Die Pause war bereits fest eingeplant. Verdient. Nein, schwerstverdient, und die These hier wird gleich lauten, dass sie womöglich auch nötig gewesen wäre. Dass sie „Music, Fashion, Film“, dem neuen Album von Charli xcx, gutgetan hätte. Es wirkt in Teilen unfertig, skizzenhaft, eilig hingeworfen.Weshalb die Gegenthese selbstverständlich lauten muss, dass die weit über jedes gesunde Maß hinaus getriebene Großkünstlerin Charli xcx enger mit dem Universum in Verbindung steht, als man das als herkömmlicher Kritiker im Schnitt tut. Dass sie recht damit haben wird, dass es dieses Album jetzt sofort und in genau dieser Form braucht. Und dass es eigentlich roh, zerrissen und der Zeit angemessen drängend klingt. Wirklich kaum zu sagen, bei diesem weithin verwirrenden Stück Musik.Die geplante Pause also zunächst. Das waren zuletzt ja ein paar Jahre, mit denen andere Menschen – andere Künstler auch – Leben füllen. Im Jahr 2024 veröffentlichte Charli xcx ihr brillantes Album „brat“, das wirkmächtig genug war, um das englische Wort für „Göre“ in ein Adjektiv umzudeuten. „Görig“, in einem etwas geistesverquirlten Sinne dem Leben nicht zu jedem Zeitpunkt komplett gewachsen, wurde zu einer Gegenbewegung zur allgemeinen Selbstoptimierung. Das Collins English Dictionary nahm das Wort auf. Kamala Harris nutzte es im US-Präsidentschaftswahlkampf.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Die Tour zum Album wurde riesig. Und sehr zehrend. Diese Charlotte Emma Aitchison, wie sie heißt, falls sie ihre Kunstfigur je verlässt, stand damals Abend für Abend für Abend komplett allein auf der Bühne. Brummkreiselte, derwischte, headbangte sich durchs Programm – und ruinierte damit unter anderem die Nervenstränge in ihrem Nacken.Reißleine am Ende der Tour? Aber nein, lieber weiter. Aitchison nahm ein paar Rollen als Schauspielerin an. Schrieb den gigantischen Soundtrack zum erregt erwarteten Film „Wuthering Heights“. Heiratete zwischendrin, plante, es danach aber wirklich ruhiger anzugehen. Dann überrollte sie die Inspiration. Und weil Charli xcx zu jenen Künstlerinnen gehört, die eine tiefe Verantwortung gegenüber Kunst und Inspiration empfinden, ergab sie sich.Madonna reagierte: „Wenn dein Dancefloor sich tot anfühlt, spielst du vielleicht die falsche Musik.“Ein paar Wochen später waren die elf Songs von „Music, Fashion, Film“ fertig, die es zusammen auf schlanke 30 Minuten bringen. Und mit einer Art Provokation beginnen. Erster Song, „Rock Music“: heiser krächzendes Gitarren-Stakkato, fein nöliger Gesang, gar nicht sonderlich krawallige Drums und dann diese Zeile: „Yeah, we’re on to the next / I think the dancefloor is dead / So now we’re making rock music“. Zeit, dass wir weiterziehen. Der Dancefloor ist tot. Deshalb machen wir jetzt Rockmusik.Eine Abkehr demnach, vom sehr Electro-lastigen Vorgänger, und vielleicht auch von der Welt, für die er stand. Diese Welt, dazu neigt sie gerade allgemein ja oft, reagierte einigermaßen erregt. Fans waren wenigstens im ersten Moment verwundert. Courtney Love bezeichnete Charli xcx als Troll. Die große Madonna postete diese Information: „Wenn dein Dancefloor sich tot anfühlt, spielst du vielleicht die falsche Musik.“YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Was dann eben zur Musik führt. Es ist wohl tatsächlich so etwas wie ein Rock-Album. Nicht puristisch, nicht dogmatisch. Aber im Kern bestimmen sorgsam abgefiselte Gitarren die Szenerie. Wieseln und gniedeln und kriechen herum, saugen dem Ganzen das Grellgrün von „brat“ aus und hinterlassen im Mittel ein nebelverhangenes Dunkelgrau. Das, wichtig, der Sängerin im Kontrast sehr gut steht. Allerdings kommen nicht viele der Ideen weit über die erste zerrbearbeitete Atmosphäre hinaus. Anstelle von echten Refrains gibt es womöglich etwas zu oft einfach nur mehr Instrumente. Statt sich zu ganzen Songs zusammenzusetzen, bleiben ein paar der durchaus spannenden, in Teilen aufwühlenden Ansätze auf der Ebene von Jams hängen.Das wird, siehe oben, Konzept sein. Momentaufnahme statt Ausarbeitung, Ad-hoc-Inspiration über Arrangementexzess. Befreiend sicher. Vielleicht hätten ein paar der Lieder mehr Liebe verdient, vielleicht ist es aber auch alles egal. Im letzten Song, „No One Lasts Forever“, ist ganz zum Schluss der Regisseur David Cronenberg zu hören, der sagt, dass ein paar Künstler durchaus Werke erschaffen haben, die die Jahrtausende überdauern. Das sei auch toll. Aber auf Künstlerseite gelte nun mal dies: „Sie sind tot, sie sind von uns gegangen, sie erleben es nicht mehr.“ Und dann, wieder und wieder, über Minuten: „They are dead, they are gone, no one lasts forever. They are dead, they are gone, no one lasts forever. They are dead, they are gone, no one lasts forever.“Und da soll man mit irdischen Mitteln nun eine Wertung aussprechen?
Neues Album von Charli xcx: SZ-Kritik zu „Music, Fashion, Film“
Eigentlich brauchte die arg getriebene Künstlerin Charli xcx dringend eine Pause. Dann zwang ihr die Inspiration doch noch ein Album ab.












