBundesopferbeauftragter bietet Hilfen nach CSD-AngriffDer Bundesopferbeauftragte Roland Weber hat Betreuung für Opfer und Angehörige des Anschlags in Aussicht gestellt. Er und sein Team würden in Berlin psychosoziale, praktische und finanzielle Hilfe an Betroffene vermitteln.Auch Bundesjustizministerin Stefanie Hubig, in deren Haus die Stelle des Bundesopferbeauftragten angesiedelt ist, zeigte sich erschüttert von der Tat. Anastasia TikhomirovaSchwerverletzte außer LebensgefahrDie Polizei hat mit Blick auf die Schwerverletzten Entwarnung gegeben. Sie seien nicht mehr in Lebensgefahr, sagte ein Sprecher der Polizei. Niemand der Verletzten in den Krankenhäusern sei momentan in einem kritischen lebensbedrohlichen Zustand. Henrik OerdingVerdächtiger soll seit Jahren als Gefährder bekannt seinDer flüchtige Tatverdächtige soll den deutschen Sicherheitsbehörden einem Bericht zufolge seit Jahren als islamistischer Gefährder bekannt sein. Abdul B. sei bereits als Jugendlicher in der islamistischen Szene Berlins aufgefallen und ab dem 16. Lebensjahr von Sicherheitsbehörden erfasst worden, berichten Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR.Wegen der Vorbereitung einer terroristischen Straftat sei B. im Mai 2026 zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt, aber auf »Vorbewährung« entlassen worden. Er habe die Auflage erhalten, an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen. Das Urteil ist dem Bericht zufolge noch nicht rechtskräftig.B. sei teilweise observiert worden, außerdem sei sein Telefon überwacht worden, berichtet der Rechercheverbund. Die Sicherheitsbehörden schätzten ihn demnach als radikalisiert und gewaltbereit ein. Er soll versucht haben, nach Syrien auszureisen, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Nach einem Hinweis deutscher Behörden sei B. im vergangenen Jahr im Libanon festgenommen und zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt worden.Die auf Extremismusprävention und Deradikalisierung spezialisierte Organisation Violence Prevention Network bestätigte der ARD, zwei Treffen mit B. abgehalten zu haben. Der Mann sei »nicht fassbar« und »undurchschaubar« gewesen, sagte Thomas Mücke, der Leiter der Organisation, dem ARD-Magazin Report Mainz. In dieser sogenannten Clearing-Phase sei geprüft worden, ob der Mann als Beratungsfall in Betracht komme. Das wäre abschließend erst in einem dritten Gespräch entschieden worden.Tilman SteffenTrauer im TiergartenIm Berliner Tiergarten zeigen viele Menschen ihre Anteilnahme. An Bäumen und Hinweisschildern stellen sie Blumen und Kerzen auf. Den Weg des Tatfahrzeugs zum Tatort hat die Polizei mittlerweile freigegeben. Am Tatort herrscht eine gedrückte Stimmung. Spaziergänger stehen an der Polizeiabsperrung. Journalisten machen Fotos. Der weiße Kleintransporter des Täters ist noch dort zu sehen, wo er an einem Baum zu stehen kam. Die Polizei sichert diesen Bereich ab. Farbig markiert sind gesicherte Spuren, und auch die Fahrt des Transporters durch den Park – teils durch Buschwerk entlang des Gehwegs – lässt sich nachvollziehen. Mehr ladenTickarooLive Blog Software