«Das ist ein echtes Staatsversagen»: Der Fall der elfjährigen Lyhanna erschüttert FrankreichIn Südfrankreich haben Ermittler die Leiche eines Kindes gefunden. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Mann, gegen den die Justiz bereits mehrfach ermittelt hat. In Frankreich fragen sich nun viele: Haben die Behörden Warnsignale übersehen?05.06.2026, 15.06 Uhr4 LeseminutenAktualisiertTaucher der französischen Gendarmerie suchen am Donnerstag einen Fluss in der Nähe des Ortes ab, wo das elfjährige Mädchen verschwunden ist.ImagoWo ist die elfjährige Lyhanna? Diese Frage beschäftigt Frankreich seit Tagen. Seit einer Woche fehlt jede Spur des Mädchens aus Fleurance im Süden des Landes. Sie verschwand nach Schulschluss am Freitag vor einer Woche. Ihre Eltern meldeten sie am Abend als vermisst. Seither verfolgt das ganze Land den Fall.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Polizei suchte tagelang intensiv nach dem Mädchen. Nun deutet vieles darauf hin, dass die Suche ein tragisches Ende gefunden hat. Am Donnerstagabend fanden Ermittler die Leiche eines Kindes in einem Getreidesilo auf einem Bauernhof in der Nähe von Fleurance. Angaben zur Todesursache machten sie zunächst nicht. Eine Obduktion soll Klarheit schaffen. Laut Angaben des Staatsanwalts Olivier Naboulet entspricht die Kleidung jener, die Lyhanna am Tag ihres Verschwindens trug. Der Fund hat in Frankreich eine Debatte ausgelöst, die weit über das mutmassliche Verbrechen hinausreicht. Sie kreist um eine Frage: Hätte die Tat verhindert werden können?Lyhanna stieg in das Auto eines BekanntenZum letzten Mal gesehen wurde Lyhanna am vergangenen Freitagnachmittag. Sie stieg in das Auto von Jérôme B., dem Vater einer Klassenkameradin. Dabei hatten ihre Eltern jeden Kontakt zu dem Mann bereits Monate zuvor verboten. Lyhanna hatte ihnen erzählt, er habe sie während einer Übernachtungsparty gekitzelt und berührt.Im Fall Lyhanna gilt Jérôme B. nun als Hauptverdächtiger. Er arbeitete laut Medienberichten früher auf jenem Bauernhof, auf dem die Polizei die Leiche entdeckte. Die Polizei nahm ihn bereits am vergangenen Samstag fest. Zunächst bestritt er, das Mädchen mitgenommen zu haben. Dann legten ihm die Ermittler Aufnahmen einer Überwachungskamera vor. Die Bilder zeigen, wie Lyhanna in sein Auto steigt. Darauf erklärte Jérôme B., er habe das Mädchen beim städtischen Schwimmbad von Fleurance abgesetzt. Doch dort kam sie offenbar nie an. Weitere Aussagen verweigerte Jérôme B. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn inzwischen wegen Entführung und Freiheitsberaubung an.Trotzdem stellen sich gerade viele Franzosen die Frage, ob die Justiz entsprechende Warnsignale übersehen hat. Die Behörden ermittelten bereits mehrfach gegen Jérôme B. Die Staatsanwältin Clémence Meyer erklärte am Mittwoch, mehrere Vorwürfe wegen mutmasslicher Sexualdelikte an Minderjährigen hätten die Behörden bereits früher beschäftigt. Im Jahr 2017 soll der damals 32-Jährige eine Beziehung mit einer 17-Jährigen geführt haben. Die Mutter des Mädchens erstattete Anzeige. Die Justiz stellte das Verfahren jedoch 2018 ein. Die junge Frau habe der Beziehung zugestimmt, zudem habe ihr Alter strafrechtliche Schritte ausgeschlossen, erklärte die Staatsanwaltschaft. Im Februar 2021 verlor Jérôme B. seine Stelle als Hauswart an einem Gymnasium. Laut Angaben der Behörden ging er dort eine unangemessene Beziehung zu einer Schülerin ein.Im Jahr 2022 zeigte eine Familie den Verdächtigen wegen der mutmasslichen Vergewaltigung ihrer siebenjährigen Tochter an. Zwei Jahre später stellte die Justiz auch dieses Verfahren ein. Forensische und gynäkologische Untersuchungen sowie Zeugenaussagen stützten die Aussagen des Kindes aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht ausreichend.Anzeige wegen eines sexuellen ÜbergriffsNoch schwerer wiegt ein jüngerer Vorwurf. Eine weitere Familie beschuldigt Jérôme B., ihre damals zehnjährige Tochter im August 2025 vergewaltigt zu haben. Die Mutter sagte dem Sender BFMTV, sie habe wegen eines sexuellen Übergriffs Anzeige erstattet. Als Tatverdächtigen nannte sie den Vater einer Freundin ihrer Tochter: Jérôme B. Das Verfahren läuft auch neun Monate später noch. Laut Angaben seiner Anwältin hatte bis zum Verschwinden Lyhannas niemand ihren Mandanten befragt. «Mein Mandant gilt als unschuldig. Niemand hat ihn je vernommen», sagte sie. Die Staatsanwaltschaft verweist darauf, dass die Ermittlungen noch liefen. Die Befragung eines Beschuldigten erfolge oft erst am Ende eines Verfahrens.Gerade diese Vorgeschichte entfacht nun Empörung. Viele Franzosen fragen sich, weshalb die jüngste Anzeige neun Monate lang ohne Befragung des Beschuldigten geblieben sei. Die Debatte erreichte inzwischen Regierung und Justiz. Damit erhielt der Fall eine politische Dimension. Premierminister Sébastien Lecornu berief am Freitagmorgen mehrere Minister ein.Macron spricht von Fehlern, die aufgedeckt werden müssenPolitiker aus dem linken und dem rechten Lager haben sich in den letzten Tagen geäussert. Unter ihnen sind Jordan Bardella, Präsident des Rassemblement national, und Marine Tondelier, Vorsitzende der Grünen. Beide sehen in dem Fall ein Beispiel für das Versagen der Justiz und für den unzureichenden Schutz von Frauen und Kindern vor sexueller Gewalt. Auch in Fleurance wächst die Wut auf die Behörden. «Das ist ein echtes Staatsversagen», sagte Bürgermeister Grégory Bobbato dem Sender BFMTV. Frankreich zahle nun den Preis für jahrzehntelange Einsparungen im Justizsystem.Inzwischen hat sich auch Präsident Emmanuel Macron geäussert. «Es wurden Fehler aufgedeckt, und diese müssen aufgeklärt werden», sagte er am Freitagmorgen. «Wir können den Angehörigen nicht in die Augen schauen und uns einreden, dass alles gutgegangen ist.»Auch das Justizministerium spricht inzwischen von einem möglichen institutionellen Versagen. Zusammen mit dem Innenministerium hat es am Mittwoch eine gemeinsame Untersuchung eingeleitet, um zu prüfen, wie die Behörden mit den Anzeigen gegen den Verdächtigen umgingen. Laut Justizminister Gérald Darmanin offenbart die Affäre organisatorische Mängel. Zudem stelle sich die Frage, ob die Behörden Aussagen von Kindern ernst genug nähmen. Am Montag will sich Darmanin mit den höchsten Justizbeamten des Landes treffen.Passend zum Artikel