Regieren und schweigen: Pogacars Chef Mauro Gianetti ist trotz zweifelhafter Vergangenheit einer der mächtigsten Manager im RadsportTadej Pogacar gewinnt zum fünften Mal die Tour de France und steigt zum Rekordsieger auf. Stets an seiner Seite bei allen Triumphen: ein ehemaliger Tessiner Radprofi, der im Hintergrund die Fäden zieht.26.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMauro Gianetti (rechts) hat mit Tadej Pogacar den besten Velofahrer der Gegenwart in seiner Mannschaft.Garnier Etienne / ImagoTadej Pogacar hat einen weiteren Rekord eingestellt. Er hat jetzt fünfmal die Tour de France gewonnen. Zwar steht am Sonntag noch die Schlussetappe rund um Paris auf dem Programm. Doch traditionellerweise wird der Gesamtführer auf diesem Teilstück nicht mehr angegriffen. Der Slowene Pogacar war an dieser Tour noch dominanter als bei seinen bisherigen Triumphen. Er brachte die Gegner schon in der ersten Woche am Tourmalet zur Verzweiflung und siegte magistral auf der zweitletzten Etappe in den Alpen, die auf die legendäre Alpe d’Huez führte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Bestmarke für die meisten Gesamtsiege an der Tour teilt er sich zwar mit Miguel Indurain oder Eddy Merckx. Noch. Doch Pogacar wird im September erst 28 Jahre alt. Kaum jemand zweifelt daran, dass er – vielleicht schon nächstes Jahr – alleiniger Rekordsieger der wichtigsten Rundfahrt des Jahres sein wird.Stets an der Seite des Champions ist ein Schweizer, der während seiner eigenen Profikarriere selten als Champion in Erscheinung getreten ist: Mauro Gianetti, 62 Jahre alt. Dem Tessiner sieht man seine Vergangenheit an, er ist hager, wirkt immer noch durchtrainiert. An der Tour de France hält er sich im Hintergrund, überlässt die Bühne dem Superstar Pogacar. Meistens gibt Gianetti nur vor und nach den Etappen über sportliche Sachen Auskunft: die Erfolge, eine Verletzung, die Taktik seines Teams UAE Emirates. Er ist der Direktor und CEO der Equipe, ein Patron – der erfolgreichste im Geschäft.Plötzlich gewinnt er das härteste Monument im KalenderIn seiner Zeit als Rennfahrer dauerte es, bis Gianetti sportliche Meriten einfuhr. 1995 wechselt er das Team und explodiert sportlich. Innerhalb von acht Tagen triumphiert er beim Flèche wallonne und an der Classique Lüttich–Bastogne–Lüttich, die viele für das härteste Rennen im Kalender halten. Mit 31 Jahren gelingt Gianetti dieses Kunststück, das zuvor erst der grosse Eddy Merckx geschafft hatte. Die 1990er und 2000er sind die dopingverseuchten Jahre des Radsports, Gianetti ist in dieser Zeit Profi, wird nach der Karriere Teammanager.1996 gewinnt er an den Weltmeisterschaften im heimischen Tessin überraschend die Silbermedaille im Strassenrennen. Die Zäsur folgt zwei Jahre später an der Tour de Romandie. Gianetti bricht am Col des Planches zusammen, kämpft während zehn Tagen im Universitätsspital Lausanne um sein Leben. Die Ärzte unterstellen ihm den Konsum des damals neuen Dopingmittels Perfluorcarbon.Gianetti bestreitet das bis heute und wird auch nie positiv getestet. Die Mediziner von damals verklagt er später wegen angeblicher Falschaussage, ein Gericht untersagt die Aufhebung der Schweigepflicht. Der Fall ist erledigt, doch Gianetti wird heute noch darauf angesprochen. Zum Beispiel an der Tour de France auf der Alpe d’Huez, wo er der «Equipe» ein Interview gewährt. Gianetti sagt: «Das ist Privatsache. Was ich dazu sagen möchte, habe ich gesagt.»Gianetti (rechts) während einer Konferenz des Weltverbandes UCI. Das Thema: Dopingbekämpfung.Salvatore Di Nolfi / KeystoneZahlreiche ehemalige Doper sitzen heute in Schlüsselpositionen in den TeamsViele einstige Profis mit zweifelhafter Vergangenheit bewegen sich noch immer im Radsport, sie sind sportliche Leiter, Teamchefs oder Trainer. Das lässt sich kaum verhindern: In diesen Positionen braucht es Personen, die Eigenheiten und Taktiken des Radsports aus eigener Erfahrung kennen. Jonathan Vaughters, der Manager von EF Education-Easy Post, gehörte zum Dunstkreis von Lance Armstrong; Grischa Niermann, der Rennchef von Visma – Lease a Bike, dopte mit EPO; ebenso Rolf Aldag, bis im vergangenen Jahr der sportliche Leiter von Red-Bull-Bora-Hansgrohe. Sie alle haben die Einnahme verbotener Substanzen eingeräumt, sich teilweise entschuldigt. Gianetti verzichtet darauf, bis heute bestreitet er, jemals gedopt zu haben. Das ist sein gutes Recht, doch die Vergangenheit bleibt haften.Gianetti sagt, er habe in den mehr als zwei Jahrzehnten als Funktionär gute Sachen, aber auch Fehler gemacht. In letztere Kategorie gehört das Engagement als Teammanager bei Saunier Duval. An der Tour de France 2008 kommt es zu mehreren Dopingfällen im Team, unter anderem erwischen die Kontrolleure den Captain Riccardo Riccò.Gianetti wird an der Tour de France temporär zur Persona non grata erklärt, der Tour-Direktor Christian Prudhomme nennt ihn einen «Mann von schlechtem Ruf». Gianetti wusste nach eigenen Angaben nichts von den Vorgängen in seinem Team. Er sagt, er habe den Fehler gemacht, die betroffenen Radprofis für seine Equipe zu verpflichten.Gianetti bringt dem Radsport Hunderte Millionen an SponsorengeldernUnbestritten ist, dass Gianetti in seiner Managerkarriere auch «gute Sachen» gemacht hat, wie er es nennt. 2016 steht die Equipe Lampre-Merida vor dem Ruin, weil sich der Hauptsponsor zurückgezogen hat. Es ist ein Vorgang, der im Radsport oft vorkommt, weil Teams fast vollständig von Sponsorengeldern abhängig sind. Gianetti ist schon damals mit seiner Beraterfirma in den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv. Er stellt den Kontakt zu einem Bauunternehmer aus dem Wüstenstaat her – der Ursprung des heutigen Spitzenteams UAE Emirates.Während der Tour de France 2020 sagte Gianetti zur NZZ, er habe dem Radsport 250 Millionen Euro Sponsorengeld zugeführt. An dieser Tour nennt er die Summe von 600 Millionen. Die Öl-Millionen sprudeln, Fachmedien schätzen das Jahresbudget von UAE Emirates auf 55 bis 60 Millionen Euro. Sie haben es Gianetti ermöglicht, ein Spitzenteam aufzubauen und Pogacar zum dominantesten Fahrer seit Jahrzehnten zu entwickeln.Doch auch Gianetti kann nicht verhindern, dass manche an Pogacars Leistungen zweifeln, weil er Bestzeiten aus der Doping-Ära an verschiedenen Anstiegen gebrochen hat. Zum Beispiel am Plateau de Beille in den Pyrenäen 2024 oder heuer an der Alpe d’Huez, die er 1:13 Minuten schneller bewältigte als Marco Pantani 1995. Es gibt weder positive Tests noch Anzeichen für Betrug in Pogacars Karriere. Gianetti sagt: «Tadej ist so stark, dass er auch in jedem anderen Team von Zweifeln begleitet würde.»Er hat statt der Vergangenheit lieber die Zukunft im Blick. Sein Team sichert sich an dieser Tour sogar zwei Podestplätze. Isaac Del Toro, 22 Jahre alt, wird Gesamtdritter. Gianetti räumt nach einer Etappe auch ein, dass seine Mannschaft Interesse am 19-jährigen französischen Supertalent Paul Seixas hat. Der Vierte der Tour de France gilt als Pogacars aussichtsreichster Nachfolger als Seriensieger. Zumindest am Geld wird der Transfer nicht scheitern – Gianetti wird es mit Sicherheit auftreiben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Tour de France 2026: Mauro Gianetti zieht bei Pogacars UAE-Team die Fäden
Tadej Pogacar gewinnt zum fünften Mal die Tour de France und steigt zum Rekordsieger auf. Stets an seiner Seite bei allen Triumphen: ein ehemaliger Tessiner Radprofi, der im Hintergrund die Fäden zieht.















