Nach dem Anschlag auf Leib und Leben von Menschen beim Berliner Christopher Street Day (CSD) führte eine erste Spur zu einem islamistisch eingestellten jungen Mann; eine zweite führt zu Nietzsche. Sein Name fiel schon, als der CSD und dessen jüngere Schwester, die Love Parade, um die Jahrhundertwende herum so große, bunt-vielfältige, der reinen Lust, aber eben auch der Friedfertigkeit verpflichtete Paraden wurden, die man im Behördendeutsch freilich immer noch „Kundgebungen“ nennt. Auch das Unordentliche will ordentlich angemeldet sein. Die bürgerlich-reservierte Frage, was es da eigentlich immer zu feiern gebe, beantwortete sich von selbst, tautologisch: das Leben als solches, sich selbst.Man sah dabei Teilnehmer mit T-Shirts, auf denen das „Zarathustra“-Zitat stand: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Diesem Spruch, mehr Poesie als Philosophie, brauchte man nicht weiter auf den Grund zu gehen; er schien wie geprägt für die seins- und sich selbst vergessende Ausgelassenheit, dieses Wie-von-Sinnen-Sein, wie Nietzsche und sein Zarathustra es gepredigt hatten. Von außen wurde damals weiteres Nietzsche-Material an solche Veranstaltungen herangetragen: „Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: Er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen.“ Wer die „Geburt der Tragödie“ kannte, für den lag es auf der Hand, daraus zu zitieren, um sich einen Reim darauf zu machen, wenn die „Feierbiester“ (Ex-Bayern-München-Trainer van Gaal) auf die Straße gingen.Menschen, die niemandem etwas getan habenDies ist die lichte, harmlose Seite und war es noch, bis am Samstagabend in Berlin dieser eine Mann mit einem gemieteten Kleintransporter gezielt in Menschen fuhr, die niemandem etwas getan hatten. Warum? Wahrscheinlich aus Ressentiment, das Nietzsche vor allem im Hinblick auf das Christentum und dessen Sexualmoral ausbuchstabiert hat und das aus der von der geistlichen Obrigkeit erzwungenen Triebunterdrückung resultierte.Man wird es, Nietzsche weiterdenkend, längst auch für islamistisch motivierte Anschläge geltend machen können, deren Ziele – ein Vergnügungsetablissement wie das Pariser Bataclan 2015, im Jahr darauf am Nationalfeiertag auf der Promenade von Nizza – ein auffälliges Muster verraten. Dergleichen nährt sich vom Hass, einem tief sitzenden und manchmal nicht mehr zu bändigenden Hass auf Lust und Leben, besonders auf die, die sich die Freiheit nehmen (und denen sie gewährt wird), sie auszuleben. Dabei ist, wie gerade in Berlin, immer viel Musik im Spiel – bis sich, wenn die Feier der Triebe zum unaushaltbaren Vorwurf für die Zu-kurz-Gekommenen wird, die Tragödie ereignet.