Vieles war so wie immer, als Tadej Pogacar auf rund 1200 Metern Höhe in Le Lioran vors Mikrofon trat. Es war das Ende eines Tages, an dem er mal wieder unangreifbar gewesen war, sein dritter Etappensieg bei der laufenden Tour und ein Ausbau des Vorsprunges in der Gesamtwertung auf 3:36 Minuten inklusive. Ein „unglaublicher Tag“ sei das gewesen, ein „super Job vom Team“ und ein richtig schweres Rennen, das hat er so gefühlt schon 1200 Mal erzählt. Und doch war während und nach dem Ritt durchs Zentralmassiv etwas anders, und es war so anders, dass es Tadej Pogacar direkt ansprach.Es ging ihm um Unmutsbekundungen vom Streckenrand – auch wenn Pogacar natürlich geschickt genug war, das nicht als Klage zu intonieren, sondern sofort in seinem Sinne umzudeuten. Er wolle sich bei den Fans bedanken, trug er vor, es habe eine fantastische Atmosphäre geherrscht, und übrigens danke er sogar denjenigen, die gebuht hätten: „Sie haben uns mehr Energie gegeben.“Der Slowene hat nicht quantifiziert, wie oft er das wahrgenommen hat. Bei einer solchen Etappe stehen Hunderttausende Menschen am Straßenrand, oft in ausgelassener Stimmung und erst recht am französischen Nationalfeiertag wie am Dienstag. Da ist es naheliegend, dass neben vielen Fahnenschwenkern und Pappkartonzeigern auch einzelne Zuschauer darunter sind, die mal ihren Unmut ausdrücken. Und doch kommt es in der Gesamtschau nicht von ungefähr, dass Pogacars Sensorium gerade jetzt anschlägt.Viermal schon hat Tadej Pogacar, 27, die Tour de France gewonnen, nie schien seine Dominanz so groß zu sein wie nun auf seinem Weg zum fünften Triumph. Beim Teamzeitfahren an Tag eins hatte der weithin als größter Rivale eingeschätzte Däne Jonas Vingegaard mit seiner Visma-Equipe zwar knapp die Nase vorne. Doch seit dem zweiten Tag gestalten Pogacar und seine UAE-Equipe alles nach Belieben. Schon vier Etappen gingen an das Team, drei an den Slowenen selbst.Radsport:Etappenplan der Tour de France 2026: Alle Etappen im ÜberblickAm 4. Juli startete die Tour de France 2026 in Barcelona, 21 Etappen stehen auf dem Programm. Der Etappenplan im Überblick.Dessen Leistungen sind dabei mal wieder ungemein spektakulär: Auf der Pyrenäen-Etappe erreichte er bei der Überfahrt über den Col du Tourmalet einen neuen Rekord für diesen Klassiker-Anstieg. Nach 43:12 Minuten war er oben und damit mehr als zwei Minuten schneller als bei dem von ihm selbst aufgestellten Bestwert vor zwei Jahren (und mehr als vier Minuten schneller als die Hochdoper um Lance Armstrong zu Beginn des Jahrtausends).Anders als bei Leichtathletik-Wettbewerben auf der Tartanbahn sind direkte Quervergleiche im Radsport zwar immer etwas schwieriger, weil Wetter, Rennverlauf und Streckenführung eine gewaltige Rolle spielen. Ein strammer Fingerzeig auf ein neues ungewöhnliches Leistungsniveau ist das gleichwohl, wobei zum ganzen Bild gehört, dass Pogacar nicht der Einzige war, der den Rekord unterbot, sondern die anderen starken Klassementfahrer ebenfalls unter der alten Marke blieben, wenngleich erheblich knapper.Pogacars Leistungsdaten wirken im Vergleich zu jenen der Spitzenfahrer von vor zehn Jahren unmenschlichOder ein anderes Beispiel, am Dienstag auf dem Weg nach Le Lioran, als Pogacar am Col de Petrus die entscheidende Attacke setzte: Die letzten 1200 Meter, im Schnitt fast zehn Prozent steil, fuhr er in drei Minuten, also mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ungefähr 24 km/h. Mehr als eine Dreiviertelminute machte er auf dieser kurzen Strecke auf den Ausreißer Richard Carapaz gut und etwas mehr als 20 Sekunden auf die anderen Spitzenfahrer.Man kann die exakten Leistungswerte von außen nie genau berechnen, weil die Teams entscheidende Werte nicht veröffentlichen. Aber nach dem, was bekannt ist, kommen Sportwissenschaftler auf einen Wert von rund 8,4 Watt pro Kilogramm in diesem 1200-Meter-Teilstück. Den fast 18 Kilometer langen Tourmalet bezwang er demnach mit fast 6,4 Watt pro Kilogramm. Das liegt beides weit über dem, was noch vor zehn Jahren als menschlich erreichbar galt.Bekanntes Bild: Tadej Pogacar kommt auch in Le Lioran am französischen Nationalfeiertag als Erster ins Ziel. Mosa'ab Elshamy/AP PhotoSeitdem Pogacar 2020 erstmals die Frankreich-Schleife gewann und die Radszene aufschreckte, hat sich wie in einer Dauerschleife dieser Gegenschnitt eingespielt. Auf der einen Seite genießt er den Status eines „Wunderkindes“, das nie positiv aufgefallen ist und Doping selbstredend immer bestritten hat. Auf der anderen Seite begleiten ihn die Zweifel permanent: wegen der Vergangenheit des Radsports, wegen seiner immer stärkeren Leistungen, wegen seines Umfeldes, in dem Leute wie Mauro Gianetti und Matxin Fernandez das Sagen haben. Das Duo steuerte in den verseuchten Nullerjahren das Skandalteam Saunier Duval, wo es zu vielen Dopingfällen kam (womit sie aber nichts zu tun hatten, wie sie immer beteuerten).Auch im Fahrerfeld ist manch einer irritiert über Pogacars zunehmende Dominanz. Wobei zumindest ein Teil dieser Dominanz auch mit der Strategie des Dänen Vingegaard zu erklären ist: Der hatte im Frühjahr nämlich bereits den Giro d’Italia bestritten und souverän gewonnen, und zumindest zur Tour-Hälfte sieht es so aus, als habe er sich damit eher übernommen, als einen guten Grundstein für einen Angriff auf Pogacar zu legen. Vingegaard scheint nun gegen Rivalen wie den Belgier Remco Evenepoel (30 Sekunden hinter dem Visma-Leader), den Spanier Juan Ayuso (46), den Franzosen Paul Seixas (59) oder den Deutschen Florian Lipowitz (66) sogar um Platz zwei fürchten zu müssen.Aber all das spielt hinein, wenn Pogacar nun am Streckenrand Buhrufe vernimmt. Das Radsport-Publikum ist recht speziell, das französische allzumal. Es ist sehr fanatisch, sehr leidenschaftlich, und es verzeiht dem Peloton auch allerlei Dopingsünden und andere schräge Vorgänge. Pogacar wiederum kommt mit seiner lässig-freundlichen Art eigentlich gut an. Doch ein Großteil des Publikums will bei der Tour neben aller Volksfest-Attitüde auch das Gefühl haben, einem wirklichen Wettbewerb beizuwohnen. Wenn es zu monoton und zu vorhersehbar wird, wird es irgendwann zu viel des Guten – das haben in der Vergangenheit auch schon Lance Armstrong oder Christopher Froome zu spüren bekommen.Rund eine halbe Stunde nach seinen ersten Bemerkungen zu den Buhrufen ist Pogacar bei der Pressekonferenz in Le Lioran noch einmal zu diesem Thema gefragt worden. Im Radsport sei im Prinzip alles gut, führte er da aus. Im Tennis oder im Fußball würde es naturgemäß viel mehr Buhrufe geben, im Radsport seien doch 99 Prozent der Fans klare Unterstützer. Und außerdem sei es doch so: Wenn man ihn ausbuhe, buhe man im Prinzip das ganze Feld aus, weil man zusammen an den Zuschauern vorbeifahre.Dieser Interpretation dürften sich jedenfalls nicht viele aus dem Feld anschließen.
Tour de France: Tadej Pogacar ist so dominant wie nie - und hört Buhrufe an der Strecke
Drei Etappensiege, mehr als dreieinhalb Minuten Vorsprung: Tadej Pogacar beherrscht das Peloton auf dem Weg zu seinem fünften Tour-Triumph nach Belieben. Doch dabei registriert er nun Unmut am Streckenrand.














