KommentarNun sag, liebe Nato, wie hast du’s mit der Willenskraft?Die westliche Allianz rüstet auf und beschwört am Gipfel in Ankara ihre Einheit. Aber die sicherheitspolitische Gretchenfrage bleibt unbeantwortet. Wäre die Nato im Ernstfall handlungsfähig? Im Moment spricht vieles dagegen.09.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenNervöse Seitenblicke auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump: Das angespannte Verhältnis zwischen Europa und Amerika hat den Nato-Gipfel in Ankara überschattet.Georgi Licovski / EPAWas der Inbegriff einer entscheidenden, aber unbequemen Frage ist, hat Goethe in seinem «Faust» vorgeführt: Seine Hauptfigur hat alles studiert, ist weltgewandt und beeindruckt mit ihrer «Rede Zauberfluss». Aber auf Gretchens Frage nach seiner Religiosität hat Faust nur Ausflüchte parat. An einem ähnlichen Paradox leidet das westliche Verteidigungsbündnis Nato. Auf dem Papier vereinigt sie einige der finanzstärksten Länder in einer unschlagbaren Allianz. Ihr Generalsekretär Mark Rutte – auch er ein Meister der Rhetorik – pries am Gipfeltreffen von Ankara das «riesige Gefühl der Einheit» der Nato. Diese bezeichnete er im Brustton der Überzeugung als «stärker denn je».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Allein, es fehlt der Glaube. Die Nato krankt an einem Glaubwürdigkeitsproblem, das in den vergangenen Jahren nicht kleiner, sondern grösser geworden ist. Ihr Kern besteht im berühmten Artikel 5 des Nordatlantikpakts: dem Versprechen, einander bei einem Angriff von aussen militärisch beizustehen. Das verlangt den Mitgliedern letztlich Enormes ab. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges fragte de Gaulle den Amerikaner Kennedy, ob dieser bereit wäre, im Ernstfall New York zu opfern, um Paris zu retten. Die Antwort ist nicht überliefert, aber zumindest wirkte die Nato damals entschlossen genug, um die Sowjets abzuschrecken.Die Militärausgaben wachsen, aber Schwächen bleibenDie sicherheitspolitische Gretchenfrage an die Nato lautet deshalb: Wie hast du’s mit der Willenskraft? Wachsende Militärbudgets und boomende Rüstungskonzerne sind keine Garantie dafür, dass drei Grundvoraussetzungen für eine entschlossene Verteidigung erfüllt sind: politischer Wille, Solidarität und Führungsstärke. All dies lässt sich mit Dollar- und Euro-Milliarden nicht kaufen.Geld ist zwar wichtig – und eine Reihe von Bekanntgaben in Ankara verdienen Beachtung: Die Militärausgaben der europäischen Nato-Mitglieder plus Kanada sollen in diesem Jahr auf 780 Milliarden Dollar steigen, was inflationsbereinigt einem Zuwachs um ein Drittel seit 2024 entspricht. Gegenüber 2022, dem Jahr des russischen Einmarschs in die Ukraine, beträgt der Anstieg sogar 70 Prozent. Europa beginnt damit verteidigungspolitisch endlich nachzuholen, was es lange Zeit versäumt hat. In Ankara wurden zudem militärische Beschaffungen im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar angekündigt.Dabei fällt auf, dass die Europäer Lücken zu stopfen versuchen, die die Amerikaner mit ihrem angekündigten Teilrückzug hinterlassen werden: Gruppen von europäischen Alliierten beschaffen Flugzeuge zur Luftbetankung, Transportflugzeuge, Awacs-Radarflugzeuge und Langstrecken-Aufklärungsdrohnen. Das sind strategische Schlüsselsysteme, bei denen bis vor kurzem noch Verlass auf die USA war.Zugleich illustrieren diese Beispiele aber, wie brüchig die transatlantische Allianz geworden ist. Die Europäer müssen nicht nur überstürzt nachrüsten, sondern sich auch für das Szenario wappnen, dass die USA sich noch weiter von der Nato abwenden. Präsident Donald Trump tat in Ankara nichts, um solchen Befürchtungen entgegenzutreten, im Gegenteil. Er drohte mit dem Abzug sämtlicher amerikanischer Truppen aus Europa. Zudem bekräftigte er seine Ansprüche auf Grönland und beklagte sich über fehlende Nato-Hilfe im Krieg gegen Iran – wofür diese Allianz nicht zuständig ist.An der Militärhilfe für die Ukraine, die von europäischer Seite einen Umfang von jährlich 70 Milliarden Euro erreichen soll, beteiligen sich die USA nicht. Ebenso wenig sah sich Trump im vergangenen September zum Handeln veranlasst, als Russland mit einer Welle von Drohnenüberflügen den Nato-Luftraum verletzte und damit die Entschlossenheit der Allianz testete.Strategische KluftAnders als früher haben Amerika und Europa heute einen sehr unterschiedlichen Blick auf die russische Gefahr. Gegenüber Moskau sendet dies ein Signal der Gespaltenheit aus. Aber auch der europäische Pfeiler der Allianz ist nicht so stabil, wie er sein sollte. Dass es an Solidarität mangelt und manche Mitglieder viel weniger in die Verteidigung investieren als andere, ist nur ein Teil des Problems. Es fehlt auch an Klarheit darüber, wer innerhalb einer neuen, europäisierten Nato die Führungsrolle übernehmen soll.Die USA waren jahrzehntelang nicht nur das Mitglied mit der stärksten Streitmacht in Westeuropa; sie erfüllten auch die Rolle des Anführers, der die Marschrichtung vorgab, Kompromisse schmiedete, Entscheidungen herbeiführte und für den nötigen Zusammenhalt sorgte. Die zur Selbstblockade neigenden Europäer sind dafür nicht geschaffen. Selbst eine Kerngruppe – zum Beispiel eine E-5 aus Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien und Polen – wäre in einer Krise durch Interessengegensätze womöglich schnell gelähmt.Im schlimmsten Fall sieht ein skrupelloser Machtpolitiker wie Putin darin die Chance, mit einem begrenzten Angriff die Nato als Papiertiger zu entlarven. Dass er seine Soldaten bedenkenlos in den Tod schickt, hat er bewiesen. Die meisten europäischen Staaten hingegen haben das Kämpfen längst verlernt. Zu den zentralen Herausforderungen Europas gehört deshalb nicht nur das Aufrüsten, sondern auch die Frage, wie dieser Kontinent die nötige Willensstärke aufbringt. Der Gipfel in Ankara hat darauf keine Antwort geliefert – oder wie es Goethe formuliert hätte: Man ist so klug als wie zuvor.Passend zum Artikel