Tadej Pogacar wird Rekordsieger der Tour de France – er hat sich vom Sonnyboy zum Leader entwickeltDer 27-jährige Slowene triumphiert zum fünften Mal bei der wichtigsten Rundfahrt des Radsports. Er dominiert derart, dass sogar ein Kleidungsstück die Hoffnung auf die Wende nährt.26.07.2026, 19.01 Uhr5 LeseminutenWie 2020, 2021, 2024 und 2025 gewinnt Tadej Pogacar, in gelb, die Tour de France auch 2026.Gonzalo Fuentes / ReutersDer Grad der Verzweiflung von Tadej Pogacars Gegnern an dieser Tour de France lässt sich an einer Velohose ablesen. Pogacar, 27 Jahre alt, hat in seiner Karriere an 71 Tagen das Maillot jaune getragen, das gelbe Leadertrikot des wichtigsten Velorennens der Welt. Meist kombinierte er es mit einer gleichfarbigen Hose. Doch am vergangenen Donnerstag, vor der 18. Etappe, rollt Pogacar in Voiron plötzlich in schwarzen Shorts an die Startlinie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Erklärung für den Stilbruch macht bald die Runde: In Pogacars Team UAE Emirates kursiere ein Magen-Darm-Virus, ausgerechnet vor drei harten Alpenetappen zum Abschluss. Ob auch der Slowene betroffen ist, bleibt offen, obschon manche die schwarze Hose als präventive Massnahme deuten und spekulieren, der Ausgang der Tour de France sei offener als jemals in den zweieinhalb Wochen zuvor.Dass schon eine mögliche Erkrankung Pogacars reicht, dass bei den Gegnern Hoffnung aufkeimt, verdeutlicht dessen Dominanz an dieser Tour. In Pogacars Team gibt es in der Schlusswoche zwar Krankheitsfälle durch einen grippalen Infekt, ein Fahrer leidet tatsächlich an Magen-Darm-Problemen. Pogacar hingegen wirkt wie immer: locker, fokussiert, überlegen. Wahrscheinlicher ist, dass er mit der Kleiderwahl Fans, Gegner und Medien narrt. Weil er genau weiss, dass die Öffentlichkeit während der Tour jedes Detail ventiliert – selbst eine andersfarbige Hose.In jedem Gebirge gewinnt er eine BergankunftPogacar hat sich in den letzten Jahren ein Lausbuben-Image zugelegt, treibt bisweilen Spässe mit Teamkollegen oder Gegnern. 2024 griff er während der Katalonien-Rundfahrt aus dem Nichts an, nur um sich wenige hundert Meter weiter schmunzelnd in einem Gebüsch zu verstecken. Das führt dazu, dass Pogacar im Peloton anders als frühere Champions beliebt ist, die Konkurrenten ihm die Erfolge gönnen. Was soll ihnen auch anderes übrigbleiben?Auf den abschliessenden drei Bergetappen der Tour de France bleiben jegliche Anzeichen dafür aus, dass Pogacar nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist. So nehmen die Dinge ihren Lauf, wie meist, wenn er am Start steht: Pogacar fährt zum dritten Mal in Serie im Maillot jaune auf die Champs-Élysées in Paris.Er legt die Basis für den fünften Gesamtsieg an der Tour seit 2020 schon in der ersten Woche, als er die Gegner auf der ersten Pyrenäen-Etappe am Col du Tourmalet, dem ersten ernsthaften Hindernis der Tour, mühelos distanziert. Pogacar gewinnt in der Folge auch Bergankünfte im Massif central und in den Vogesen, triumphiert in jedem der vier französischen Gebirge.Das Meisterstück liefert er am vergangenen Freitag ab, als er an der legendären Alpe d’Huez vor 600 000 Zuschauerinnen und Zuschauern 13 Kilometer vor dem Ziel attackiert, die Ausreisser, zwei renommierte Bergfahrer, mühelos einholt und distanziert. Es ist sein erster Sieg auf einer Etappe mit Ankunft auf der Alpe d’Huez; ein Triumph dort gilt als besonders prestigeträchtig. Im Vorbeifahren hakt er ein weiteres Karriereziel ab.Pogacar hat sogar noch die Kapazität, Helferdienste zu verrichtenEr ist nun zusammen mit Miguel Indurain, Jacques Anquetil, Eddy Merckx und Bernard Hinault der Rekordsieger der wichtigsten Rundfahrt des Jahres. Wenige zweifeln daran, dass Pogacar schon im nächsten Jahr alleiniger Rekordhalter werden könnte.Dass dieser Tour-Sieg so ungefährdet zustande kommt, liegt auch daran, dass Pogacar während der 21 Etappen die Herausforderer ausgehen. Jonas Vingegaard, der ihn 2022 und 2023 an der Tour bezwungen hat, stürzt auf der 15. Etappe nach einem nächtlichen Dopingtest und bricht sich das Schlüsselbein. Der zweitplatzierte Remco Evenepoel und der französische Hoffnungsträger, der 19-jährige Paul Seixas, hingegen sehen bald einmal ein, dass sie zwar stark, aber nicht stark genug sind für den Kampf um den Gesamtsieg.Das erlaubt es Pogacar sogar, auf der Königsetappe am vergangenen Samstag Helferdienste für seinen aufstrebenden Teamkollegen Isaac Del Toro zu verrichten. Pogacar fährt auf der härtesten Etappe dieser Tour während mehr als 60 Kilometern im Wind, führt seinen Compagnon über den Col de Sarenne und zum zweiten Mal auf die Alpe d’Huez – und lässt dafür die Chance auf einen weiteren Etappensieg verstreichen. Der 22-jährige Mexikaner Del Toro beendet seine erste Tour de France dank Pogacars Hilfe als Dritter.Tadej Pogacar und sein Teamkollege Isaac Del Toro fahren gemeinsam über die Ziellinie, nachdem der Favorit Pogacar Del Toro Helferdienste geleistet hat.David Pintens / ImagoPogacar ist zu einer wichtigen Stimme im Peloton gewordenDass sich Pogacar auch für Helferdienste nicht zu schade ist, verdeutlicht, dass das Bild des pedalierenden Sonnyboys zu kurz greift. In den letzten Jahren hat sich Pogacar zum Leader entwickelt, zu einer Persönlichkeit, die auch Kritik übt an Rennorganisatoren oder Funktionären. Er kritisierte an dieser Tour die nächtliche Dopingkontrolle bei seinem grossen Rivalen Vingegaard und forderte Verbesserungen im Umgang mit Etappen bei grosser Hitze, welche die ersten beiden Tour-Wochen geprägt hatte.Im Ziel der 20. Etappe auf der Alpe d’Huez erwähnt Pogacar jeden seiner Teamkollegen namentlich, bedankt sich für die Hilfe, führt aus, was sie alles für ihn erledigt haben in diesen drei Wochen. Ganz anders der zweitplatzierte Evenepoel, der vor allem von sich spricht und herausstreicht, wie gross der Anteil der belgischen Trainer an seinem Erfolg sei – die er selbst zum Team Red Bull-Bora-Hansgrohe mitgebracht hat.Pogacars Auftreten, die Nahbarkeit, der Humor bringen ihm in der Öffentlichkeit und auch bei den Konkurrenten Sympathien ein. Leistungen wie seine wecken im Radsport mit seiner dopingverseuchten Geschichte zwar stets Zweifel, auch, weil sich in seiner Equipe einige Funktionäre mit zweifelhafter Vergangenheit finden. Pogacar wurde aber nie positiv getestet. Anders als in früheren Fällen gibt es im Tour-Tross keine Gerüchte, dass er zu unerlaubten Mitteln greife.Pogacar soll so hart trainieren und auch innerhalb seines Teams derart überlegen sein, dass sich die Mannschaftskollegen in Trainingslagern abwechseln bei der Begleitung des Superstars. Der verweist bei kritischen Fragen auf verbesserte Trainingsmethoden, die immensen Entwicklungen bei der Ernährung und der Regeneration.Womöglich ist die Erklärung für seine Dominanz banaler: dass mit diesem Tadej Pogacar einfach ein Jahrhunderttalent auf den Landstrassen der Welt unterwegs ist.Passend zum Artikel