Der Mord an einem elfjährigen Mädchen im Südwesten Frankreichs hat zu einer erhitzten Debatte über Versäumnisse der Justiz bei Sexualstraftätern geführt. Justizminister Gérald Darmanin hat am Montag alle Generalstaatsanwälte des Landes zu einer Dringlichkeitssitzung einbestellt. Er drohte ihnen mit einer Urlaubssperre, solange alle vorliegenden 70.000 Anzeigen wegen mutmaßlicher Sexualstraftaten an Kindern nicht gründlich überprüft worden seien. „Ich werde nicht in den Urlaub fahren“ und „kein einziger hoher Richter wird in den Urlaub fahren“, solange diese Arbeit nicht abgeschlossen sei, sagte der Minister dem TV-Sender LCI am Sonntag. Er setzte als Frist den 14. Juli.Der Fall der elfjährigen Lyhanna hat Frankreich erschüttert. Am Sonntag erinnerten mehr als 6000 Menschen bei einem Gedenkmarsch in Fleurance im Département Gers an die Schülerin. Lyhanna war am 29. Mai nach ihrem Schulbesuch in Fleurance nicht nach Hause gekommen. Die Polizei ließ in einer Großfahndung nach ihr suchen. An der Suche beteiligten sich Nachbarn und Freunde, auch die Armee war im Einsatz. In allen Medien wurde ein Foto des lächelnden Mädchens veröffentlicht. Nach einer Woche fand die Polizei die Leiche Lyhannas in einem unbenutzten Getreidesilo. Einem Anwohner war aufgefallen, dass ungewöhnlich viele Vögel darüber kreisten.Es geschah bei einer Pyjamaparty der eigenen TochterDer Hauptverdächtige ist der 41 Jahre alte Jérôme B., dessen Tochter mit Lyhanna die Schule besuchte. Er soll bei einer Pyjamaparty das Mädchen unsittlich berührt und sie ständig vor der Schule mit Süßigkeiten und Backwaren umworben haben, wie die Mutter berichtete. Jérôme B. war wiederholt bei der Polizei wegen mutmaßlicher Sexualstraftaten angezeigt worden. Er wurde zudem fristlos als Hilfskraft in einer Schule entlassen, weil er ein „nicht adäquates Verhalten“ an den Tag gelegt hatte. Doch blieb der Mann unbehelligt. Eine von der zuständigen Staatsanwältin ausgestellte Vorladung im Februar wurde von der Polizei ignoriert.6000 Menschen erinnerten sich während eines Gedenkmarschs in Fleurance an LyhannaEPAJustizminister Darmanin prangerte am Montag ein „totales Versagen“ an und sprach von „erschütternden und inakzeptablen Missständen in den staatlichen Behörden“. Er drohte den zuständigen Staatsanwälten mit Sanktionen. Kinderschutzverbände und feministische Gruppen kündigten Proteste vor Gerichten im ganzen Land an. Die Stiftung Fondation des femmes schrieb in einem Kommuniqué, es handele sich um ein „systemisches Versagen der Institutionen“.Der ehemalige Vorsitzende der unabhängigen Kommission zu Inzest und sexueller Gewalt gegen Kinder (Ciivise), Richter Edouard Durand, beklagte, dass sexuelle Gewalt an Kindern weiterhin geleugnet werde. „Dabei handelt es sich oftmals um pädophile Schwerkriminelle“, sagte Durand im Radiosender France Inter. Zwei Drittel aller Anzeigen mit Kindern als Opfer würden eingestellt. Die Unschuldsvermutung diene dabei viel zu häufig als Deckmantel, um keine weiteren Nachforschungen zu betreiben.Eine Strafanzeige blieb unbeachtetDie Nationale Konferenz der Generalstaatsanwälte wie auch die der Staatsanwälte wiesen die Kritik des Justizministers hingegen zurück. Wut sei kein guter Berater, hieß es. Bislang sei nicht erwiesen, dass die Staatsanwälte ihre Arbeit nicht korrekt erfüllt hätten. Eine Sprecherin der wichtigsten Richtergewerkschaft kritisierte die Überprüfung aller Anzeigen innerhalb von sechs Wochen. Das sei nur politische Beschwichtigung.Eine Autopsie soll offenlegen, ob sich Jérôme B. sexuell an Lyhanna vergangen hat. Den Ermittlern liegen Aufnahmen einer Überwachungskamera vor, die zeigen, wie das Mädchen in der Nähe des Schulgebäudes in sein Auto stieg. Der Hauptverdächtige verweigert bislang die Aussage, wie die französische Presse meldete. Es liegen mehrere Anzeigen gegen Jérôme B. vor. Eine andere Familie hat ihn der mehrfachen Vergewaltigung ihrer zehnjährigen Tochter bezichtigt. Die Taten sollen sich bei einer Pyjamaparty ereignet haben. Seit der Anzeige im August 2025 sei der Mann nicht einmal von der Polizei vernommen worden, berichtete die Zeitung „Le Figaro“.„Es ist offensichtlich, dass es hier ein Versagen gibt, und wir können nicht übersehen, dass Schwachstellen zutage getreten sind; diese müssen geklärt werden (…), ebenso wie die Verantwortlichkeiten, die hier eine Rolle spielen“, sagte Präsident Emmanuel Macron.