«Gibt es weitere Fälle wie Lyhanna?» – Der Mord an einem elfjährigen Mädchen in Frankreich wird zur JustizaffäreIn Südfrankreich wurde vergangene Woche die Leiche der elfjährigen Lyhanna gefunden. Gegen ihren mutmasslichen Mörder lagen bereits mehrere Anzeigen wegen Vergewaltigungen vor. Nun lässt die Regierung rund 70 000 Fälle überprüfen, die Straftaten gegen Minderjährige betreffen.08.06.2026, 17.11 Uhr3 LeseminutenMit einem Schweigemarsch gedachten Tausende Menschen in Fleurance der ermordeten elfjährigen Lyhanna.I. Bazin / Abaca / ImagoNach dem Mord an der elfjährigen Lyhanna steht die französische Justiz unter massivem Druck. Die Leiche des Mädchens wurde am vergangenen Donnerstag in einem stillgelegten Getreidesilo nahe der Stadt Fleurance im Südwesten des Landes gefunden. Sechs Tage zuvor war Lyhanna nach Schulschluss verschwunden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Zentrum der Ermittlungen steht der Vater einer Klassenkameradin von Lyhanna, der 41-jährige Jérôme Barella. Gegen ihn lagen bereits mehrere Anzeigen wegen mutmasslicher Sexualdelikte an Minderjährigen vor. Nun müssen die Justizbehörden erklären, weshalb der Mann trotz dieser Vorgeschichte nie vernommen wurde.Lyhannas Eltern hatten schon Verdacht geschöpftÜberwachungskameras zeigen, wie Lyhanna kurz vor ihrem Verschwinden in Barellas Auto stieg. Der Beschuldigte behauptete später, er habe die Elfjährige vor einem Schwimmbad abgesetzt. Dort kam sie jedoch nie an. Erst nachdem Ermittler ihm die Aufnahmen vorgelegt hatten, räumte Barella ein, das Mädchen mitgenommen zu haben. Zu den weiteren Vorwürfen äusserte er sich seither nicht. Eine Obduktion soll nun klären, ob Lyhanna vor ihrem Tod sexuell missbraucht wurde.Brisant ist, dass Jérôme Barella den Behörden seit Jahren bekannt war. Bereits 2017 wurde gegen ihn ermittelt, nachdem die Mutter einer 17-Jährigen Anzeige erstattet hatte. 2021 verlor er seine Stelle als Hauswart an einem Gymnasium wegen einer unangemessenen Beziehung zu einer Schülerin. Ein Jahr später zeigte ihn eine Familie wegen der mutmasslichen Vergewaltigung ihrer siebenjährigen Tochter an. Die Strafverfahren wurden später mangels Beweisen eingestellt.Im August 2025 beschuldigte eine weitere Familie Barella, ihre damals zehnjährige Tochter missbraucht zu haben. Die Anzeige wurde zunächst bei der Staatsanwaltschaft Toulouse eingereicht und später ins Département Gers weitergeleitet. Als Lyhanna verschwand, liefen die Ermittlungen noch immer. Nach Angaben seiner Anwältin war Barella bis dahin jedoch nie vernommen worden.Auch Lyhannas Eltern waren bereits misstrauisch geworden. Ihre Tochter hatte ihnen erzählt, Barella habe sie bei einer Pyjamaparty mehrfach angefasst und gekitzelt. Auf die Frage, ob es auch sexuelle Berührungen gewesen seien, wusste Lyhanna keine Antwort. Die Eltern untersagten ihr danach jeden weiteren Kontakt zu dem Mann.In Fleurance nahmen am Sonntag rund 6000 Personen an einem Schweigemarsch für das Opfer teil. In die Trauer um das Mädchen mischte sich scharfe Kritik an den Behörden. Der Bürgermeister des Ortes, Grégory Bobbato, der bereits zuvor von einem «echten Staatsversagen» gesprochen hatte, erklärte, Fleurance sei «eine wütende Stadt in einem wütenden Land». Kinderschutzorganisationen und feministische Verbände riefen für Montagabend zu Kundgebungen vor Gerichten im ganzen Land auf.«Schreckliches Versagen des Staates und der Justiz»Am Montag bestellte der Justizminister Gérald Darmanin die Generalstaatsanwälte des Landes zu einer Krisensitzung nach Paris. Anschliessend sprach auch er von einem «schrecklichen Versagen des Staates und der Justiz». Bis zum Nationalfeiertag am 14. Juli, so Darmanins Order, sollen die Staatsanwaltschaften nun sämtliche Verfahren erfassen, in denen Minderjährige Opfer mutmasslich sexueller Straftaten geworden sind und bei denen wesentliche Ermittlungsschritte noch ausstehen. Nach Angaben des Ministers betrifft dies rund 70 000 Anzeigen.«Gibt es weitere Fälle wie Lyhanna in Frankreich?», fragte Darmanin nach dem Treffen. In einem Fernsehinterview hatte er sich zuvor bei der Familie dafür entschuldigt, dass die Justiz das Mädchen nicht habe schützen können. Zudem kündigte Darmanin eine Inspektion des Justizministeriums an. Sie soll klären, ob die Affäre auf individuelles Fehlverhalten oder auf strukturelle Probleme innerhalb der Justiz zurückgeht.Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach bereits kurz nach dem Fund der Leiche von Fehlern, die aufgeklärt werden müssten. Zugleich betonte er, im Fall Lyhanna könne man sich nicht auf fehlende Mittel berufen. Die Richterverbände wiesen unterdessen den Vorwurf zurück, einzelne Magistrate seien für die Tragödie verantwortlich. Sie verweisen auf überlastete Gerichte und eine stark gestiegene Zahl von Verfahren wegen sexualisierter Gewalt.Inzwischen wurde am Montag auch Barellas Bruder in Polizeigewahrsam genommen. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Vergewaltigung einer Minderjährigen und seiner früheren Partnerin ermittelt. Die Vorwürfe betreffen mutmassliche Taten zwischen 2007 und 2017. Ein Zusammenhang mit dem Fall Lyhanna ist bis jetzt nicht bekannt.Passend zum Artikel
Justizversagen in Frankreich: Tragödie um die elfjährige Lyhanna
In Südfrankreich wurde vergangene Woche die Leiche der elfjährigen Lyhanna gefunden. Gegen ihren mutmasslichen Mörder lagen bereits mehrere Anzeigen wegen Vergewaltigungen vor. Nun lässt die Regierung rund 70 000 Fälle überprüfen, die Straftaten gegen Minderjährige betreffen.











