So wie bisher konnte es bei Charli XCX nicht weitergehen, deren Album „Brat“ 2024 in aller Ohren war. Aber selbst wer nichts mit ihrer brutal ehrlichen, performativ desinteressierten Partymusik anfangen konnte, stieß früher oder später auf das giftgrüne Pop-Phänomen, etwa als die 1992 geboren Britin auch Kamala Harris als „Brat“ (ursprünglich etwa: verzogene Göre) beschrieb, was dadurch zu einem politischen Schlagwort wurde. Auf dem Album folgte ein EDM-Track auf den anderen, und die Party lief. Jetzt deklariert Charli XCX in ihrem Lied „Rock Music“, dass die Party vorbei ist. „I think the dancefloor is dead, so now we’re making rock music“ (Ich glaube, die Tanzfläche ist ausgestorben, deswegen machen wir jetzt Rockmusik). Mit diesem Einstieg in ihre neue Platte „Music, Fashion, Film“ vollzieht sie signalhaft einen Wechsel ihrer kulturellen Umgebung.Charli XCX war mit ihrer Musik und ihrem Image so erfolgreich wie wenige Popstars in den vergangenen Jahren. Und doch nun der Wandel: Ist die „Brat“-Attitüde musikalisch und als Lebenseinstellung denn durchgespielt? Das ließe sich auch mit Rückblick auf die „Riot-Grrrl“-Bewegung im Independent-Pop fragen. Der Imagewechsel ist allerdings für Mainstream-Popsängerinnen nicht ungewöhnlich, auch erfolgreiche wie Olivia Rodrigo wandten sich jüngst ihren musikalischen Rockvorbildern zu, zum Beispiel The Cure, und Miley Cyrus vollzog den Wandel von Pop zu Rock bereits 2020 mit ihrem Album „Plastic Hearts“. Vielleicht ist das auch eine Folge davon, so früh schon größtmögliche Berühmtheit zu erlangen. Das fordert dazu heraus, sich mit Vorbildern zu messen und Kritikern zu beweisen, dass man nicht nur ein Star, sondern auch facettenreich ist. Die Resonanz auf die Alben von Cyrus und Rodrigo fiel positiv aus, und die beiden wurden schlagartig ernster genommen.Nostalgische Verbeugungen vor The Cure und Velvet UndergroundAuch visuell wird der Stilwechsel deutlich: Das Cover von „Music, Fashion, Film“ ziert eine Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der John Cale, der Mitbegründer der Artrock-Band The Velvet Underground, der Designer Marc Jacobs und der Filmemacher Martin Scorsese zu sehen sind. Das ist eine interessante Geste: Sich in die Reihe dieser Kultfiguren einzuordnen und dabei selbst in den Hintergrund zu treten, ist so genial wie übermütig. Charli XCX macht daraus selbstverständlich einen Witz: „I love it. And you might not“, erzählt sie über ihr Album und inszeniert sich so auch weiterhin desinteressiert und über den Dingen stehend. Zugleich aber darauf bedacht, bei den Ikonen mitzumischen. Dabei hat sie es eigentlich gar nicht mehr nötig.In die Umlaufbahnen dieser Vorbilder zu gelangen, funktioniert am besten mit Rockmusik. Zu einem stimmigen Bild fügen sich die Lieder allerdings nicht zusammen. Da sind Tracks wie „Camera“, die sanft starten, sich dann durch prominent platzierte E-Gitarren und Drums in klassischer Rock-Manier aufbauen, später ihr Poptrack „Wink Wink“, der an ihre frühere trotzige Haltung anknüpft. Ein Lied mit Interview-Ausschnitten von David Cronenberg beendet die Platte, „No One Lasts Forever“ klingt verzerrt und elektronisch angereichert. Du wirst nicht ewig leben, also wird nichts ewig währen, lautet die Botschaft. Nicht mal die eigene Musik, auch wenn ein Aufstieg in den Rockolymp freilich erstrebenswert ist.Charli XCX möchte der Welt auch noch etwas anderes beweisen, was ihr als Kunstfigur und Stilikone nicht minder wichtig ist: ihren guten Geschmack. Etwa durch ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Aidan Zamiri, der ihr Musikvideo zu „Camera“ drehte, in dem Schauspieler Vincent Cassel eine Pistolenschuss-Szene aus dem Kult-Film „Hass“ (1995) imitiert. Oder dass sie an The Velvet Underground anknüpfen möchte (ohne dass ihre Musik allerdings stark danach klänge). XCX selbst sagt, sie kenne und höre wenig Musik von anderen. Das wiederum ist so „brat“, dass sie dieses Image auch jetzt einfach nicht loswird.Charli XCX: „Music. Fashion, Film“. Atlantic (Warner)