Die Nato präsentiert sich so geschlossen wie lange nicht. Doch hinter der demonstrierten Einigkeit wachsen die strategischen Widersprüche des Bündnisses. Auf dem Gipfel in Ankara im Juli wurde keine der grundlegenden Fragen der europäischen Sicherheit ernsthaft diskutiert. Stattdessen verpflichteten sich die europäischen Mitgliedstaaten unter dem Schlagwort der „Lastenverlagerung“ erneut dazu, ihre Militärausgaben zu erhöhen, die Finanzierung von Rüstungsbeschaffungen stärker zu koordinieren und auf die wahrgenommenen Herausforderungen durch äußere Mächte mit einer verstärkten Militarisierung zu reagieren.
Die Entwicklung der Nato hat sich gewissermaßen im Kreis geschlossen. Die Nato 1.0 war im Kalten Krieg verwurzelt – in der militärischen und ideologischen Konfrontation mit der Sowjetunion. Sie versprach, Freiheit, Demokratie, individuelle Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen. Diese Werte wurden jedoch schon bald dem Kampf gegen den Kommunismus untergeordnet – einschließlich der Bekämpfung linker Bewegungen und der Zusammenarbeit mit rechtsgerichteten Diktaturen.
Die Nato auf der Suche nach einer neuen Rolle
Anstatt sich nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 und dem Zerfall der Sowjetunion 1991 aufzulösen, suchte die Nato 2.0 nach einer neuen Rolle in der Phase, die heute häufig als „kalter Frieden“ bezeichnet wird. Das Bündnis engagierte sich in Einsätzen außerhalb seines eigentlichen Bündnisgebietes und in sogenannten humanitären Interventionen – darunter die Bombardierung Jugoslawiens 1999, der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan sowie die Zerschlagung des libyschen Staates im Jahr 2011.






