Charli XCX: Weder Pop noch Punk werden uns vor dem Untergang bewahrenDer britische Pop-Star hat bisher vor allem mit Dance-Beats und exaltierten Posen für Aufsehen gesorgt. Auf dem Album «Music, Fashion, Film» setzt sie nun auf rockige Klänge, um Skepsis und Selbstzweifel auszudrücken.24.07.2026, 15.00 Uhr4 LeseminutenMit ihrem neuen Album ist Charli XCX weniger Rock-Epigonin als Rock-Darstellerin.Warner MusicCharlie XCX treibt es nicht mehr so bunt. War die britische Sängerin bisher bekannt für ihren schrillen Hyper-Pop und exaltierte Posen, so setzt sie auf dem neuen Album «Music, Fashion, Film» auf ältere, düstere Tönungen. Das zeigt schon das überraschende Cover in Schwarz-Weiss mit dem Gruppenbild dreier älterer Herren, dem Filmemacher Martin Scorsese, dem Musiker John Cale und dem Modedesigner Marc Jacobs, die sozusagen für Klassik in ihren Genres stehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Schwarz-Weiss kommt auch das Video zur Single «Rock Music» daher. Und dazu passt der Retrosound: Statt synthetischem Bombast kreischende Gitarren und Schlagzeug. Dazu eine gesungene Erklärung: «I think the dance floor is dead, so now we’re making rock music.»Ende der PartyDie Dance-Welle ist also vorbei? Charli XCX wird es wohl wissen. Sie war es ja, die immer wieder für Partystimmung gesorgt hat. 2024 zumal, im sogenannten «Brat»-Sommer. Auf dem Album «Brat» hatte sie die Welt damals in üppige Sounds gekleidet. Und die pfundigen Dance-Beats animierten zu ausgelassenem Tanzen und nährten die Lust, über die Stränge zu schlagen. Der Pop-Star selbst posierte als schrilles It-Girl und spuckte grosse Töne: «I’m your number one!» Und tatsächlich wurde sie vom Publikum und vor allem von der Pop-Kritik als die dominierende Trendsetterin gefeiert.Der Musiker John Cale, der Designer Marc Jacobs und der Filmemacher Martin Scorsese auf dem Cover von «Music, Fashion, Film».Warner MusicMan mag es bedauern, dass «Brat» nun keine stilistische Fortsetzung erlebt auf «Music, Fashion, Film». Aber wäre es nicht langweilig, wenn sich die 33-jährige Charli XCX bloss selbst kopieren würde? Image und Kult von Pop-Stars schillern stets zwischen Wiedererkennung und Überraschung. Und die schlaue Britin forciert nun Letzteres durch Kontrast und Stilbruch.Dabei nimmt sich ihre Hinwendung zur Rockmusik wie eine nostalgische und konservative Geste aus. Rock erweist sich heute als komfortable Tradition, in die man sich zurücklehnen kann wie in ein gemachtes Bett. Tatsächlich lebt der Song «Rock Music» – schlank arrangiert vom Charli XCX Ko-Produzenten A. G. Cook und Finn Keane – von bewährten Powerchords, E-Gitarre im Overdrive und ein paar harten Trommelschlägen.Ist Charli XCX jetzt ein Rock-Star? Auf dem Video zu «Rock Music» persifliert sie punkige Gesten. Nonchalant wirft sie eine Box aus dem Fenster, macht dann ein bisschen auf schlampig und raucht so viel, dass sie zwischen meterhohen Haufen von Kippen navigieren muss. Zuletzt allerdings reisst das Videobild, der Riss geht mitten durch den Star und sein Image – die Performance wird so als Inszenierung kenntlich gemacht. Charli XCX ist weniger Rock-Epigonin als Rock-Darstellerin. Entsprechend ist auch ihre Rock-Interpretation nicht authentisch, sondern durchaus poppig.Pop ist weniger ein Stil als ein Verfahren: Man zitiert und sampelt mit Klischees, man steckt den Sound in simple Formen und macht auf Ironie. Diesem Muster folgen alle Songs des neuen Albums, auch wenn der Sound etwas variiert zwischen Punk- und Metal-Anklängen.«Bomm chick, Bomm chick» tönt das Schlagzeug in «Camera», darüber surrt das Tremolo einer Gitarrensaite. Und in «SS26» wiederholt sich ein simpler Rock-Riff und setzt sich kreisend im Ohr fest. Ähnlich produziert waren jüngst auch Charlie XCX Songs für Emerald Fennells Film «Wuthering Heights» – nur hat sie damals Streichersätzen einen wallenden Teppich gewoben, über dem sie dann poppige Melodien sang.Musikalisch schwankt «Music, Fashion, Film» in Niveau und Originalität, was auch etwas mit Charli XCX’ Ehrgeiz zu tun haben mag, den Chic von Subkultur und Avantgarde zu demonstrieren und gleichzeitig auch dem Mainstream gerecht zu werden. «Card Declined» etwa ist eigentlich ein hartes Stück Punk. Die Britin singt von all den Dingen, die sie sich kaufen möchte – eine Tasche, Schmuck, eine Persönlichkeit, ein neues Leben; doch die Bezahlung mit Karte funktioniert nicht. Und dann klingt der Song doch noch in einer braven Pop-Melodie aus.Insgesamt sehen Charli XCX’ Rock-Verschnitte zwar raffiniert aus, sie sind sauber produziert und poliert bis in die ätzenden Verzerrungen. Aber es gelingt ihr kaum mehr, sich als musikalische Nonkonformistin zu profilieren – zu oft ist man an austauschbaren Pop-Rock erinnert, der etwa ins Repertoire von Dua Lipa oder Olivia Rodrigo passen könnte.Ausbruch aus der ScheinweltImmerhin gelingt es ihr, eine gewisse Haltung durchzuziehen und thematische Schwerpunkte zu setzten, die aus «Music, Fashion, Film» eine Art Konzeptalbum machen. In dieser Hinsicht gibt es auch ein paar Anknüpfungen an «Brat». Auf dem Dance-Album ging es tatsächlich nur anfangs und bloss vordergründig um Tanzfläche und Party. Charli XCX glänzte mitunter dadurch, dass sie im Jubel der Klubmusik auch Selbstzweifel und biografische Herausforderungen erkennen liess– vom Kinderwunsch bis zum Stress als Star in der Öffentlichkeit.Ihre Skepsis der eigenen Existenz gegenüber, aber auch der Gegenwart im Allgemeinen kommt nun vermehrt zum Ausdruck: «Rock Music» steht exemplarisch für das Bedürfnis, aus der Scheinwelt auszubrechen und für die Gier nach echten Empfindungen. Sie habe sich beim Headbanging verletzt, der Nacken tue richtig weh: «But it’s the only way to feel somеthing».Noch drastischer sind die Zeilen aus dem Song «SS26», denen das Album seinen Titel verdankt. Ob Mode, Musik oder Film – die Kultur ist für Charli XCX quasi ein Abstellgleis, das am fatalen Weltenlauf nichts mehr ändern kann: «When the world is gonna end, no hope for any of it. Yeah, we’re walkin’ on a runway that goes straight to hell. Nothing’s gonna save us, not music, fashion or film.» Trotzdem kann sich Charli XCX für nichts mehr begeistern als für Musik, Mode und Film.Passend zum Artikel