Nach dem Mord an Lyhanna: Die französische Justiz nimmt Kinderschänder stärker ins VisierDer Mord an einem elfjährigen Mädchen löste in Frankreich die grösste Überprüfung von Missbrauchsverfahren seit Jahren aus. Seither haben die Ermittler 675 mutmassliche Täter festgenommen. Die Justiz muss sich fragen lassen, warum sie so viele Warnsignale übersehen hat.24.07.2026, 16.21 Uhr3 LeseminutenDemonstranten in Paris prangern nach dem Mord an Lyhanna Anfang Juli das Versagen der Behörden an.Samuel Boivin / NurPhoto via GettyFünf Wochen. So viel Zeit bekamen Frankreichs Staatsanwälte, um mehr als 85 000 Verfahren gegen potenzielle Sexualstraftäter im ganzen Land zu überprüfen. Die Ansage ihres obersten Dienstherrn, Justizminister Gérald Darmanin, war unmissverständlich gewesen: Nach dem brutalen Mord an dem elfjährigen Mädchen Lyhanna Anfang Juni hatte Darmanin angeordnet, bis zum Nationalfeiertag am 14. Juli sämtliche Fälle neu zu bewerten, bei denen Minderjährige mutmasslich Opfer sexueller Gewalt geworden waren. «Niemand geht in die Ferien, bevor nicht alle Fälle geprüft sind», sagte er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schockierende ZahlenDie Frist wurde eingehalten, und der Minister erstattete wenig später in der Nationalversammlung Bericht: Insgesamt hatten die Behörden 85 047 Verfahren erfasst, davon knapp 70 000 neu überprüft. 970 Fälle stuften sie als besonders dringlich ein. Nach Einschätzung der Ermittler könnte in diesen Fällen von den Beschuldigten weiterhin eine Gefahr für Minderjährige ausgehen, weshalb diese Verfahren nun mit Vorrang bearbeitet werden. In 83 Prozent der Verfahren war der mutmassliche Täter bereits identifiziert. Seit Beginn der Überprüfung am 8. Juni wurden 675 mutmassliche Sexualstraftäter inhaftiert.Die Ergebnisse verdeutlichen, weshalb viele Fälle so schwer aufzudecken sind. Darmanin berichtete, dass gut drei Viertel aller angezeigten Personen zum unmittelbaren Umfeld ihrer Opfer gehörten: Väter, Stiefväter, Onkel oder enge Freunde der Familie. Neun von zehn Verdächtigen waren noch nie strafrechtlich verurteilt worden. Im Durchschnitt vergingen nach einer Anzeige wegen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zudem ganze 14 Monate, bis überhaupt ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde.Für Darmanin offenbart der Fall Lyhanna gravierende Mängel der Justiz. Kurz nach der Tat sagte er, es sei unverständlich, weshalb der Hauptverdächtige Jérôme Barella trotz mehrerer Anzeigen wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige erst neun Monate später festgenommen worden sei. Die landesweite Überprüfung, so resümierte er jetzt, habe gezeigt, dass es bei der Verfolgung von Kinderschändern durchaus weder an Mitteln noch an Gesetzen fehle. «Was fehlte, war, Straftaten gegen Minderjährige zu priorisieren.»Aktivistinnen der Gruppe Femen nehmen an einem Gedenkmarsch in Paris für Lyhanna und alle anderen Opfer sexueller Gewalt teil.Prezat Denis / ImagoFür die Eltern der elfjährigen Lyhanna sind solche späten Einsichten ein schwacher Trost. Ende Mai war ihre Tochter auf dem Heimweg von der Schule in Fleurance, einer Kleinstadt im Südwesten Frankreichs, verschwunden. Vier Tage lang suchten Hunderte von Freiwilligen, Polizisten und Feuerwehrleuten nach dem Mädchen. Ein Hinweis führte die Ermittler schliesslich zu einem stillgelegten Getreidesilo in einem Nachbardorf. Dort stiessen sie auf Lyhannas Leiche.Rasch fiel der Tatverdacht auf den 41-jährigen Jérôme Barella, den Vater einer Schulfreundin von Lyhanna. Den Justizbehörden war der Mann seit Jahren bekannt. Gegen ihn lagen bereits mehrere Strafanzeigen wegen eines mutmasslichen Vergewaltigungsversuchs und sexueller Übergriffe gegen Kinder vor. Dennoch wurde er bis zu Lyhannas Verschwinden nie von der Polizei verhört. Stattdessen blieben die Verfahren monatelang liegen. Seine Akten wanderten von einer Staatsanwaltschaft zur nächsten, ohne dass jemand die Brisanz des Falls erkannte.Gegen Barella wird mittlerweile wegen Vergewaltigung und Mordes an Lyhanna sowie wegen mindestens sechs weiterer mutmasslicher Sexualdelikte an Minderjährigen ermittelt. Der Lastwagenfahrer bestreitet die Vorwürfe. Die Ermittler stützen sich jedoch unter anderem auf DNA-Spuren, die am Körper der Elfjährigen gefunden wurden.Serie von SkandalenDer Fall reiht sich in eine Serie von Skandalen ein, die das Vertrauen in Frankreichs Rechtsstaat erschüttert haben. Erst im vergangenen Jahr wurde der ehemalige Chirurg Joël Le Scouarnec wegen zahlreicher sexueller Übergriffe auf minderjährige Patienten zur Höchststrafe von zwanzig Jahren Haft verurteilt. Auch bei ihm hatte es über Jahre hinweg Warnhinweise gegeben, ohne dass die Behörden einschritten. Und auch beim Missbrauchsskandal an der katholischen Schule Notre-Dame de Bétharram wurden wurden Hinweise auf körperliche und sexuelle Gewalt gegen Schüler über Jahrzehnte ignoriert.Als Konsequenz kündigte Darmanin an, die knapp 1000 als besonders dringlich eingestuften Verfahren mit Vorrang zu bearbeiten und die Verfolgung von Sexualdelikten gegen Minderjährige neu zu organisieren. Künftig sollen Hinweise auf mutmassliche Kinderschänder schneller ausgewertet und der Informationsaustausch zwischen den Behörden verbessert werden.Passend zum Artikel